62 Jahre jung und vom Leben gezeichnet. Freude, Liebe und Erfahrungen haben sein Gesicht mit friedlichen Falten geprägt. Aber auch Leid, Trauer und Sorgen. Dennoch werten seine blauen Augen und das dichte weiße Haar sein Erscheinungsbild zu einer herzergreifenden Person auf. Das ist Torsten. Zwei Wochen lang habe ich ihn jeden Abend getroffen, als ich mit Freunden auf Korsika den GR‐20 gemeistert habe. Das Schicksal wollte es so, dass sich unsere Wege kreuzten. Er ist einer dieser Menschen, die man nicht vergessen wird. Einer dieser Menschen, die eine Reisebekanntschaft waren, aber immer im Gedächtnis bleiben. Von ihm habe ich eine Antwort auf meine ewige Frage erhalten, was Glück im Leben einer orientierungslosen Seele bedeutet.

„Nach meinem Studium wusste ich nicht, wohin es gehen sollte“, begann er seine Geschichte.
„Es war eine Zeit des Umschwungs. Keiner war sich seiner Sache sicher oder hatte eine Garantie, dass die Zukunft das bereit hielt, was sie einem gegenwärtig versprach.“
Das kam mir bekannt vor.
„Es gab eigentlich nur einen Weg für meine zahlreichen unbeantworteten Fragen. Ich musste raus aus Deutschland. Raus aus Europa und die Dinge tun, die ich normalerweise nicht tun würde, um mein täglich Brot zu verdienen. Ich musste meinen Rucksack packen und in die Welt hinaus.“
Rede weiter!
„Also ging ich nach Amerika. Damals wurde mir gesagt, dass ich ohne Green Card keine Arbeit finden würde. Ich gab mich als Tourist aus, der lediglich ein paar Städte besuchen möchte und habe die nächste Mitfahrgelegenheit Richtung Midwest genommen. Dort fand ich die Menschen, die ich erwartet habe. Farmer, die mir ohne Green Card für meine Arbeit Essen, Unterkunft und ein paar Dollar gegeben haben.“

Torsten arbeitete über einen Monat lang auf einer Farm, auf der Harold das Sagen hatte. Torstens Aufgabe sollte die Kastration der Schafe sein. Traumjob. Das Männchen wurde herangetragen, der Hodensack wurde fest gegriffen, nach unten gezogen und mit einem Messer aufgeschnitten. Die Hoden wurden in einem Eimer geworfen. Der abgeschnittene Hautlappen wurde dem Wachhund zum Fraß hingeworfen. Am Ende eines Tages landete der Eimer mit den Hoden direkt auf Harolds Schreibtisch. Blutverschmiert stand Torsten seinem Vorgesetzten gegenüber, bis dieser alle Hoden durchgezählt hatte. Dementsprechend wurde sein Tageslohn berechnet.
So ging es Tag ein, Tag aus.
Ich weiß nicht, ob es an einer entwickelten Leidenschaft für Kastration lag oder an Harolds Tochter, auf die er ein Auge geworfen hatte, dass Torsten so lange auf dieser Farm arbeitete. Irgendwann kam jedoch die Zeit, in der er den Entschluss gefasst hatte, weiter zu reisen. Amerika wartete. Harold ließ ihn nur ungern gehen.
„You‘re a good boy, Torsten.“
Er tat es mit dem weinenden Auge eines streng konservativen Amerikaners.
„God bless you!“, waren seine letzten Worte.

Keine zehn Minuten später hielt auch schon die erste Mitfahrgelegenheit.
„Damals konntest du in Amerika drei Arten von Fahrern erwischen: 1. Den streng religiös Besessenen. Er hat dich die ganze Fahrt über versucht zu bekehren. Dies ging dir relativ schnell auf die Nerven. 2. Den Farmer. Er hat dich nur auf die Ladefläche seines Pick‐Ups verwiesen, auf der entweder Ziegen oder Hilfsarbeiter saßen. 3. Den Kiffer. Der Sorglose. Am Rückspiegel seiner verrosteten Karre hast du schon die Pinzette mit den Resten eines Joints anheften sehen. Du wusstest sofort, dass dies eine total entspannte Fahrt wird, weil er dir nach spätestens 20 Minuten seinen Monsterjoint anbot. Pures Marihuana. Daran musste man sich als Europäer erstmal gewöhnen.
Ging aber ganz schnell“, berichtete er.

So fuhr Torsten vom mittleren Westen bis in den tiefen Süden hinein. Traf die verschiedensten Menschen und lernte mit den Eigenheiten und Launen eines jeden umzugehen und sie zu respektieren. Seine letzte Station war Mexiko.
„Zu meiner Zeit ging es dort heiß her. Tourismus war gerade in den Kinderschuhen. Alles, was ich in den Staaten gelernt habe, wurde in Mexiko nicht geduldet. Du musstest dich neu anpassen. Aber diese Frauen! Die Frauen machten es einem echt schwer.“
Wann fängt Begierde an sich in Liebe zu verwandeln? Jeden Abend saßen wir auf dieser Mittelmeerinsel und lauschten seinen Geschichten. Wurde er sehr persönlich, kam es mir vor wie eine Beichte. Vielleicht brauchte er genau das. Ein paar junge Menschen, die sich schweigend seine Lebensgeschichte anhörten, um seinen Frieden zu finden. In Afrika erlag er einer Krankheit, unter der er noch Jahre später litt und dadurch Angst um sein Leben hatte.

Ich erinnere mich an ein Filmzitat: „Wenn ein Mann zugibt, dass er Angst hat, sollen ihm all seine Sünden vergeben werden.“
Oder so ähnlich. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Angst um mein Leben? Das unscheinbare Loch im Kopf, gleich hinter seinem Ohr, beweist seine vergangenen Leiden. Dennoch zeichnet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, während er erzählte.
„Heute kann ich darüber lachen. Damals habe ich mir den Kopf mit meinen Gedanken zerbrochen“, gestand er.
„Wusstest du denn immer, was als nächstes kam?“, wollte ich wissen.
„Eigentlich nicht. Irgendwie kam alles auf mich zugeflogen. Ich habe nie darum gebeten. Vielleicht ist es deine Erfahrung, die deinen Mitmenschen in den Glauben versetzt, dass du immer der Richtige für den jeweiligen Job bist. Dadurch konnte ich wieder Geld sparen für die nächste Reise.“

Am letzten gemeinsamen Abend auf Korsika entschieden wir, am Strand von Ajaccio zu kochen. Nudeln mit Pesto bei Sonnenuntergang mit Blick auf das Mittelmeer. Als die Sonne den Horizont küsste und der Mond langsam erwachte, wurden die Gesprächsthemen melancholischer .
„Ich bin froh, euch kennengelernt zu haben. Ihr seid eine starke Truppe. Ihr versteht die Dinge“, gestand er.
„Wie kommst du darauf? Wir sind jung und unerfahren. Das Leben liegt noch vor uns“, entgegneten wir gemeinsam.
„Wisst ihr, wenn ich mit Menschen meines Alters spreche, die ihr ganzes Leben einfach nur gearbeitet und Geld verdient haben, fühle ich mich unwohl. Wenn ich mit diesen Menschen ein Theaterstück ansehe, reden alle nur davon wie toll oder miserabel die Darsteller waren. Wie beeindruckend die Leistung des Regisseurs war. Keiner redet über die Tiefe des Stückes. Keiner redet über die Intention des Ausführenden. Als wären alle oberflächlich. Mit euch kann ich über Liebe, Trauer und Erfahrung reden, ohne mich zu verstellen.“

Der lange Tag hinterließ seine Spuren und die Ersten von uns traten den Rückweg zu den Zelten an. Torsten und ich saßen noch am Strand, zusammen mit drei Litern feinstem Rotweinfusel. Er versuchte mit einer leeren Flasche eine dicke Ratte zu treffen, die am Strand nach Essensresten direkt in unserer Nähe suchte. Vergeblich.
„Torsten, was bedeutet für dich Glück?“, wollte ich endlich nach diesen zwei Wochen erfahren.

„Glück?“, er überlegte einige Minuten.
„Weißt du, ich habe viele Ehen gehabt. Bin hier mit meinen drei Söhnen unterwegs, die eigentlich nichts von mir wissen wollen und nur aus Anstand dabei sind. Ich habe die halbe Welt gesehen, dabei oft dem Tod in die Augen gesehen und kürzlich eine neue Liebe entdeckt. Glück kommt und geht. Oft, wenn du es nicht erwartest. Du bist sieben Monate unglücklich, würdest am liebsten Abschied nehmen und dann hast du plötzlich zwei oder drei Monate Glück. Alles läuft sorglos und genau nach deinen Wünschen und dann kommt wieder eine längere Periode des Unglücks. Dennoch hast du im kurzen Zeitraum des Glücks so viel Gutes aufgenommen, dass es dich auf die nächste Glücksperiode freuen lässt und das Unglück nicht wahrhaben lassen möchte. Es kommt und geht wie das Leben um dich herum. Wie fühlst du dich denn jetzt?“
„Ich bin zutiefst unglücklich, dass die zwei schönsten Wochen des Jahres jetzt vorbei sind“, antwortete ich.
„Sei nicht traurig. Wenn du wieder zu Hause bist, erinnerst du dich mit einem Lächeln an das Glück, das dir auf dieser Insel mit deinen Freunden widerfahren ist.

Wir gingen schlendernden Schrittes den Hang Richtung Zeltplatz hinauf. Er wirkte auf einmal zerbrechlich. Schweigend trennten sich unsere Wege. Wir haben alles gesagt, was zu sagen war. Als ich an meinem Zelt ankam, schmiss ich die nunmehr leeren Weinflaschen in den Mülleimer und weckte dadurch schätzungsweise die halbe Nachbarschaft. Ich kuschelte mich in den Schlafsack und musste nachdenken. Plötzlich fühlte ich mich jung und voller Vitalität. Bisher dachte ich, dass ich mit meinen 23 Jahren schon vieles erlebt hatte, aber nun schloss ich die Augen und wusste, dass das Leben immer vor mir liegt.
Egal wie unglücklich oder alt ich bin.