Ein kleines Dorfcafé am hinterletzten Ende von Tra Cu. An der Hafenstraße die überdachten Hängematten, dahinter das kleine Haus aus Stein. Im Garten warten die Hähne. In der Küche warten die Shrimps.
Ein spritziger Tod im Wok.

Während sich der Gastgeber für die Gesellschaft seiner fünf Freunde und meiner Wenigkeit bedankt, wird das Abendessen von den Frauen des Hauses angerichtet. Wir Männer sitzen im Kreis auf dem Boden, eine Zweiliterflasche mit sechzigprozentigem Reisschnaps macht die Runde. Er schmeckt nach eindeutig mehr Alkohol.
Ich komme kaum zum Essen, dauernd wird ein besonders langer vietnamesischer Trinkspruch fällig. Wir teilen uns die kleine Trinkschale, nach jedem Einschenken wird der Respekt vor dem Gegenüber ausgedrückt und dann wandert der Schnaps in den Rachen. Ob ich viel Alkohol vertrage, fragt der Gastgeber. Er hätte noch eine weitere Flasche herumzustehen.

Eine neue Runde wird gegeben. Seit drei Stunden spielen sie nun schon Karten und vertreiben sich so die Zeit. Auf dem einzigen Tisch des Hauses sitzend wird diskutiert, geflucht und gejubelt. Ich stehe daneben und trinke bereits die vierte Kokosnuss leer. Wenn ich Glück habe, findet heute noch ein Hahnenkampf statt. Das Nokia 3310 des Gastgebers klingelt ununterbrochen. Er würde liebend gern einen Kampf organisieren, denn sein momentaner Lieblingshahn hat die richtige Größe erreicht und ist in Topform. Er zeigt ihn mir mit einem strahlenden Lächeln.
Gefiederter Stolz.
Nun versucht er einen gegnerischen Hahn zu finden, doch dieser muss auch in der gleichen Gewichtsklasse sein, damit der Kampf fair ist. Der Hahnenkampf liegt den Vietnamesen im Blut. In ländlichen Regionen besitzt jeder Mann mindestens einen Kampfhahn. Sie werden tagsüber auf die Terrasse zur Straße gestellt, in einem Leichtmetallgerüst ähnlich einer Käseglocke. Dass jegliches Glücksspiel in Vietnam verboten ist, interessiert die Leute herzlich wenig. Die hiesige Polizei übrigens auch nicht. Gegen ein entsprechendes Entgelt, wie ich erfahre.

Heute soll noch eine Menge gewettet werden. Viel geraucht werden. Unmengen Kaffee mit Kondensmilch getrunken werden.
Glück mit Kondensmilch und Eiswürfeln.
Nach einem Tag voller Sonne bin ich völlig kaputt. Sechs Stunden Fahrt auf einem ausrangierten Motoroller, immer dicht an das Hinterteil meines Guides Phat gepresst. Durch Reisfelder, über unzählige Brücken und an Kokosnussplantagen vorbei. Unerbittliche Sonne und tropische Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Phat wird heute Nacht in einer der Hängematten des Cafés schlafen, denn die Moskitos tun ihm nichts, sagt er. Sie hätten sich an ihn gewöhnt und gemerkt, dass sein Blut nicht schmeckt. Und trotzdem möchte ich gern unter meinem Moskitonetz schlafen, als ein Moskitoweibchen in der Größe eines kleinen Vogels an mir vorbeifliegt. Eine Minute später wird es von einer noch größeren Spinne gefangen und gefressen.

Die Cafégäste sind ausschließlich Männer. Zum Pinkeln stellen sie sich hinters Haus und lassen laufen. Mitten in den Garten.
Jeder Einzelne hat seiner Frau gesagt, er hätte wichtige Geschäfte zu erledigen. Nun sitzen sie hier beim Glücksspiel. Ich frage mich, welche Geschichten die Frauen ihren Männern im Gegenzug erzählen, sollten sie einmal außer Haus sein.

Mittlerweile ist es stockduster, heute wird es leider keinen Kampf mehr geben. Der Gastgeber hat den ganzen Tag erfolglos telefoniert. Dafür sitzen jetzt sechs Männer auf einem Tisch, Rauchfahnen steigen aus ihren Mündern und ihren Händen neben dem Schneidersitz. Am Fuß des Tisches liegen meine sieben Sachen und eine Strohmatte, auf der ich heute Nacht schlafen werde. Für die lokalen Verhältnisse ist es bereits voll geworden. Alle Gäste stehen um den Tisch herum und beobachten das Spektakel.
Vor jeder Runde werden die Karten komplett neu gemischt, die zerknüllten Gesichter Ho Chi Minhs wechseln ihren Besitzer. Die Geldscheine verschwinden unter dem dünnen auf dem Tisch liegenden Teppich.

Phat sollte heute besser nicht spielen. Erst kürzlich hat er sechzig Euro beim Spiel verloren und momentan sieht es wieder nicht nach Glückssträhne aus. Trotzdem gibt er weiter Karten, legt weiter Geld in die Mitte. Neuer Kaffee, neue Zigarette. Irgendwann bin ich auch im Rausch. Ich frage Phat, wie es für ihn läuft. Ein ernster Blick ist die Antwort. Die Spieler schwanken je nach Kartenglück zwischen vollendeter Stille und tosendem Jubel.
Zu viel Reisschnaps, Kaffee und Zigarettenrauch. Zu viel Sonne über den Tag, zu viel frisches gutes Street Food. Plötzlich merke ich, wie müde ich bin. Ich widme mich der Strohmatte unter dem Moskitonetz. Im Hintergrund höre ich nur noch vereinzelt die Männer murmeln, sie analysieren das Spiel und besprechen die Gewinne und Verluste des Abends.
Die Karten ruhen.

Der Hahn ist mein Wecker. Der verfluchte ganze Stolz des Gastgebers reißt mich um halb fünf aus dem Schlaf.
Ich sehe zu Phat hinüber. Er rollt aus seiner Hängematte, lächelt mir zerknittert zu – völlig verkatert vom Reisschnaps. Und komplett von Moskitos zerstochen.

Ich nehme mir eine grüne Kokosnuss und öffne sie mit einem Buschmesser. Sie schmeckt am besten am frühen Morgen, denn immer dann liegt eine Stimmung in der Luft, die ich mir nicht erklären kann. Die ich nicht greifen kann. Ruhe und Geschäftigkeit zugleich. Ich spüre sie im gesamten Süden Vietnams.
Reis, Dschungel, Schwüle und das pulsierende Leben in den Adern des Mekongs.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner #Asienabenteuer Reise. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht. Vor meiner Reise ins Mekongdelta war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H’mông und einem Wasserbüffel unterwegs.