Start

Keiner macht sich heute Gedanken wie schnell man von A nach B kommt. Auswahl gibt es genug – Bahn, Auto, Flugzeug usw. ‐ innerhalb kürzester Zeit ist das Ziel erreicht. Vor einigen Monaten haben ein Freund und ich darüber nachgedacht, wie es wohl ist, wenn wir lange Strecken, die sonst nur mit dem Zug oder dem Auto zurücklegt werden, laufen würde. Wie im Mittelalter .
So kamen wir auf die Idee mit dem Walk Of Death von Berlin nach Angermünde, 80Km, Zeitlimit: Zwei Tage. Unser Bericht:

Angermünde ist unsere Heimatstadt.
Im Durchschnitt verbringen wir dort jedes zweite oder dritte Wochenende (im Sommer) und planschen in den Seen Brandenburgs. Kein großer Ort – nichts aufregendes. Mit Umwegen ist die Ortschaft 80Km von Berlin entfernt. Eine Strecke, die mit dem Auto locker in 50‐60 Minuten zurückgelegt werden kann. Wir aber wollten wissen: wie viel Zeit benötigen wir, um diese Strecke zu Fuß abzuklappern. Also haben wir gerechnet. Aber wir sind nicht überzeugt von den Berechnungen. Zu viele Faktoren können nicht in die Berechnung mit eingehen: körperliche Fitness, Wetter, Gepäck oder zufällige Begegnungen. Also blieb uns nur eine Wahl: Schuhe anziehen und los!

Ungünstiger Start

Treffpunkt war Samstag morgen um 8 Uhr am S‐Bahnhof Berlin Ahrensfelde. Wir waren vier Personen. Nach einigen Verzögerungen konnten wir um 9 Uhr starten. Verkatert und total übermüdet setzte ich mir eine Regel für’s
Leben: „Nie wieder feiern gehen, wenn du am nächsten Tag einen Trip hast.“ Mal schauen wie lange ich mich daran halte. Wir gingen Richtung Blumberg. Als wir ein paar Wanderschilder entdeckten, fragten wir einen Bauern, ob wir einen großen Umweg machen, wenn wir die Hauptstraße verlassen und die Wanderwege benutzen. Mit den Worten „Dat nimmt sisch nich viel“ vertrauten wir den Mann.
Später hassten wir ihn dafür.
Wir mussten einen Umweg von ca. 8 Km in Kauf nehmen. Mit dem Auto „nimmt sisch dit nich viel“, aber zu Fuß ist es schon ein Unterschied. Als wir in Werneuchen ankamen, machten wir unter einem Baum den ersten großen Rast. Eine Stunde Pause, dann geht’s weiter. Schließlich haben wir einen Zeitplan. Wir gingen die Hauptstraße entlang (B158). Am Wegesrand entdeckten wir allerlei tote Tiere und Müll. Ab jetzt hieß nur laufen, so weit die Füße tragen, durchhalten, kein Rast auf offener Straße (nur in Ortschaften) und aufpassen, dass die Autofahrer uns nicht umfahren (einige hatten es anscheinend vor).

Autofahrer – Who killed Bambi?

Wandern als Sport?

Beim Laufen hat jeder viel Zeit zum nachdenken. Schließlich „schießt“ die Umgebung viel langsamer an einem vorbei, als bei einer Autofahrt. Wir haben uns über viele Dinge unterhalten. Häufiges Thema war, was andere Menschen für Trekking‐ Routen gegangen sind, die unglaublich spektakulär sind. Daraufhin stellt sich die Frage, wie körperlich fit der Mensch sein muss für Wanderungen. Unsere Antwort: Wer große Distanzen am Tag zurücklegen will, muss enorm fit sein. Wir haben ca. 40Km am Tag zurückgelegt mit 10‐15Kg Gepäck auf dem Rücken.
Das ist eine sportliche Leistung.

Etwas Großes kommt auf uns zu

Kreislaufprobleme und Schmerzen – Scheitert der Trip?

Nach ca. 25‐30Km zeigten die Beine erste Anzeichen von Schmerzen. Aber wir hatten ein Tagesziel. Das mussten wir erreichen. Sonst würden wir die Tour nicht schaffen.
Also versuchten wir die Schmerzen zu ignorieren. Allerdings wurden diese kurz vor der Ortschaft Trampe so stark, dass wir nicht mehr stehen bleiben konnten, sondern immer weiterlaufen mussten. Sobald sich die Füße einmal nicht bewegten, wurde ein Weiterlaufen sofort qualvoller. Unser Tagesziel lag hinter Trampe und hieß Eberswalde. Dort wollten wir unser Lager aufbauen. Als wir in Trampe ankamen, wollten mich meine Beine nicht mehr tragen. Ich musste mich auf den Boden setzen und verlor ein wenig das Gleichgewicht. Wenn der Kopf sagt „Lauf Stefan, lauf!“, obwohl der Körper am Ende seiner Kräfte ist, meldet sich der Kreislauf. In diesem Moment habe ich es um so mehr bereut am Abend zuvor so viel Schnaps getrunken zu haben. Auch wenn es ein netter Abend war.
Ich hatte meine Leistungsgrenze erreicht. Jede Bewegung konnte nicht mehr als Schmerz definiert werden. Es war viel intensiver. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich an meinen Füßen viele Blasen gebildet hatten. Das war noch ungünstiger. Mit Blasen an den Füßen kann so eine Strecke zum Albtraum werden. Wir beschlossen in Trampe zu nächtigen.

Der erste Tag war vorbei. Wir waren 12 Stunden unterwegs, 10 davon reine Laufzeit. In der Nacht tankten wir Energie für den nächsten Tag.

Ohne Worte

Tag Zwei – Seen, Schmerzen und … laufen

Mit unerträglichen Schmerzen starteten wir in den zweiten Tag. In Eberswalde besorgten wir uns ein paar Kleinigkeiten zum Frühstück und Kaffee. Nächstes Ziel Chorin. Fast jeder Ort war 5 – 8 Km entfernt. Unterwegs gab es nie viel zu sehen. Alles was hinter Eberswalde lag, also Richtung Angermünde, war landschaftlich schön anzusehen. Außerdem gab es viele Seen. Klarer Vorteil für uns. Am Choriner See machten wir einen längeren Rast von einer Stunde. Planschen und Beine im Wasser baummeln lassen. Meine Blasen machten mich fertig. Wäre ich ein Tier, hätte man mich erschießen müssen. Solche Qualen musste ich erleiden. Dann bot mir einer der Mitwanderer einen Verband an. ZACK – die Füße wurden eingewickelt. Danach ging es einigermaßen besser – oder anders ausgedrückt: hätte dieser weise Mitreisende den Verband nicht eingepackt, wäre Chorin meine Endstation gewesen. Ich hätte mich abholen lassen.

Jetzt lagen noch zwei Passagen vor uns. Zwei lange Passagen. Wir mussten uns gegenseitig aufpuschen, um durchzuhalten. Mit jedem Kilometer stieg die Motivation, dass Ziel zu erreichen. Aufgeben? Fehlanzeige. Nachdem wir bereits weit über die hälfte der Strecke gemeistert haben, kam aufgeben für uns nicht mehr in Frage. Mittlerweile wurde der Abstand zwischen uns immer größer. Die Kräfte schwanden dahin. Jeder kämpfte mit sich und seinen Beinen. Laufen sieht anders aus ‐ Wir humpelten, weil die Gelenke schmerzten. Unser Körper wollte nicht mehr weiter, aber die Motivation stieg mit jedem Schritt.

Der Denker

Das Ziel vor Augen

In Serwest machten wir die letzte große Pause. Dann starteten wir in die finale Runde. Der Weg schien endlos. Dann ging es auch noch Bergauf. Wir waren am Ende unserer Kräfte. An einer Kreuzung, ca. 4Km vor dem Ziel, mussten wir nochmals Halt machen, um ein wenig Energie zu tanken. Dann ging es weiter. Als wir das Ortseingangsschild sahen konnte uns keiner mehr bremsen. Das Ärgerlichste wäre, wenn sich genau jetzt jemand das Bein brechen würde. Doch wir humpelten lässig zum Ortseingangsschild und waren einfach nur glücklich und wahnsinnis stolz auf unsere Leistung.
Fast jeder hat gesagt, dass wir verrückt sind, solch eine Tour durchzuziehen. Es sei krank und überflüssig. Schließlich gibt es ja Autos. Aber dieser Trip war eine unvorstellbare Erfahrung. Wer nicht dabei war, oder etwas ähnliches noch nicht durchgezogen hat, kann sich nicht vorstellen, was es für eine Leistung ist in zwei Tagen 80 Km zu laufen. 80 Km in zwei Tagen. Das sagte ich mir immer wieder, als ich im Bett lag und mich nicht mehr bewegen konnte. Danke an die Mitwanderer.
Es hat echt Spaß gemacht.

„Eschman, wenn wir den Trip hinter uns haben, ist uns kein Weg mehr zu weit!“ … „Naja, außer ein weiterer Weg.“