„Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie klein die asiatischen Penisse wirklich sind!“
„Du bist gespannt?“, entgegne ich verblüfft.
René reist seit einer Woche mit mir durch Südkorea und ist gerne direkt, was ich normalerweise als sehr angenehm empfinde. Jetzt sind wir jedoch gerade dabei, unsere Schuhe auszuziehen, um das Magic 24 Spa zu betreten und danach in einer strikt geschlechtsgetrennten Saunalandschaft zwischen nackten Koreanern zu schwitzen. Und das ganze heißt auch noch Jimjilbang, mit bang am Ende.
„Na klar, du etwa nicht?“, sagt er.
Ich lasse seine Frage im Warteraum stehen.

Meine koreanische Begrüßung ist mittlerweile so perfekt, dass das Fräulein an der Kasse wie selbstverständlich auf Koreanisch antwortet und uns die verschiedenen Angebote des Spas anpreist. Ich finde das äußerst freundlich und antworte, dass ich leider nur Englisch verstehe. In ihren Augen kann ich einen kurzen aber totalen Systemausfall erkennen. Sie kann kein Englisch sprechen, was ihr superpeinlich ist. Und damit meine ich wirklich superpeinlich – sie geniert sich fast zu Tode. Ich versuche, ihr unter die Arme zu greifen.

„Zweimal, bitte.“
Dazu die passende Handbewegung.

Das funktioniert. Unsere koreanische Jimjilbang‐Erfahrung wird uns weniger als eine Übernachtung im Zehnbettzimmer des günstigsten Hostels kosten. Wir bekommen unsere Spindschlüssel, werden die großen Reiserucksäcke und Schuhe los. Ich betrete den Vorraum der Saunalandschaft und der Mann am Tresen überreicht mir wortlos ein T‐Shirt in beige und eine kurze Hose in dunkelgrün. Während ich da noch stehe, laufen alle Koreaner um mich herum nackt durch die Weltgeschichte.
Das wundert mich.
Für mich ist Nacktheit kein Problem, doch vor wenigen Tagen war ich am Strand und dort waren alle Koreaner in knöchellanger Kleidung baden. Und Koreaner geben alles für perfektes Aussehen und perfekte Kleidung. Deshalb bin ich sehr verwundert, alle schon im Vorraum splitterfasernackt zu sehen.

Meine Straßenkleidung verschwindet im Spind und mir bleibt ein Stofffetzen als Duschhandtuch. Ich habe bereits gelernt, dass die Einheimischen zu kleine Handtücher mögen. Ausgestattet wie ein Bademeister in der Ausbildung begebe ich mich in den Hauptraum. Es ist warm und schwül wie in einer Finnensauna. Zu meiner Linken reihen sich Duschen aneinander, auf der rechten Seite befinden sich zahlreiche Sitzduschen. Hier werden Füße geschrubbt und Zähne geputzt. Geradezu befinden sich große Wärme‐ und Kältebecken und in der hinteren Ecke die verschiedensten Saunen.
Eins fällt mir sofort auf: Der Saunaraum ist der einzige Raum in ganz Korea, in dem es keine Kameraüberwachung gibt. Vielleicht noch auf dem Klosett des Premierministers, doch selbst da bin ich mir unsicher.

Das Badehaus ist eine Institution in Korea. Hier wird nach zu langen Arbeitsstunden ausgespannt, hier werden Verträge geschlossen, hierher fliehen genervte Männer vor streitlustigen Ehefrauen und hierhin schleifen Mütter ihre künftigen Schwiegertöchter, um das heiratsfähige Material zu überprüfen. Im Mekka der plastischen Chirurgie noch immer ein Ritual, das die Fräuleins über sich ergehen lassen müssen.

Mit viel Seife und noch mehr Schaum wird geduscht. Der einzige Mitarbeiter läuft nur in Badehose bekleidet herum und sammelt benutzte Handtücher und Zahnbürsten ein. Er meint, ich solle den rosa Duschschwamm zum Einseifen benutzen.
Jetzt kommt das Wärmebecken, wir akklimatisieren bei 35,7°C. Mir ist die blubbernde Brühe eindeutig zu warm. Drei erwachsene Männer tollen wie Kinder um uns herum, bis der Saunameister einschreitet.
Ich öffne die Tür zur ersten Sauna. Sie ballt ihre knochentrockene Wärme zu einer Faust und schlägt sie mir ins Gesicht.
Durchhalten und schwitzen.

Die zweite Sauna dampft und hat einen üblen Geruch. Ich sage mir, das muss so sein. Nach zehn Minuten spüre ich, dass mein Kreislauf zu kämpfen hat und frage mich, woran das liegt. Schlafmangel, ein halber Liter Wasser über den Tag verteilt und massives Schwitzen in einer Dampfsauna ‐ vielleicht nicht die beste Kombination. Ich verlasse die Sauna, bevor mich René hinaustragen muss. Wir kennen uns bereits ein paar Tage, aber das wäre dann doch zu viel der Freundschaft.
Das Kältebecken verschafft die passende Abkühlung und gibt mir Zeit, die Besucher des Jimjilbangs zu beobachten und über sie nachzudenken. Sonntagnacht um 23 Uhr ist das Badehaus noch gut gefüllt. Väter mit Söhnen im Grundschulalter, Studenten und Geschäftsmänner, die in Gedanken noch bei ihren Projekten sind.

Hier sehe ich das echte Korea, das ungespielt nackte, ehrliche Korea. Nach all der Selbststeigerung, dem Leistungsdruck und Wettstreit jeden Tag, den Statussymbolen, dem Überrespekt und den kulturellen Prinzipien jetzt das: Eine Oase der Ruhe und Entspannung, mitten im Trubel der Großstadtnacht.

Ich betrete die zweite Etage in meiner Badehausuniform. Vor mir öffnet sich ein turnhallengroßer Saal, auf dessen Boden geschlafen und gepicknickt wird. Hier dürfen sich Mann und Frau endlich wieder gemeinsam sehen lassen. Bei isotonischen Getränken und lang gegarten Eiern wird über die neueste Mode oder den letzten Vertragsabschluss geredet. Es gibt einen Kiosk und eine große Kantine, einen riesigen Fernseher mit Karaokestation und ein Fitnessstudio. Es gibt ein Zimmer mit Computern und Internetanschluss. Ich finde einen Playstationraum. Eine Etage tiefer gibt es außerdem Friseure und Massageangebote. Die Einrichtung schreit: Du musst das Badehaus nie wieder verlassen!

Im Land der Strebsamkeit fühlen wir uns mit einem Mal müde, sehr müde, und wollen uns nur noch auf das Parkett legen und schlafen. Wir haben die Qual der Wahl zwischen sieben weiteren Schlafräumen mit verschiedenen Temperaturen oder Kammern mit extra Sauerstoffzufuhr. René nimmt sich einen Schlafplatz in einer Bienenwabe, die auf neunundzwanzig Grad beheizt ist. Ich lege mir zwei Matten in den großen Schlafsaal und staune über das laute Schnarchen des dünnen Opas neben mir.
Mir fallen die Augen zu, ich freue mich über meine neuen Erkenntnisse über die komplexe Kultur dieses Landes und das mir bisher unbekannte Gesicht der Einheimischen.
Und der kleine Opa schnarcht mich in einen tiefen Schlaf.

Um die Privatsphäre der Badehausbesucher zu schützen, enthält dieser Artikel keine weiteren Fotos. Außerdem war es streng verboten, zu fotografieren und ich wollte nicht im koreanischen Knast landen.

Korea ist der zweite Stopp auf meiner Reise durch Asien. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet.