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Es war ein grauer Herbsttag. Keine Sonne, nur graue Wolken in einer von welkenden Blättern übersäten Waldidylle. Elvis und ich schienen die einzigen Seelen im Wald gewesen zu sein. Ich hatte das Bedürfnis ohne Ziel umherzulaufen. Ich musste nachdenken, wusste nicht worüber, wollte es aber herausfinden. Handy, Kamera, Musik, Buch ‐ alles ließ ich zu Hause. Nur mein Hund, ich und die Rehe, die im Wald graziös umhersprangen. Viele reden vom Herbst als schönste Zeit des Jahres. Was viele jedoch nicht wissen ‐ man kann den Herbst auch fühlen, sofern man denn möchte.

Keine andere Jahreszeit ist so intensiv prädestiniert für Nostalgie wie der Herbst. Nach den sonnenreichen Monaten, die uns mit Glückshormonen gemästet haben, wird es Zeit für ein wenig Entschleunigung, um wieder zur Besinnung zu kommen, versteckt hinter Schal und Mütze. Oft möchte ich in diesen Monaten diese ganze sinnvolle Sinnlosigkeit an digitalen Gerätschaften wie Handys, Laptop oder dieses Internet in die Tonne werfen. Von all unseren Besitztümern, gibt es ein paar verstaubte Schätze, die uns den Herbst fühlen lassen können. Die analoge Kamera, die mit einer Rolle Kodachrome gefüttert wird (wird leider nicht mehr hergestellt). Der Schallplattenspieler, der uns mit seiner abgenutzten Plattennadel Miles Davis‘ „My Funny Valentine“ in analoger Tiefe abspielt. Dazu ein Buch aufschlagen. Ein echtes Buch mit echten Seiten, die man umblättern kann. Idealerweise mit vergilbten und brüchigen Seiten, die ihren eigenen Geruch absondern. Dazu einen Tee und eine hausgemachte Waffel mit Puderzucker, deren Duft in der ganzen Wohnung verteilt wurde. All diese Analogien der Haptik, Pioniere unseres heutigen Lebensstils.
Was ich mag: Eine Wanderung mit meinem Hund durch den Wald. Dabei den Duft der aufgebrochenen Kastanien, kombiniert mit dem Geruch vom Wildtier und der faulenden Blätter aufnehmen. Ab und zu erwischt uns auch eine Pilznote.

Ich watete durch die verwelkten Blätter. Ein lautstarkes Geräusch, das sich in dieser lautlosen Umgebung wie ein startendes Flugzeug anhört. Kein Vöglein zwitschert. Keine Wanderer kreuzen den Weg. Elvis genoss den Ausflug. Dank seines für Beagles typischen Tricolor‐Fells, passte er in diese Umgebung, als hätte er sie erschaffen. Elvis, dieser Gott! Manchmal stelle ich ihn mir als Engländer vor. Die gebogene Pfeife in der Schnauze, Schiebermütze auf dem Kopf, Weste mit Taschenuhr, Monokel und eine Flinte an der Schulter gelehnt. Im Hintergrund das Herrenhaus. Mit prüfendem Blick darauf wartend, dass sein Herrchen auf allen Vieren die Fährte des Wilds erschnüffelt. Was für ein Gentleman!
Was ich nicht mag: Ein bewölkter Nachthimmel im Oktober, Fontane im November, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen, Dezember.

Elvis, der Gott

Nach ca. 1,5 Stunden wandern vernahm ich etwas Untypisches. Etwas Fremdes. Etwas, das ich nicht einordnen konnte. Nach weiteren 20 Minuten war ich mir sicher: es war Musik. Ein Akkordeon. Jemand spielte ein Akkordeon im Wald. Ich war fassungslos. Interessiert daran, woher diese Klänge kamen, ging ich weiter. Die Musik spielte, ganz langsam, immer lauter. Keine andere Musik passte besser in dieses herbstliche Gemälde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Akkordeon im Herbst erfunden wurde. Und wenn das Gegenteil bewiesen werden kann, habe ich trotzdem recht. Ist eben so. Es klingt viel zu schön. Als schwebe die Musik wie Nebel durch den Wald. Dabei wurde das Akkordeon nicht als Schlagerinstrument vergewaltigt. Es erklang im stilvollen französischen Liedertum. Yann Tiersen in seinen besten Jahren. Es gibt Situationen, in denen es mir schwer fällt, dass mich die Realität umgibt. Vielmehr erscheint alles wie ein Ausgleich der Gefühle. Wie in einem Traum kann ich Gefühlszustände nicht einordnen. Mir wird auf‘s Neue schwindlig, wenn ich darüber nachdenke. So erging es mir, als ich die Musik im Wald vernahm.

Ein Bootsman im Morgennebel

Ich stand wenige Meter vor dem alten Mann, der im Wald Akkordeon spielte. Er saß auf einem Steg einer Hütte, die zu einem Waldsee hinausblickte. Direkt sehen konnte ich ihn nicht. Erhaschte jedoch einen kurzen Blick, als ich seitlich auf die Hütte zuging. Die Hütte, versteckt zwischen den Bäumen, versperrte den Zugang zum Steg. Ich überlegte, wusste nicht, ob ich mich zu ihm gesellen sollte. Sehnsüchtig möchte ich mich mit ihm unterhalten. Über den Zauber, den er mit seinem Akkordeon über See und Wald ausstrahlte. Wer so spielt, hat Geschichten zu erzählen. Solch eine Melodie spielt man nicht einfach so. Dahinter verstecken sich Erinnerungen. Ich blieb stehen. Irgendetwas hielt mich davon ab, dieses Haus zu betreten. War es dieser Zustand eines Traumes in der Realität?

Ich drehte mich um und wanderte zurück zum Auto. Etwas benommen fuhr ich nach Hause. Es fühlte sich mehr als nur Herbst an.

Welche Musik ihr jetzt hören müsst: Bon Iver (siehe oben) und Miles Davis
Welche Bücher ihr jetzt lesen müsst: Tender Bar und Das Spiel des Engels und Hollywood