Auf Einladung.

Mein Norwegen ist Stein und Wasser.

Am hintersten Zipfel des Nordfjords gibt es von beidem gleichermaßen viel. Hier stürzen schroffe Berge fast senkrecht ins Wasser. Stefan und ich sitzen in einem kleinen urigen Café, dem Kjenndalstova. Die unruhigen Wassermassen vor dem Fenster sind kurz davor, den kleinen Bootsanlegesteg zu verschlingen. Wir sind nach einer langen wilden Fahrt am letzten Ende des Lovatnet Sees angekommen. Weiter traut sich das salzige Meereswasser nicht ins Landesinnere.

Ursprünglich wollten wir um diese Zeit schon in 1000 Meter Höhe auf dem Gipfel des Mt. Hoven sitzen und uns an die Klettertour auf der Via Ferrata zurückerinnern. Und jodeln. Doch es kam etwas anders.

Nach einer kurzen Nacht sitzen wir am Frühstückstisch des Hotels Alexandra in Loen. Viel Russencharme, viel Gold. Reich gedecktes Büffet.
Augenringe.
Stefan freut sich wie wild auf die geplante Klettertour auf Loens Hausberg, direkt hinter dem Hotel. Nachdem wir unsere Bäuche gefüllt haben, treffen wir unseren Guide und gehen vor die Tür. Er ist nicht sehr erfreut, denn er hat bereits den Wetterbericht studiert.

„Soll schütten heute“, sage ich.

„Ja, es könnte eventuell leichten Regen geben.“

In diesem Moment gibt die graue Wolkendecke ihr Geheimnis preis und wir lernen den norwegischen Bruder des Monsuns kennen. Klettern wäre jetzt zu gefährlich. Okay, Planänderung: Was können wir tun?
Faulenzen? Sicher nicht!
Bootstour? Im Regen sicher langweilig.
Fahrradtour? In strömendem Regen? Sicher!
Der Guide schaut uns verwirrt an. Ja, wir meinen es ernst.
10 Minuten später sitzen wir auf unseren Rädern.

Die Ortschaft ist schnell durchquert. Der dunkelgraue Asphalt schlängelt sich durch saftige Wiesen an einer kleinen weißen Kirche vorbei, bis er Loen gänzlich verlässt. Während wir auf den Mountainbikes die Landstraße entlang fahren, werden wir von der außerirdisch anmutenden Szenerie überwältigt. Ich neige zu Übertreibungen, doch diese Landschaft ist die Schönste, die ich je gesehen habe. Sie ist magisch. Graue Wolken und Regen verleihen den Bergen etwas Mystisches. Wir sehen Gletschereis schmelzen und Rinnsale zu Wasserfällen werden. Ich kann mir genau vorstellen, wie es gewesen sein muss, auf einem riesigen Segelschiff durch den Fjord zu fahren, den Drachen am Bug. Met im Hornkrug.

Der Flusslauf der Loelva, dem wir folgen, mündet bald in den Lovatnet See. Zwischendurch müssen wir immer wieder anhalten, um die Gegend zu bestaunen und zu beobachten, wie Regen und Schmelze den Fluss zum Überlaufen bringen. Die Straße windet sich durch die Berge wie das Wasser. Die Landkarte haben wir bereits ganz unten im Rucksack verstaut; viel zu schön ist das Bild, das sich uns bietet.
Hier im hohen Norden ist der Weg das Ziel.

Die wenigen Raststätten auf unserer Route sind alle geschlossen. Es herrscht kaum Verkehr, wir treffen nur ein paar Norweger in asiatischen Autos, deutsche Camper und einen Biathleten auf Rollskiern.

Die letzte Siedlung mit Campingplatz und den letzten Bauernhof lassen wir hinter uns. Von nun an gibt es nur noch die Straße und uns. Jetzt müssen wir kräftig in die Pedale treten. Der Anstieg ist dermaßen lang und steil, dass ich kurz davor bin, abzusteigen und mein Rad zu schieben. Stefan radelt weiter fröhlich vorweg. Habe ich ihn gerade munter pfeifen gehört? Wohl eine Halluzination. Als ich endlich die Anhöhe erreiche, erwartet mich eine Belohnung: Eine traumhafte Aussicht auf den Fjord und unsere zurückgelegte Strecke.

Das hellblaue Nass des Lovatnet Sees drängt sich hier durch eine Enge und wird zu einer schlammig braunen Suppe. Vom Berg vor uns stürzt das Schmelzwasser hinab ins Tal und überschwemmt Wald und Wiesen.

In der Ferne machen wir einen kleinen Bootsanlegesteg und ein rotes Häuschen aus. Für die folgende Abfahrt aktiviert Stefan seine Helmkamera, und das nicht ohne Grund. Als wir den Hang hinunterfahren, wünsche ich mir einen Tacho am Lenker. Die dicken Reifen unserer Mountainbikes bremsen zwar die Geschwindigkeit, doch mittlerweile bin ich so schnell unterwegs wie nie zuvor.
Gefühlte 100 km/h auf dem Fahrrad.

Das Adrenalin schießt mir durch den Körper – ich bin so schnell, dass ich mich nicht einmal traue, zu bremsen. Zu unserem Glück führt schließlich eine lange Kurve hinunter ins Tal und mündet direkt vor dem kleinen roten Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen. Café Kjenndalstova steht auf einem kleinen Schild.

Und nun sitzen wir hier, mit roten Wangen und regennassen Hosen. Trinken grünen Tee. Essen den weltbesten Kuchen. Meine Füße sind schwer.

Vor der Tür ist Land unter.

„Komm“, sagt Stefan.
„Wir müssen los.“

Am nächsten Tag werden wir mit bestem Wetter beschenkt. Wir machen uns auf den Weg zu unserem nächsten Stopp, Sogndal. Doch vorher statten wir Europas tiefstem See, dem Hornindalsvatnet, einen Besuch ab.

Willst du mehr über Norwegen erfahren? Super! Dann verfolge einfach unsere nächsten Beiträge. Hier kommst du zu unserer vorherigen Etappe: Trondheim. Unser nächster Stopp: Sogndal.

In Zusammenarbeit mit Visit Norway, Northern Lights und der Flugesellschaft Widerøe sind wir eine Woche durch Norwegen geflogen und haben bemerkenswerte Orte entdeckt.