An einem Wochenende kann viel geschehen. Jeder erzählt sich danach in der bekanntlichen Montagsstimmung die lustigen Geschichten, die am Wochenende passiert sind. Ich hatte dieses Wochenende genug von der Hauptstadt und habe Freunde in Greifswald besucht.
All in all: Ein Absturz auf höchster Ebene.

Die 10‐Minuten‐Regel

Freitagabend 21:19 Uhr kam ich in Greifswald Süd an.
Mein Kumpel holte mich freundlicherweise vom Bahnhof ab. Nachdem wir uns begrüßt hatten, gingen wir auch schon in den nächsten Supermarkt (der praktischerweise direkt am Bahnhof liegt) und besorgten uns etwas zu trinken, um unser Wiedersehen feiern zu können. Mit den Worten „Der Winter ist vorbei, der Schnaps muss jetzt gemischt werden.“ Besorgte ich eine Flasche Cola und er den billigen Fusel.
Ich hatte schon die Hoffnung, dass das Wochenende keine Eskalation bereithält.

Dem war allerdings nicht so.
10 Minuten nach meiner Ankunft in der Studentenstadt hatte ich mein erstes Bier in der Hand und fühlte mich entspannt … noch.

Party die Erste

Nachdem ich mein Gepäck in der WG abgestellt und alte bekannte begrüßt habe, blieb mir nicht viel Zeit zum Verschnaufen. Die erste Party‐Einladung musste wahrgenommen werden. Wir gingen auf eine WG‐Party irgendwo in der Innenstadt. Mein Kumpel und ich kannten niemanden dort. Das macht die Sache natürlich spannend. Niemand wusste, was uns dort erwartet. Wir kamen an und mussten uns natürlich bei dem Gastgeber vorstellen. Anmerkung: Wir benutzen auf fremden Partys Pseudonyme. Mein Begleiter hieß Lars und ich Emil. Wir studieren Kriminologie in Rostock (keine Ahnung, ob es den Studiengang dort überhaupt gibt). Zum Glück hat uns niemand zum Studium ausgequetscht. Anscheinend ist dieser Studiengang so langweilig, dass es niemandem interessiert was ein Kriminologe so alles anstellt. Demzufolge weiß ich, was ich nicht studieren möchte.
In der kleinen 70qm WG quetschten sich gefühlte 120 feierlustige Menschen. Dementsprechend dauerte es nicht lange, bis die Polizei anrückte. Zufälligerweise standen meine Begleiter und ich an der Tür. Es klingelte, wir öffneten und mit einem kräftigen „Verpisst euch hier!“ knallte Lars die Tür wieder zu. Glücklicherweise wurde diese vulgäre Aufforderung von den Herren nicht beachtet. Nach 20 Minuten wurde die Party endgültig gesprengt.

Party die Zweite

Wir gingen also zur nächsten Party. Auf dem Weg dort hin hatten wir wieder eine Begegnung mit der Polizei. Ein Kumpel von uns wurde angehalten, weil er mit dem Fahrrad fuhr. Dieser Satz hört sich komisch an, ist aber so. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr, was genau vorgefallen ist. Der Weg zur nächsten Party wurde aus meinem Gedächtnis gelöscht. Vielleicht war mein Erinnerungsspeicher voll. Die nächste Party war in den berühmten Geo‐Keller. Das Motto hier: tanzen und trinken auf billigem Niveau. Ich glaube allerdings, dass ich einfach nur leblos auf der Tanzfläche stand. Es war mir nicht möglich eine koordinierte Bewegung mit meinen Gliedmaßen zu erzielen. Mein Kumpel wollte unbedingt ein Mädchen aufreißen, die „Karen“ hieß. Mit den Worten „Jetzt wollen wir den Karen mal ausm Dreck ziehen!“ versuchte er sein Glück bei der jungen Dame. Erfolglos.
Aus irgendeinen Grund machte sich die Aufbruchstimmung breit. Entweder, weil wir müde waren oder die Tatsache, dass wir noch einen gefühlten 50 Km langen Fußmarsch vor uns hatten.
(Anmerkung: Bitte liebe Greifswalder, löst dieses Problem mit der unflexiblen Nacht. Kauft euch eine U‐Bahn.)
Draußen vor dem Geo‐Keller sah ich noch eine Frau, die recht betrunken war. Sie stolzierte mit starrem Blick den Weg entlang. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie anfängt hinzufallen und keine gerade Bewegung vollführen kann, wenn sie für uns außer Sichtweite war. Schade, dass sie alleine nach Hause ging. So hatte sie niemanden, der ihr die Haare beim Kotzen hielt. Ich gab ihr den Namen Steven.

Knast

Im betrunkenen Zustand machen Jungs ziemlich blöde Sachen.
Warum? Keine Ahnung.
Bringt auch nichts darüber nachzudenken.
Wir wollten natürlich nicht laufen. Daher, versuchten wir zu dritt auf einem Fahrrad zu fahren. Es hätte geklappt, wenn wenigstens einer von uns einigermaßen nüchtern gewesen wäre. Wir fielen bestimmt 6‐mal, zusammen mit dem Rad, auf den Gehweg. Als wir eingesehen hatten, dass es nicht die optimale Fortbewegungsmethode war, entschieden wir uns zu laufen. Schließlich wurden Beine früher erfunden als das Fahrrad. Mit der Idee zwei Straßenrand‐Gulli‐Deckel zu öffnen, wollten wir uns wieder wie 15 fühlen. Wir dachten, dass sich dort ein Kätzchen eingesperrt hat, das wir natürlich retten müssen. Außerdem wollten wir ein Foto von uns machen, wie wir in einem Gulliloch stehen. Selbstverständlich dachten wir nicht an irgendwelche Folgen. Wie auch? Wir dachten ja nicht mal ans Denken. Immerhin haben wir in unserem Leben bereits richtig blöde Dummheiten angestellt. Nur wurden wir bisher noch nie erwischt.

Bis zum besagten Tag.
Wir sahen auf dem Gehweg eine recht stattliche männliche Gestalt. Quasi ein Gorilla in einer breiten Jacke und ohne Haare auf dem Kopf. Dieser Mann kam schnell, mit wedelnden Armen, auf uns zu und hielt meinen Kumpel fest, der versuchte zu flüchten.
Jetzt sahen wir, dass der Türsteher ein Polizist war.
Dieser brüllte uns an, was wir dort machen (und so weiter…na was Polizisten so eben für blöde rhetorische Fragen stellen). Da wir artige Jungs sind, haben wir natürlich die Gulli‐Löcher wieder geschlossen. Damit war es allerdings noch nicht genug. Wir wurden aufgefordert, in ein Gerät zu pusten. Verdutzt sahen wir die Polizisten an. Ich fragte, was hier eigentlich los ist.

„Laut §315a ist ihr Handeln eine Straftat und eine Gefährdung des Straßenverkehrs.“
Ich blickte mich um und kann bis heute sagen, dass nicht EIN Auto während dieser Zeit auf der Straße gefahren war. Also fragte ich: „Welcher Verkehr?“
Die Frage wurde ignoriert. Plötzlich sollten wir auf das Präsidium. Nun waren wir richtig verwirrt. Dort angekommen warteten wir, bis jeder einzeln in das Büro gehen sollte. Vor uns war noch irgendein Junky an der Reihe, durchgenommen zu werden. DER war ein Verbrecher. Nicht wir. Egal…

Irgendwann kam dann der Polizeichef raus und war der Meinung uns lautstark belehren zu müssen.
„IST EUCH EIGENTLICH KLAR, WAS IHR DA GEMACHT HABT? DAS WIRD KONSEQUENZEN HABEN! ICH HABE JA SCHON VIEL SCHEISSE GEMACHT. ABER SO ETWAS NOCH NICHT!“
Ich hatte enorm damit zu kämpfen nicht lachen zu müssen.
Erstens dachte ich mir, wenn er so etwas noch nicht gemacht hat, hatte er bis dato ein total langweiliges Leben. Zweitens hatte er einen echt lustigen Pornobalken unter der Nase.
Als wir dem Alphatier in Hochdeutsch erklärten, dass wir ja eigentlich ordentliche Bengels sind, war er sichtlich verwirrt und verstand offenbar noch weniger warum wir das getan haben. Aber wir wussten das ja auch nicht…Zwischenzeitlich überlegten wir uns, wie wohl der fachliche Ausdruck zu „Gullideckel“ lautet.

Nach drei Stunden wurden wir zum Sonnenaufgang entlassen. Das Angebot, ob man uns nach Hause fahren soll, haben wir dankend abgelehnt. Das hätten die uns bestimmt in Rechnung geschrieben. Spätestens jetzt habe ich gehofft, dass ein Clown um die Ecke kommt und Konfettischmeißend ruft „April, April. Alles nur ein Scherz!“

Vögel twittern und entspannen

Als ich am nächsten Morgen wieder aufgewacht bin, hoffte ich, dass alles nur ein Traum war. Aber der Blick auf mein Handy verriet, dass es die Realität war. Folgende Nachrichten (in genau dieser Reihenfolge) waren auf mein Handy:

Von M: „Oh mein Gott…was ist passiert? Wieso sitzt du bei der Polizei?“

Von L: „S. was ist da los? Warum? Soll ich irgendwo anrufen? Brauchst du Geld? Meld dich! Hilfe…“

Von Mama: „Guten Morgen großer =) bist du gut in Greifswald angekommen und hattest Spaß?“

Ich musste lächeln.
Beim Frühstück (13Uhr) ist uns klar geworden, dass die Geschichte so peinlich ist, dass wir nicht gerade das Vergnügen hatten, unseren Kindern davon zu erzählen. Also haben wir überlegt, diese Nacht etwas ganz Großes zu planen. Ich hatte die Idee ein Segelboot zu entwenden und damit nach Rostock zu segeln. Alle waren von der Idee fasziniert, doch wir sollten später in der Nacht den Hafen nicht finden und das Vorhaben geriet in Vergessenheit. Den Tag verbrachten wir mit chillen am Hafen. Ich versuchte eine Anti‐Atomkraft‐Aktivistin zu erklären, dass das Bier, das sie getrunken hat, eine besondere Bedeutung hat (Biermarke: Stralsunder). Ich erklärte ihr, dass der Name Stralsund altdeutscher Herkunft sei und eine Zusammensetzung aus „Strahlung ist gesund“ sei. Laut der alt‐alt‐deutschen Rechtschreibung wurde Strahlung seinerzeit ohne H geschrieben. Sie hatte Zweifel an meiner Theorie.

Party, die…dritte…

Am Abend trafen wir uns mit ein paar Mädels und so. In einem 9 qm‐Zimmer saßen wir mit 13 Personen. Ich nahm mir den Stadtplan und versuchte mir einen Überblick über diese Stadt zu verschaffen. Obwohl ich bereits mehrmals in Greifswald war, hatte ich überhaupt keinen Orientierungssinn. Selbst als ich einen Tag in Barcelona verbracht habe, konnte ich mich besser zurechtfinden als in Greifswald. Komische Stadt. Komische Menschen. Komische Polizisten.
Wir gingen auf eine Medizinerparty und lernten weitere Menschen kennen. Da wir nur noch Blödsinn im Kopf hatten, verliefen die Gespräche so:

„Hey wie heißt du?“
„Lara“
„aha…ist das die Kurzform von Heinz?“

„Hallo, ich bin Tini.“
„Tini grübel ah! Du bist doch die, die nur einmal in der Woche kacken geht?!“ (Anmerkung: Das tat sie wirklich. Kein Scherz“)

Irgendwann wurde die Party langweilig. Als ein junger Herr auf uns zukam mit den Worten „Hey ihr seid doch Emil und Lars (zum Entsetzen unsererseits kannte er unsere richtigen Namen!). Ich habe schon so viel von euch gehört!“ wurde die ganze Angelegenheit unheimlich. Wir beschlossen, aufzubrechen. Da wir die 100Km zur Wohnung nicht laufen wollten, entschieden wir bei einem Bekannten zu schlafen.
Als wir heftig fünf Minuten lang am Fenster klopften, fiel uns auf, dass dies nicht seine Wohnung war.
Also gingen wir eine Wohnung weiter.
Verschlafen, mit Boxershorts ausgestattet und sichtlich breit, bot er uns an bei sich zu übernachten. Kurzerhand beschlossen wir, bei der netten Dame zu übernachten, mit der wir die Party verlassen haben. Ich fand sie ganz nett. Sie erklärte mir, dass ein erigierter Penis mit dem Parasympathikus zusammenhängt. Das war Grund genug, um bei ihr zu übernachten.

Abflug und Summary

Am nächsten Morgen gingen wir zurück in die WG. Ich war so im Eimer, wie das Erbrochene von meinem Kumpel. Später am Tag fuhr ich mit dem Zug zurück nach Berlin. Über die Mitfahrzentrale habe ich eine Gruppe gefunden, mit der ich günstig nach Berlin kam. Die Ansprechdame für das günstige Gruppenticket sah wirklich gut aus. Sie machte einen gepflegten Eindruck. Ganz im Gegensatz zu mir. Nach zwei Tagen Party sah ich aus wie der letzte Dreck unterm Teppich. Trotzdem habe ich ihre Nummer behalten und halte den Kontakt. Man weiß ja nie.

Ich fasste einen Entschluss. Nie wieder Greifswald. Was allerdings nicht möglich war, denn ich muss ja sowieso noch hin wegen der Polizeianzeige. So spielt das Leben. Anfangs hören wir zu, dann erleben wir viel Blödsinn und zum Schluss erzählen wir es weiter. Ganz am Ende sterben wir. Aber bis dahin: Scheiß drauf…Rock’n’Roll!

Anmerkung zum Text: Die Strafe ist übrigens nicht lustig. Bis zu 1300 Euronen und 5 Jahre Gefängnis. Macht so ein Blödsinn nicht. Bleibt brav, lasst euch n Pornobalken wachsen und werdet Polizeichef.

Whatever …