Auf einem Streifzug durch die kleinen verträumten Gassen Toledos

Da ist es, das Toledo nach dem ich suchte. Vom Bahnhof aus geht es stetig gen Himmel, bis ich über eine alte sandfarbene Steinbrücke den Eingang zum Altstadtkern erreiche. Und wieder meterbreite Stufen, kopfsteingepflasterte Treppen, Aufstieg. Oberflächlich betrachtet, scheint sich an den festungsartigen Mauern seit Jahrhunderten nichts geändert zu haben. Zwei Kurven später erblicke ich die ersten Läden mit Mazapán de Toledo, Marzipan aus Toledo, die sich schon seit Jahrzehnten in den alten Häusern halten. Sie stehen dicht an dicht und es scheint ganz so, als würden sie sich in die Schatten der vielen Gotteshäuser ducken, die Toledo beherbergt. Multireligiös, im wahrsten Sinne. Von Kathedralen über Synagogen bis hin zu Kirchen und Moscheen ‐ viele Glaubensrichtungen sind hier vertreten. Toledo war auch früher schon beliebt. Auf einem Berg gelegen, geschützt durch hohe Mauern und einen riesigen Graben, den ein Fluss füllt. Jede Religion, die gerade das Zepter in der Hand hatte, verfolgte die anderen Ansässigen und vertrieb diese aus der Stadt. Da waren sie allesamt nicht gerade zimperlich.

Die Altstadt lebt von Touristen, und von denen gibt es hier genügend. Von Madrids Bahnhof Atocha Rente ist Toledo nämlich nur eine halbe Stunde entfernt. Ein Katzensprung. Vor der Abfahrt muss jedoch mehr Zeit eingeplant werden. Erst kommt die Suche nach dem richtigen Bahnsteig, dann erfolgt die Taschenkontrolle. Eine Viertelstunde vor Abfahrt wird das jeweilige Gleis bekannt gegeben und Zutritt zum Zug gewährt. So wird Schwarzfahren vermieden. Und es kann sich niemand vor den einfahrenden Zug stürzen. Da sind sie hier in Madrid ein bisschen gebrannte Kinder.

Bevor ich alles ausgiebig besichtigen kann, muss ich mich stärken. Selbstverständlich werden hier die meisten Speisen zu Touristenpreisen angeboten. Folgt man jedoch den Einheimischen, so lassen sich schnell preiswerte und nicht weniger gute Alternativen finden. Ein Bier und eine Tapa für einen Euro? Da sag ich nicht nein! Fünf Euro später verlasse ich die Taverna als glücklicher Mann.

Auch Don Quijote kam hier vorbei und gönnte sich ein paar schmackhafte Snacks.

Die Angebote hier sind eindeutig: Kauf Marzipan, kauf dir Messer in Machetengröße, kauf deiner weiblichen Begleitung Schmuck! Ich kann allen Angeboten widerstehen, nur nicht dem Marzipan. Die Spezialität wird in allen Farben und Formen gereicht. Es gibt Marzipanfiguren, die gefüllten Röllchen Huesos de Santo, Kuchen, Konfekt und Biskuit.

Neben scheinbar hunderten Marzipanläden versammelt Toledo zahlreiche Häuser des Glaubens, darunter eine der größten Kathedralen der Welt: Ein beeindruckendes Bauwerk, das auf den kurzen Namen Catedral de Santa María de la Asunción de Toledo hört. In diesem Schmelztiegel der Kulturen gibt es viele interessante Geschichten zu entdecken. Einen Haken hat die Sache jedoch: Eintritt. Eintritt überall. Noch nie musste ich für so viele Gotteshäuser Eintritt zahlen. Der Herr nimmt es. Mit offenen Händen.

Nach eins, zwei Kirchen habe ich genug und wechsle zu Synagogen. Doch ganz besonders interessieren mich die Moscheen, oder Mezquitas, wie sie hier genannt werden. Es soll nur noch zwei davon geben. Ich streife durch die vielen engen Gassen, Schatten und Licht wechseln sich regelmäßig ab. Keramik wird mir angeboten; mein Gold wollen sie ankaufen. Welches Gold? Zahngold nehmen sie auch. Nach langer Suche finde ich die erste Mezquita. Gerade als ich eintreten will, erfahre ich, dass die Andere noch viel, viel schöner sein soll!
Also Planänderung.
Wieder mache ich mich auf den Weg zwischen alten Gemäuern und liebevoll restaurierten kleinen Häuschen. Ich finde und finde sie jedoch nicht. Schließlich betrete ich ein Juweliergeschäft und frage den freundlichen Besitzer mit atemberaubendem Mundgeruch. Sí, gesuchte Mezquita befände sich genau hier gegenüber. Sie sei dort drüben in ein Eckhaus eingebaut. Und wo ist der Eingang?
„Es gibt keinen Eingang. Sie ist eingemauert.“, sagt der Mundgeruch.

Schade. Meine Odyssee endet also hier. Zum Trost gönne ich mir ein leckeres Marzipanröllchen. Es werden zwei. Toledo wird mir mit seinen zahllosen verwinkelten Gassen, alten Häusern mit Charakter, süßen Köstlichkeiten und freundlichen Einwohnern in Erinnerung bleiben. Und nicht zu vergessen: Das wunderschöne Panorama der umliegenden Landschaft.