I. Akt: Cruella De Vil und ich

Die Bahndurchsagen auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum sind wie der Schilderwald in Deutschland: Zahllos und keiner versteht sie. Nachdem diese Herausforderung gemeistert ist, öffnet sich Wien wie eine Sachertorte aus Emotionen. Schicht um Schicht und mit jedem Schritt in eine neue Gasse, gewinnt die Stadt an Schönheit. Jedes verzierte Haus, jede vergoldete Turmspitze überzieht die Szenerie wie köstlicher Schokoladenguss.
Ich bin auf den Geschmack gekommen.

“Je arroganter der Service, desto authentischer das Restaurant”, meinte Kollege Flo. Alle Kellner sind freundlich zu mir. Ich mache wohl so einiges falsch.
Wie später auch im Café Ritter, als ich gefragt werde, ob ich mein Stück Sachertorte gern mit Schlagsahne hätte. Ein Test, eindeutig. Ich setze mein Pokerface auf, um die tiefe Zerrissenheit in meinem Inneren zu kaschieren.
Unbändiger Leistungsdruck.

Mein süßer Zahn und die Großhirnrinde verbünden sich zu einer Entscheidung: Mit Schlagsahne. Das Nicken des Kellners bleibt undurchschaubar.

Als am Nachbartisch ein Wiener das Gleiche bestellt, erweist sich meine Entscheidung als Expertenkenntnis. Hab ich’s doch gewusst. Die leichte Schlagsahne auf der Sachertorte sorgt für den richtigen Moment an Luftigkeit zwischen den vielen Schnitzeln.

In Wien herrscht eine außergewöhnlich hohe Pelzdichte, stelle ich fest. Das wird am Beispiel „Cruella De Vil“ besonders gut sichtbar.

II. Akt: Seekrank über den Dächern Wiens

Das graue Gerippe des Wiener Riesenrads ragt in den Wolkenvorhang hinein. Seit 1897 wird hier munter am Rad gedreht. Eine Einzelfahrt kostet sage und schreibe 9,50€. Die alten Waggonkabinen können gemietet werden und so bietet sich mir neben dem besten Blick auf die Stadt und den Prater noch ein besonderes Spektakel: Ein Waggon wurde für ein romantisches Candle Light Dinner gemietet.
Die Tür geht auf, ein Kellner in schwarzem Anzug bringt den nächsten Gang. Darf es noch etwas Wein sein? Sicher. Die Tür schließt sich, das Rad dreht sich weiter bis zur nächsten Fahrgelegenheit.

Ich betrete die hölzerne Kabine. Zahllose Inschriften schmücken die alten Paneele, einige der Fenster sind geöffnet und wunderbar frische Luft dringt hinein. Während ich die Aussicht genieße, welche mir besser gefällt, als auf dem Stephansdom, steht ein Fahrgast auf, stellt sich in eine Ecke und zieht sich die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht.
Was im ersten Moment wie eine Transformation zum Ninja erscheint, ist Höhenangst. Der arme Kerl, denke ich mir, während ein weiterer Gast mit Hummeln im Hintern ununterbrochen durch die Gondel läuft und das Gebilde so zum Schwanken bringt. Seekrank über den Dächern Wiens? Soweit kommt es am Ende nicht.

III. Akt: Armdrücken in der Geisterstadt

Im Vergnügungspark des Praters ist Totentanz, zwischen Oktober und März stehen die meisten Fahrgeschäfte still. Einige Betreiber bleiben hartnäckig und versuchen es bei jedem Touristen, der sich in der kalten Jahreszeit hierher verirrt.

Die Beschallung der Geisterbahn erinnert an den mutmaßlichen Soundtrack des Berliner Klischeenachtlebens, in dem man zu betrunken ist, um in den Club hineinzukommen, aber auch nicht nüchtern genug, um einfach nach Hause gehen zu wollen.
Geschlossene Buden tragen Namen wie Bonanza, Daytona Beach oder Rattenplage, auch am Glücks‐Center komme ich vorbei.
Im Prater ist immer was los, steht an einem Bauzaun geschrieben und es stimmt wohl.

Dieser kaum besuchte Ort der künstlichen Freude wirkt so abstrakt auf mich, dass ich mich wie in einer gruseligen Geisterstadt fühle. Keine Ahnung, ob hinter der nächsten Ecke ein frierender Tourist oder der gähnende Schlund winterlicher Leere wartet.
Ein Automat zum Armdrücken erregt meine Aufmerksamkeit zwischen den vielen grauen Rollläden. Ob der dargestellte Hartplastikdraufgänger mit Muskelpaketen und Geheimratsecken nachts den Käfig dieser Installation verlässt und zusammen mit den Clowns der Boomerang‐Achterbahn um die Häuser zieht?
Bei meinem nächsten Wienbesuch werde ich dem auf den Grund gehen.