„Servus, ich bin Oli. Ich such den Bacher Peter.“, sage ich in meinem besten Österreichisch.

Ich werde etwas ungläubig angesehen. War doch nicht alles korrekt? Artikel, Nachname, Vorname. Schon tausend Mal gemacht. Endlich kommt Peter um die Ecke und erlöst mich. Kennt ihr diese sonnen‐ und windgegerbten Gesichter, wie bei Seemännern oder Bergbauern? Peter ist so ein Gesicht. Mit ihm möchte ich eine Schneeschuhwanderung zur Grüblspitze machen, oben auf der Eggalm. Falls das Wetter mitspielt, meint er. Ich sehe blauen Himmel, Sonne und vereinzelte Schäfchenwolken.
„Peter, da wo ich gerade herkomme, da herrschen Arschkälte und Regen. Und hier steh ich jetzt im T‐Shirt.“
Doch Peter hat etwas Angst vorm Chinook, einem warmen Föhnwind aus dem Süden der Alpen. Er befürchtet, dass dieser die Chance auf einen Wahnsinnssonnenuntergang vermiest. Das könnte unseren Ausflug frühzeitig beenden. Ich hingegen habe etwas Angst vor den Lawinen. Die könnten mein Leben frühzeitig beenden. Aber ich sollte mich nicht mit solchen Lappalien aufhalten. Schließlich will ich zum Abschluss meiner Tour ein einzigartiges Bergpanorama genießen, dessen Steilwände von der untergehenden Sonne orangerot eingefärbt werden.

Peter schwärmt vom Powder. Die Worte „brutal“ und „geil“ fallen dabei so oft, dass ich meinen Wortschatz während der nächsten Stunden komplett darauf reduziere. Durch die Wetterlage herrscht aber auch massive Lawinengefahr, bis sich die Schneedecke endlich gesetzt hat. Peter hat heute schon viele Lawinenabgänge beobachtet. Vor einigen Jahren sei eine ganze Gruppe Schneeschuhwanderer verschüttet worden, erzählt er mir.
So was macht Mut.

Ich frage ihn nach unserer Ausrüstung. Neben Helmen und Skistöcken haben wir in unseren Rucksäcken einen Lawinenairbag, eine Schaufel, eine Sonde und einen Pieps (Ortungssystem). Im Ernstfall bleiben mir nur sieben Minuten, sagt Peter. Sobald er verschüttet wird, habe ich zwei Minuten, um ihn mit dem Pieps zu lokalisieren. Weitere fünf Minuten, um zu graben. Mit der federleichten Aluschaufel, der „Frauenversion“. Ich weiß, das Material soll dünn und leicht sein, aber kann ich damit in der Not den halben Berg von Peters Kopf schaufeln?

Da wir nach der Wanderung den Rückweg auf unseren Snowboards zurücklegen werden, haben wir schon unsere Boots an. Jetzt werden ganz einfach die Schneeschuhe an unsere Boots geschnürt und schon sind wir bereit. Meine erste Lektion heißt: Bei jedem Schritt fest auftreten, da der Schnee unter unseren Schuhen sehr weich ist und wenig Halt bietet. Mit Schneeschuhen einen Gipfel zu erklimmen, ist anstrengender als ich dachte. Trotz Zickzacklauf verlangen hoher Schnee und starke Steigung einiges an Kondition.

Ich gehe in Peters Spuren. Denke ich. Peter ist um die nächste Ecke verschwunden, es könnten also auch die Fußspuren des Yetis sein. Obwohl er bereits Vorarbeit geleistet und mir den Pfad vorgeebnet hat, bin ich auf den Halt meiner Skistöcke angewiesen. Normalerweise wandern die Leute deshalb eher im Wald oder auf leichteren Routen wie Wanderwegen. Die Sonne strahlt zwar, doch hier oben weht ein ansehnlicher Wind und treibt Kälte in unsere Knochen.

Trotzdem ziehen wir unser Vorhaben straff durch. Vor dem Erreichen des Gipfelkreuzes passieren wir noch einige Meter auf einer sehr dünnen Schneeschicht. Hier fällt mir das Laufen deutlich leichter, denn die Schuhe greifen besser im festen Schnee. Aus meinem leichten Storchengang wird nun eine Spazierbewegung. Oben angekommen, nehme ich einen tiefen Atemzug. Wolken sind aufgezogen, sie nehmen uns den Sonnenuntergang. Aber was für ein Panorama! Peter war schon oft hier oben, doch auch er muss wie ich schweigend in die Ferne staunen.

Als uns so langsam die Hände abfrieren, machen wir uns für die Talabfahrt bereit. Die praktischen Schneeschuhe an meinen Füßen, werden mit einem Snowboard ausgetauscht. Vor uns liegt eine unendliche weiße Decke des schönsten Pulverschnees, den ich je gesehen habe. Und ich bin saumäßig scharf darauf, meine eigene Spur in diese Landschaft zu fahren. Der Berg ruft, der Tiefschnee glitzert wie tausend Diamanten und hat eine magische Anziehungskraft. Ich fühle mich wie ein kleines Kind und möchte mich am liebsten einfach vornüber hineinfallen lassen.

Nach der dritten gezogenen Bahn haut es mich volle Breitseite in die weiße Masse. Trotz offenen Augen sehe ich schwarz und funkelnde Sterne, bevor mein Hirn das Bild wieder scharf stellt. Langsam begreife ich, dass Peter und ich bei der Besprechung der Rückroute erfolgreich aneinander vorbei geredet hatten. Vor mir liegt zwar der schönste Schnee meines Lebens, doch mein Board ist nicht für Tiefschnee gemacht.
Genauso wenig meine Bindung.
Zudem habe ich seit Stunden nichts gegessen.
Und das Gewicht meines Rucksacks zieht mich nach hinten.
Nun ist es an Peter, mich mit Tipps und Tricks den Berg hinunter zu lotsen. Und das kostet Zeit. Brav wie ich bin, gebe ich ihm dauernd Anlass, mich zu korrigieren. Man könnte auch sagen, ich mache alles falsch. Mittlerweile wird es dunkel und vor uns liegen immer noch mehrere hundert Meter Abfahrt. Da meine Beine nicht mehr mitmachen, suche ich nach einer Motivation. Hey, unten angekommen, hast du eine supergeile Abfahrt hinter dir! Hilft nicht. Hey, unten angekommen, gibt es ein schönes kühles Bier aus der Region. Bringt auch nichts.
„Du hast doch gesagt, du könntest Snowboarden.“

Okay Peter, das geht zu weit!
Auf der Piste und im Funpark zeige ich dir, wo es langgeht. Nur bin ich heute echt nicht in Form! Trotzdem, er hat mich bei der Ehre. Plötzlich fährt es sich wie geschmiert und so bewältigen wir die letzten Meter.
Unten angekommen, schnalle ich mein Board ab und bin erleichtert. Zufrieden schaue ich den Hang hinauf, betrachte unsere Lines im Schnee. Ich klatsche mit Peter ab und denke über die Abfahrt nach.
Ich muss lachen.
Peter auch.

Hier geht es zum ersten Teil der Artikelreihe zum Bergwinter Tirol: Beim Höhlentrekking im tiefen Dunkel der Spannagelhöhle habe ich mich so richtig dreckig gemacht!

Meine Teilnahme an der Schneeschuhwanderung bis zur Grüblspitze fand im Rahmen des Bergwinter Tirol statt. An dieser Stelle gilt mein großes Dankeschön der Sportskanone Peter von ROCKnSNOW für die tolle Führung und Manuela von Tirol Werbung für die gute Organisation!