Für Bukarest wurde die Bezeichnung »schön hässlich« erfunden. Alte Prunkvillen mit Einschusslöchern berichten von einer Zeit, in der das Staatsoberhaupt des Landes eine friedliche Demonstration zu einem Massaker machte. Nun sitzen in den schönen alten Gebäuden hauptsächlich Zahnärzte und Anwälte. Seit 35 Minuten bin ich hier und um mich herum bricht das Chaos aus. Ein Brand und eine Straßenschlägerei, beides im Umkreis von 50 Metern. Dazu kommt: Der Straßenverkehr ist eine lebensbedrohliche Symbiose aus Szenen von Rom und Bangkok. Verdunkelte Luxuskarossen und Schrott auf Rädern liefern sich regelrechte Rennen. Basslastige Popmusik schreit durch die offenen Autofenster.

Im Zentrum. Neben dem Park Parcul Unirii befinden sich riesenhafte Springbrunnen, die den Verlauf der Straßen um sie herum bestimmen. Die breiten Spuren bilden einen Boulevard, der die Champs-Élysées nachstellen soll, denn der einstige Diktator Nicolae Ceaușescu wollte Bukarest zum »Paris des Ostens« machen. Der zentrale Springbrunnen des Bulevardul Unirii funktioniert, die zwölf Becken darum sind trockengelegt. Pärchen stehen darin und machen romantische Fotos, solang die Nachmittagssonne günstig steht.

Während einer Free Walking Tour durch Bukarest lerne ich Alin kennen. Und Kevin von Norwegen. Ja, von – nicht aus – Norwegen. Nach einigen Bieren in verschiedensten Craft Beer-Lokalen landen wir schließlich im Oktoberfest III. Wir lachen viel, trinken fantastisches Schwarzbier und essen uns einmal durch die Karte, wobei die Favoriten der einfachen Hausmannskost klar herausstechen: Bratwürste mit Senf, eingelegte Gewürzgurken und frisches Brot. Rumänische Gerichte sind dem Deutschen sehr vertraut.

»Oli, du verträgst echt viel Bier«, sagt Alin. »Hast du Lust, morgen auf eine rumänische Hochzeit mitzukommen? Ich bin Trauzeuge. Es wird eine echte Zigeunerhochzeit.«

Ich bin überwältigt von seinem Vorschlag! Sofort sage ich zu und suche beim nächsten Bier per Smartphone schon nach einem traditionellen Festgewand – schließlich will ich als spontaner Gast einen guten Eindruck machen.

»Wenn alles klar geht, melde ich mich nochmal bei dir«, sagt Alin, als ich mich mit vollem Bauch verabschiede.

Ich streife durch den Schatten der Hauptstadt, benebelt von Bier und Schnaps. Es ist warm, die Fassaden der Häuser erzählen Geschichten von Freiheit und Gewalt. Kaum jemand ist unterwegs; hier und da ein Straßenhund, wie es viele von ihnen in Bukarest gibt. Vor dem Eingang zur Metro beobachte ich, wie ein Pärchen sich verabschiedet und innig umarmt. Zu ihren Füßen liegen leere Bierflaschen und Kippenstummel mit Lippenstift daran.

Am nächsten Morgen mach ich mich direkt auf die Suche nach passender Hochzeitskleidung. Schließlich Alins Nachricht: »Wir haben gestern noch zu lang gesoffen. Jetzt streite ich mit dem Bräutigam, weil ich schon zu viele Leute eingeladen habe. Aus der Hochzeit wird deshalb für dich leider nichts. Was hast du jetzt vor?«

Eine herbe Enttäuschung, ich hatte mich so sehr auf die Feier gefreut.

»Ich fahre nach Transsilvanien«, schreibe ich bestimmt.

Das sollte unser letzter Kontakt gewesen sein.

Ich muss raus, weit raus.

Das Hostel der letzten Nacht habe ich hinter mir gelassen. Noch eine Zwischenmahlzeit am nächsten Kiosk – bezahlt mit rumänischem Plastikgeld – und ich mache mich auf in Richtung Bahnhof.

Der Kiosk ist das zentrale gesellschaftliche Element des urbanen Rumäniens, denn hier werden gleich mehrere Bedürfnisse gestillt: Neben Zeitungsartikeln und Erfrischungsgetränken erhalten Kunden nicht nur Bustickets und ausgezeichneten frischen Sesamringen, sondern auch den neuesten Klatsch und Tratsch über die Nachbarn im Kiez. Diese Gerüchteküche verleiht dem faden Alltag die nötige Würze.

Vier Straßenjungen spielen Fußball auf dem verlebten Gehweg. Als ein Mann an ihnen vorbeiläuft, spucken sie ihn an und werfen Steine nach ihm. Das Bahnhofsviertel hat es in sich. Endlich erreiche ich den Gara du Nord und kaufe mir ein Ticket nach Transsilvanien, ins Gebirge. Ich durchquere die Eingangshalle, die mit Warnungen plakatiert ist:

Auf keinen Fall in Privattaxis steigen!

Trauen Sie keinem Taxifahrer! Besser Sie vertrauen sowieso niemandem!

Piraterie, Raub, Entführung, Mord!

(Willkommen in Bukarest.)

Das ermutigt. Mein Zug ist schon zum Glück schon da, ich steige ein. Breite Sitze, Steckdosen. Wie in der Zeit stehen geblieben und von einer Gemütlichkeit, von der mein Sofa zuhause nur träumen kann.

Der Schaffner kommt. Mit Händen und Füßen erklärt er mir, ich säße in der ersten Klasse – mein Ticket gelte aber für einen Platz in der zweiten Klasse.

In meinem neuen Abteil sitzen bereits ein Mann und sein Geruch. Im Prinzip füllt sein Geruch das Abteil mit sechs Plätzen komplett aus. Seine Tattoos sind beeindruckend schlecht gestochen: Die Farben waschen aus, Linien verwischen und jedes einzelne schreit förmlich KNAST. Immerhin erkenne ich einen Skorpion und ein Schwert. Weitere Merkmale: Vokuhila, Achselshirt. Ich packe mein mit Erdbeermarmelade gefülltes Croissant aus und fühle mich unmännlich.

Im Abteil nebenan streitet sich ein älteres Paar lautstark. Schlägt sich.

Ein Mann mit verkrüppelten Beinen schleift sich über den Boden vor dem Abteil und bettelt. Ich gebe ihm eine Wasserflasche, er scheint nicht zufrieden.

In der malerischen Stadt Brașov steige ich aus. Es riecht nach Land, zumindest bilde ich es mir nach meinen bukarester Erlebnissen ein.

Hier soll sich einst der walachische Fürst Vlad Țepeș, international bekannt als Graf Dracula, eine Affäre gehalten haben.

Und auf dem innerstädtischen Hausberg sollen Bären leben. Außerdem wurde mir eine saure Suppe aus Rinderpansen empfohlen.

Rumänien beginnt mir zu gefallen.