Nach dem ersten Bissen verfalle ich in eine Art Trance.

Die einsetzende Dämmerung lenkt meinen Blick in ein blauorangenes Zwielicht, der wacklige rosa Plastikhocker unter mir verwirrt mein Gleichgewichtsgefühl und das Geruchsgemisch aus gezupftem Entenfleisch, Kohl und Teigtaschen raubt mir die Sinne. Es ist, als würde ein Nervengift von der Zunge aus in mein Hirn kriechen, um dort jeden sich formenden Gedanken im Keim zu ersticken. Die repetitiven Bewegungen meiner Umgebung formen sich zu einem Schema: Das Schlurfen von Latschen, das Schlürfen von Suppe aus hunderten Mündern, das Schleifen der kleinen Plastikhocker auf dem zerlebten Gehweg.

Mein Besuch auf Bangkoks Nachtmarkt beginnt mit einer trockenen Entennudelsuppe. Trocken, da das Gericht aus den Zutaten der Suppe besteht, nur wurde die Brühe am Ende weggelassen. Ich beginne zu Summen, denn es schmeckt zu gut, um wahr zu sein. 18 Uhr, eigentlich bin ich zu früh. Ich wollte später hier sein, wenn in Bangkoks Chinatown alle Stände aufgebaut sind, einem die Spezialitäten vom Grillrost in den Mund fliegen. Doch als die letzte Fähre des Tages am Rachawong Pier anlegt und der Fährmann „Rachawong, Chinatown!“ ruft, springe ich an Land. Ein schmaler Pfad trifft eine Sackgasse, diese führt mich an maroden Häuserblocks und heruntergekommenen Geschäften vorbei bis hin zur Yaowarat Road. Meine Nase folgt dieser Hauptstraße in Richtung Chinatown Gate.

Bangkoks Nachtmarkt ist ein Irrgarrten der Düfte und Aromen.

Der Bürgersteig ist voll von Hungrigen und Feinschmeckern, aus den Sois, den kleinen verzweigten Seitengassen, die sich im nie enden wollenden urbanen Labyrinth verlieren, ziehen Rauchschwaden hin zur offenen Straße. Die Ecke der ersten Soi sieht vielversprechend aus, da sich die Besucher eines Standes in so hoher Zahl versammelt haben, dass sie fast mitten auf der Hauptstraße sitzen müssen, an der ihnen vorbeifahrende Taxis den Rücken kratzen.

Hier gibt es Hühnernudelsuppe in allen Farben und Formen, am nächsten Stand gegrillten Fisch, danach eine riesengroße Auslage mit Obst. Dahinter verläuft sich das bunte Treiben abrupt in verrotteten herunterhängenden Plastikplanen, dunklen Ecken voller Müll und tristen Fensterfronten. Überrascht, dass die Gasse hier bereits ihr jähes Ende findet, folge ich dem Menschenstrom zurück auf den Boulevard aus Neonlichtern, um zur nächsten Soi zu gelangen. Der Nachtmarkt ist sozialer Mittelpunkt des Lebens in Bangkok. Hier treffen sich die Familien zum Abendessen, Neuigkeiten werden ausgetauscht, Einkäufe getätigt.

An einem verklebten Metalltisch, zwei Meter neben dem allabendlichen Verkehrschaos, finde ich in meiner ohne Brühe bestellten Entennudelsuppe das, was mich an diesem trubeligen Kontinent so fesselt. Umami, die fünfte Geschmacksrichtung. Sie ist das Ergebnis einer Aromaformel, deren Variablen nach jahrzehntelanger Überlieferung von jeder Kochgeneration verändert wurde. Bei dieser Mahlzeit treffen sich Hoisinsauce, Galgant, Ingwer, Fischsauce und Chili auf meinem Suppenlöffel.

Zufrieden zahle ich die 50 Baht und schlendere weiter. In der nächsten Soi gibt es ausschließlich gegrillte Schätze des Meeres, in der darauf Hühnchen mit Reis. Ja, in dieser Gasse verkaufen sieben Garküchen das gleiche Gericht, jede auf ihre Weise. Dazwischen findet sich auf der großen Straße eine Ansammlung von dreißig, vierzig Thais, die alle auf eine Kreuzung zwischen Crêpes und Tacos warten.
Warteschlangen sind mein Feindbild, also weiter.

Nach und nach weichen die Garküchen nun den chinesischen Feinschmeckerrestaurants. Zwischen Goldan‐ und Verkäufen oder Plastikplunderläden gibt es hier Nahrung, die nicht nur den Magen füllt, sondern zugleich auch als Heilmittel wirkt. Schwalbennester aus Südthailand zum Beispiel, der Kaviar des Ostens. Sie bestehen hauptsächlich aus Vogelspucke und sind eines der beliebtesten Anti‐Aging‐Mittel der Chinesen. Und eines der teuersten, 3000 Euro das Kilo. Weitere Spezialitäten sind Seegurken, Oktopusse zum Lebendverzehr und Haifischflossen. In Bangkoks Chinatown wird der Gast nicht nur satt, es werden auch sein Grauer Star, Asthma und schlaffer Penis geheilt. Bald reicht der Schnüffelstift mit Menthol und Eukalyptusöl nicht mehr aus, hier stinkt es mir.

 

Hua Lamphong, Bangkoks Hauptbahnhof. Mit der Metro will ich nach Silom fahren, die Anzeige tituliert To Bang Sue.
To bang or not to bang? Und wer ist diese Sue?
Bei Silom auszusteigen, ist wie sich mit Bud Spencer anzulegen. Sobald ich auf der Überführung stehe, auf die gegenüberliegende Thailand‐Japan‐Brücke sehe, schlägt mir die schwüle Nachtluft mit voller Wucht ins Gesicht. Zwar nur mit flacher Hand, doch schmerzt es trotzdem. Mein Handy sagt 90% Luftfeuchtigkeit, meine Haut ermittelt 100%. Ich bilde mir ein, die Bäume des angrenzenden Lumphini Parks beim Ausatmen beobachten zu können.

Was ich jetzt brauche, ist eine heiße Suppe.

Vom Betonbalkon der Überführung aus, sehe ich einen Mann unter mir auf dem Gehweg. Sehr geschäftig steht er an seinem Stand, hinter ihm ein Kochtopf, in dem er mit zwei weiteren Freunden gemütlich Platz finden würde.
Großer Topf, großer Geschmack, große Kundschaft, denke ich mir und eile hinunter.
Ein umgebauter Autoanhänger funktioniert als Garküche, bisher hatte ich nur aufgemotzte Motoroller als fahrende Küchen gesehen. Das Angebot der Einlagen für meine Suppe ist mannigfaltig, ich habe die Wahl zwischen Fleisch und Innereien all derer, die einmal Beine hatten. Nach der überdimensional großen und halbgaren Entenleber in meiner Frühstückssuppe am Morgen, verzichte ich diesmal auf die inneren Werte und wähle Schweinebauch mit einer dicken Fettkruste. Der erste Löffel Suppe ist der Wahnsinn, beim zweiten Löffel fliegt mir glatt der Hut weg. Ein bekanntes und doch lang nicht mehr geschmecktes Gewürz verleiht meiner Mahlzeit die besondere Note. Es dauert eine Weile, bis ich die exotische Geheimzutat herauskoste.
Es ist stinknormaler schwarzer Pfeffer.
Er hat sich hinter den wie Hühnerfüße geformten Reisbandnudeln versteckt und nach mehreren Wochen Pfefferabstinenz in Thailand bin ich ihm nicht sofort auf die Schliche kommen.

Zufrieden stehe ich am Bahnsteig, zu meinen Füßen die Sukhumvit Road. Die vierhundert Kilometer lange Straße beginnt im Herzen Bangkoks und führt bis an die kambodschanische Grenze. Obwohl sich hier einige der besten Nachtmärkte und Garküchen Bangkoks befinden, ist die Gegend um BTS Station Nana kein Ort, an dem man mit der Schwiegermutter Kaffeetrinken gehen sollte.
Leichte Mädchen machen große Augen, schwere Jungs machen schnelles Geld.

Ich will in Bangkoks bestem Ambiente noch etwas essen. Verkäufer bauen ihre Stände auf, es gibt Thaiboxingausrüstung, Massagekittel und Asiapornos. In einer nah gelegenen Soi finde ich den perfekten Abschluss des Abends, Pad Thai und Thai‐Eistee.
Nachdem mich das als Tempel der Offenbarung angepriesene Restaurant Thip Samai vor einigen Tagen etwas enttäuscht hat, werde ich hier schließlich fündig. Im Thip Samai servieren sie das beste Pad Thai, so die Aussage des Inhabers und jedes bekannten Magazins der westlichen Welt.
Bullshit. Nach drei Wochen des Testens im ganzen Land erreicht diese Variante des thailändischen Nationalgerichts nur den vorletzten Platz. Thai Food ist Street Food und das beste Street Food gibt es auf der Straße. Und so sitze ich unter nackten Neonröhren und versifften Ventilatoren, die mit ihrer Staubdecke einen ganzen Suppenkessel füllen könnten und freue mich meines Lebens.

Bis mich der Mann zu meiner Rechten völlig abnervt. Er hat eine Plastiktüte voll Kleingeld dabei und leert ihn vor sich auf dem Tisch aus, damit die Kellnerin das Geld zählen kann. All das mit einer gebieterischen Unfreundlichkeit, wie sie nur fette alte Männer an den Tag legen können. Selbstverständlich will sich die kleine Kellnerin die halbe Stunde des Geldzählens ersparen, in ihrem Blick wechseln sich Widerstreben und Unmut ab, doch ihre gute Erziehung und ihr Glaube verbieten es ihr, seiner respektlos formulierten Bitte nicht nachzukommen. Also zählt sie die silbrig glänzenden Kilogramm nicht nur, sondern wechselt sie ihm auch noch in Banknoten.
Stinksauer muss ich aufstehen und gehen.

Ein Bananencrêpe auf der anderen Straßenseite versöhnt mich wieder mit der Welt. Während ich zwischen dem Rauch der Garküchen, hängenden Schweinebäuchen und Hühnern, Bergen von Rambutans, Mangosteen und Jackfruits und aufgespießten Fischen den Rückweg zum Hotel antrete, mit einer Tüte Zuckerrohrsaft in der Hand, dessen Süße mir das Gesicht verzieht, wird mir eins klar. Bangkok ist der erste Ort, an dem ich mich im wahrsten Sinne des Wortes sattsehen kann. Ich summe vor mich hin und denke daran, was dieses Schlaraffenland morgen wieder für mich bereithalten mag.

Garküchen und Nachtmärkte:

Chinatown
Vom Chinatown Gate Richtung Nordwesten auf der Yaowarat Road und deren Seitengassen finden sich hunderte Garküchen.

BTS Station Sala Daeng
Unter der Überführung habe ich den Stand mit der Schweinenudelsuppe gefunden. In der Nähe finden sich in der Silom Soi 20 weitere Garküchen.

BTS Station Nana
Gegenüber des Nana Post Office in der Sukhumvit Soi 3/1 gibt es wahnsinnig gutes Chicken Pad Thai.

Sukhumvit Road
In der Sukhumvit Soi 38 gibt es einen großen Nachtmarkt, in dem sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen treffen, um zu shoppen und zu essen.

BTS Station Ratchathewi
In Richtung der BTS Station Phaya Thai finden sich auf der linken Straßenseite viele Garküchen, sobald es dunkel wird. Mein Favorit ist der Stand vor 7Eleven, dort gibt es Hühnchen mit Reis.

BTS Station Phaya Thai
In der Petchaburi Soi 5 finden sich ab 18 Uhr viele Stände mit ausgezeichnetem Thai Food.