Was man nicht alles sieht, wenn man auf einem Roadtrip ist

Wilde Bilder glänzen durch die grauen Wolken, wenn ich vom Leben auf der Straße erzähle. Endlose Autofahrten, die mit therapeutischen Unterredungen dekoriert werden. Abstecher von der Autobahn, den skurrilen Ortsnamen nachforschend. Nachts übermüdet auf einen Acker parken und mit verrenkten Gliedmaßen eine bequeme Schlafposition suchen. Partys im Auto feiern, ausgelassener als so manche Homeparty. Milde Sommernächte nutzen, wozu sie erfunden wurden und Richtung Meer fahren. Klampfe in der Hand und Feuer am Strand. Begleitend dazu rebellische Songs und Literatur unserer großen kulturellen Freiheitskämpfer. Nach Tagen einen Ekel vor sich selbst haben, weil Schlafmangel, Alkohol und Drogen dich zu einem Ebenbild eines Obdachlosen vollendet haben. Vielleicht die einzige Gemeinsamkeit, wenn die zwei Perspektiven der Bezeichnung „Leben auf der Straße“ in den Raum geworfen werden.
Alles schon erlebt. Alles durchgezogen. Alles geliebt. Der Roadtrip als Sinnbild der Freiheit und Unabhängigkeit aller Generationen.

Vielleicht liegt es an der konstanten Fortbewegung. Alles um dich herum ist in Bewegung. Es entsteht kein Gefühl der Untätigkeit. Möglicherweise ist es genau diese Zutat, die das Glücksgefühl während eines Roadtrips permanent füttert. Ich weiß es nicht. Sehen, erleben und träumen.
Träumen – wie ein Kind während einer Fahrt im Schulbus. Der Blick aus dem Fenster lässt dich auf magische Weise in tiefe Gedanken versinken. Das Gefühl vom Unterwegssein versetzt dich in eine mentale Privatsphäre, selbst unter einer Vielzahl an Menschen.
Doch wann entsteht dieses Gefühl vom Unterwegssein? Ausschlaggebend sind zwei Ebenen. Die erste Ebene ist statisch. Das Innere des Autos. Es ist die unveränderte Ebene. Alles Sichtbare ist im Stillstand. Die zweite Ebene ist dynamisch. Die Welt, die wir durch das Fenster während der Fahrt sehen. Eben die Welt, die mit ungeheurer Geschwindigkeit an uns vorbeirauscht. Wie in Trance versetzt, versuchen wir mit unseren Augen alles aufzunehmen: Bäume, Berge oder andere Autofahrer, die sich während der Fahrt gedankenvoll in der Nase popeln.
Bleiben beide Ebenen stehen, wird einem schwindelig. Willkommen im Unterwegssein.

Ein Roadtrip ist der Inbegriff von Geselligkeit. Kreative Köpfe, die auf engstem Raum über Stunden oder Tage miteinander auskommen müssen. Reicht diese Gesellschaft nicht aus, müssen Tramper daran glauben. Die haben immer etwas zu erzählen oder sind für einen Spaß offen. Kürzlich ließen wir einen einsteigen und haben während der Fahrt die Türen verriegelt. „Nur zu deiner Beunruhigung. Wir haben keinen Führerschein und keine Ahnung, wem das Auto gehört.“ Selbstverständlich wurde der Spaß lachend aufgenommen und das Eis wurde humorvoll gebrochen.

Anschließend beginnen die Gespräche. Oft erinnern die Konversationen an Therapien beim Psychologen. Wir unterhalten uns über die Liebe, das Leben und das Glück. Werfen Fragen in die Runde, die wie ein Uhrwerk aufgebaut sind, in dem das entscheidende kleine Antriebsrad fehlt. Dieses kleine Zahnrad liefert die Antwort auf alles. Diese fehlt. Aber es fühlt sich gut an, darüber zu reden, während die Zeit stillzustehen scheint.
Gehen die Gesprächsthemen aus, lesen wir uns aus Büchern vor. Entweder Kurzgeschichten oder Kapitel aus dem Lieblingsbuch. Reiseliteratur erfordert eine sorgsame Auswahl. Die vorgelesenen Zeilen müssen dich in Lethargie versetzen, während du die zweite, dynamische Ebene anblickst. Die besten Autoren dafür: Timmerberg, Hesse, Hemingway, Kafka oder vorgelesene Songs von Bob Dylan. Manchmal auch Brecht.

Nach mehreren Tagen auf der Straße. Trockenshampoo soll ganz gut helfen…

Noch interessanter wird es, wenn die Fahrer wechseln müssen. Unterschiedliche Fahrstile tragen zur Gesamtstimmung im Auto bei. Zwei meiner permanenten Roadtrip‐Buddys musste ich neulich ihren Fahrstil eingestehen.
Der lässige Piet ist die Chillout‐Zone auf der Autobahn. Einer dieser Fahrer, die dich nachts in den Schlaf fahren. Meiner Meinung nach liegt es daran, dass er selbst ständig in Gedanken versunken ist. Dabei ist er jedoch weiterhin vorausschauend. Auf der Autobahn. In der Stadt gab es schon die eine oder andere Situation, die meinen Stift malen lies. Und würde ihn die Polizei während einer Routinekontrolle anhalten, würde es einiges an Überzeugungsarbeit kosten. Seine Augen sehen dauerbreit aus und die Tatsache, dass er seit Monaten (oder Jahren?!) keinen Führerschein besitzt, ist für solch eine Situation nicht gerade förderlich. Trotzdem bringt er uns immer wieder unversehrt ans Ziel. Mein Auto in seinen Händen. Mal abgesehen von den ganzen Blitzerfotos.

Der Piet. Vorausschauend wie immer.

Ebenso überlasse ich seiner Freundin Jenny das Auto. Ach Jenny. Wenn Zeitnot herrscht und uns jemand schnell ans Ziel bringen muss, dann ist es Jenny. Sie brennt darauf, meinen alten Volvo auf überfüllten Autobahnen zu jagen. Der Dieselmotor zeigt, was er kann und pumpt bei fast 4500 Umdrehungen die Minute den Tank in Windeseile leer. Überholmanöver sind für Jenny wie der Spielplatz für einen Vierjährigen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass unerfahrene Beteilige Wasser schwitzen müssen. Um diesen Fahrstil kommentarlos hinzunehmen, musst du mit deinen Leben bereits abgerechnet haben. Ähnlich wie beim Extremsport. Keine Angst vorm Unfall. Die durchgeknallte Lady weicht bevorstehenden Kollisionen mit durchgedrücktem Gaspedal und heulendem Motor blitzschnell aus. Hoffen wir nur, dass die Arme, die das Lenkrad auf 10 und 2 Uhr festhalten, niemals so übermütig reagieren wie der rechte Fuß.
Der alte, rostige Motor heult bei ihr auf wie ein Rentner, der in seinen letzten Lebensjahren noch einmal alles aus sich herausholen muss, um es seiner Frau zu besorgen. Cool bleiben, alter Schwede. Dank Jenny haben wir das Ziel bereits in wenigen Minuten erreicht. Mein Auto in ihren Händen.

Meine beiden Roadtrip‐Buddys

Aber es ist nicht die Schnelligkeit, die für einen Roadtrip erforderlich ist. Es sind die Menschen, mit denen die Eindrücke und Erlebnisse geteilt werden. Die sich ohne Worte verstehen können. Die für alle Mitfahrer und den Fahrer Bier und Kippen von der Tanke holen. Die Reden halten und wissen, wann sie zu schweigen haben. Mit denen ein Abstecher ins Ungewisse jederzeit möglich ist. Die einen sicher ans Ziel bringen. Menschen, die das Gefühl vom Unterwegssein einatmen wollen, wie den warmen Rauch einer Zigarette in kühlen Winternächten.

Hier noch einige Roadtrip‐Bilder, die ich aus meinem Archiv herausgefischt habe. Immer tolle Menschen dabei:

…und irgendwann erreichst du auch das Ziel.