Scheiße, denke ich. Himmelarsch, Scheißdreck.
Nach dem ermüdenden fünfstündigen Ritt nach Prag finde ich keinen Platz, um mein Auto abzustellen. Ich bleibe in der Einfahrt zu meinem Quartier für die Nacht stehen, um einen neuen Plan zu schmieden.
Erfolglos bin ich um den ganzen Block gefahren.
Nein, ich hatte nicht damit gerechnet, dass man in Prag als Nichtprager kaum Parkmöglichkeiten hat.
Im Seitenspiegel sehe ich einen Polizisten – ihn könnte ich um Rat fragen! Ich steige aus dem Auto, drücke routiniert die Verriegelung herunter und schließe die Tür. Im selben Moment bemerke ich meinen fatalen Fehler.

Unsicher darüber, was ich zuerst machen soll, fluche ich.
Fluchen hilft anfangs immer.
Der deutsche Wortschatz hütet so wunderbare Schimpfwörter, die beim leicht von der Lippe gehenden „Fuck“ heutzutage oft in Vergessenheit geraten.

Kurze Zusammenfassung der Lage: Mein Auto steht hier, in Prag, im absoluten Parkverbot einer Einfahrt. Der Schlüssel steckt noch im Zündschloss, die Tür habe ich per Hand von außen verriegelt. Der Zweitschlüssel liegt in Berlin.
Die Knöllchenverteiler kreisen wie die Geier.
Ich rufe meine Freundin an, die drei Stockwerke höher in unserem Urlaubsapartment auf die frohe Botschaft wartet, dass das Auto eingeparkt ist und wir gemütlich zum Abendessen gehen können.
Sie ist nicht begeistert.

Einbrechen für Anfänger

Kein Problem, wir knacken die Karre einfach auf. So lautet ihr Lösungsvorschlag. Ich versuche mich an alle Einbruchstutorials zu erinnern, die ich zufällig auf YouTube gesehen habe: Metallene Brechstangen, Tennisbälle, Schnürsenkel.
Ein Kleiderbügel aus Draht wäre eine weitere Möglichkeit, doch in unserem Quartier für die Nacht gibt es nur Bügel aus Holz.
Auf der anderen Straßenseite erreicht ein Bewohner seine Haustür und beginnt, die Schlüssel zu suchen. Meine Chance!
Da ich nicht weiß, was Kleiderbügel auf Englisch heißt, beschreibe ich ihm mein Anliegen mit Händen und Füßen. Er nickt und bedeutet mir zu warten. Zwei Minuten später kommt er mit dem Drahtbügel zurück und meint, ich könne ihn behalten.
Wenn er wüsste, was ich damit vorhabe.

Anleitungen im Internet zeigen, wie der Bügel verbogen werden muss. Jetzt geht es ans Eingemachte. So leicht wie bei der Olsenbande oder James Bond ist es jedoch nicht.
Erstens bin ich besorgt, wie stark der Draht am Fenster kratzt und zweitens greift meine Konstruktion den Schließmechanismus nicht. Außerdem kommen alle drei Minuten Passanten vorbei, die mich dabei beobachten, wie ich in der Dämmerung versuche, ein Auto aufzubrechen.

Es wird dunkel.
Meine Laune wird immer schlechter, ich werde unkonzentriert. Es will einfach nicht funktionieren. Ich rege mich zu sehr über mich selbst auf, über meine Dummheit. Letzter Ausweg: ADAC. Die gelben Engel werden mir schon zur Hilfe eilen, denke ich.

Hilfe von Pavel

Doch weit gefehlt, niemand eilt. Pavel vom ADAC meint, es würde einige Zeit dauern. Hundertvierzig Minuten.
„Sag mal Pavel, wir sind hier mitten in der Hauptstadt. Es kann doch nicht sein, dass das so lange dauert.“
Diskutieren hilft nicht.
Ich könnte mich gemütlich in mein angemietetes Apartment setzen und die Füße hochlegen, doch dann bestünde die Gefahr, abgeschleppt zu werden. Das wäre die Krönung. Also setze ich mich auf die Motorhaube und warte.

Meine Jacke ist wenig gefüttert, wie ein tschechisches Magermodel.
Kälte, aus dem eigenen Auto ausgesperrt sein im Ausland – alles keine riesigen Probleme. Was mir jedoch richtig die Laune verdirbt, ist Hunger.
Ich hatte mich so sehr auf ein kühles tschechisches Bier gefreut, als Begleiter zu einem deftigen Abendessen. Viel Soße und viel Fett. Und jetzt das.
Bevor sich meine clevere Reisebegleitung auf den Weg machen kann, um Snacks zu holen, muss ich den nächsten Geldautomaten finden. Das dauert. Das dauert ewig.
Auf dem Weg dorthin ruft mein Freund Pavel erneut an, gute Nachrichten: Nur noch vierzig Minuten, dann wäre jemand vor Ort.

„Kaputski nixki?“
Ja, korrekt.
Der Mann, der behäbig aus seinem Abschleppauto steigt, versteht mein Nicken. Mein Tschechisch ist so gut wie sein Deutsch – nicht vorhanden.
Er stört sich am Vogelschiss auf meinem Fahrzeugdach und verzieht das Gesicht. Dann öffnet er die Autotür innerhalb einer Minute mithilfe zweier aufblasbarer Luftkissen. Entspannt zieht er den Schlüssel aus dem Zündschloss und reicht ihn mir.
Sein Blick sagt: Das war alles?
Ich frage: „War das alles?“
Er nickt.

Ich unterschreibe sein Formular und steige gemeinsam mit meiner Freundin ins Auto. Schließlich stehen wir seit vier Stunden in der Einfahrt und brauchen noch immer einen Parkplatz. Doch der Bann ist gebrochen und Prag steht uns endlich offen.
Ganz Prag? Nein.
Nach einer knappen Stunde, die ich auf Parkplatzsuche in Einbahnstraßen verbringe, entscheide ich mich resignierend für ein Parkhaus. Ausgerechnet das teuerste Parkhaus in ganz Prag.

Kellner von drei verschiedenen Bars machen uns keine Hoffnungen darauf, dass es so spät noch etwas Warmes aus den Küchen gibt. Hier essen sie zeitig. Die Lösung: Zum nächsten Spätverkauf und damit eindecken, was den Homo sapiens seither groß und stark gemacht hat. Tiefkühlpizza und Dosenbier. Dann geht es zurück in unsere Bleibe für dieses Wochenende.

Was für ein Auftakt dieser Reise. Müdigkeit schleicht sich an wie ein Raubtier. Mit jedem Schluck Bier kommt sie einen Meter näher. Der Rand der Bierdose berührt meine Lippen und legt mir einen metallischen Geschmack auf die Zunge.
Die Uhr zeigt Mitternacht.
Alles Gute zum Geburtstag, sagt die Stimme neben mir.