Der Mann nickt, als er mein Ticket sieht. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und trete durch den steinernen Torbogen. Vor mir öffnet sich eine Welt aus grün. Der Dschungel schluckt alle Geräusche, die hinter seinem Blättermeer ausharren: Tuk Tuks, Touristen, Straßenverkäufer. Kühe, Affen, Vögel und Moskitos. Nur das Knirschen meiner eigenen Schritte auf dem sandigen Untergrund nimmt mir mein ohnmächtiges Gefühl und macht mir bewusst, dass ich nicht taub bin.

Der Tempel Ta Prohm ist kein Gebäude mehr, nur noch eine Gruppierung von Steinen, die durch Wurzeln gestützt werden. Zu allen Seiten wird das Gebilde von dichtem Geäst umzingelt. Das Dach der Bäume hält seine Finger vor meine Augen, um mich vor der Sonne zu schützen, und hindert meine Gedanken daran, sich im kambodschanischen Himmel zu verlieren.
Dann greift etwas nach meinem Fuß.

Weder der Geist der Ahnen, noch von Vishnu oder sonst eine übernatürliche Kraft hält mich zurück. Auch kein frecher grauer Affe, der mir einen Streich spielen will.
Der feste Griff stammt von einer einfachen Wurzel. Wie eintausend Hände durchstoßen sie das Erdreich unter mir und strecken ihre Finger Richtung Sonnenlicht.
Ich gebe zu, langsam steigt mir die tropische Hitze zu Kopf.
Wasser. Jetzt oder nie. Die Flasche aus dem Rucksack wird geöffnet und in einem Zug geleert.

Als ich mich wieder gesammelt habe, tut sich das alte Mauerwerk des Tempels vor mir auf. Das vor vielen Jahrhunderten von Menschenhand geschaffene Gebilde wird lautlos erdrosselt. Wurzeln von Würgefeigen umklammern das marode Gemäuer wie Tentakeln eines ungeheuerlichen Kraken. Langsam erobern Ranken und Moose ihre Welt zurück.
Steinplatten heben sich vom Boden ab und werden vom Wurzelwerk aus dem Boden gehebelt. Ganze Bäume setzen sich auf die Gemäuer des Tempels, machen es sich gemütlich wie in einem Ohrenbackensessel. Wie auf einem Thron sitzen sie dort, mit kühnem Blick und Kronen aus Vogelgezwitscher, die ihr schlankes graues Haupt zieren.

 

Die Szenerie im Innenhof gleicht der gespenstischen Ruhe nach einem Erdbeben. Steinblöcke liegen zerstreut herum und fehlen in den Mauern. Mit Ornamenten verzierte Türsäulen sind zur Hälfte weggebrochen und warten darauf sich gänzlich fallen zu lassen. Nur das Fundament bleibt standhaft, alles andere blickt als Ruine zu Boden.

Zeit fließt durch die Gänge der Tempelanlage wie zähflüssiger Honig.
Das von der Vegetation strangulierte Gestein zeigt sein schönstes Gesicht und grüßt mit Facetten aus rotbraun, Grautönen und seinem neuen Kleid aus blassgrün. Aus allen Poren schießen zarte aber widerspenstige Sprösslinge, die aus dem Nichts zu wuchern scheinen. Sie zersetzen Figuren, Bodenplatten, Säulen, Dächer, Türme.
Bis auch der letzte Stein zerdrückt wird und in eintausend Sandkörner zerfällt.

Kambodscha ist der vierte Stopp auf meiner Reise durch Asien. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet, mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht und war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H’mông und einem Wasserbüffel unterwegs.