Kaffeeersatz

Meine Prager Odyssee oder Wie ich zum Einbrecher wurde

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Scheiße, denke ich. Himmelarsch, Scheißdreck.
Nach dem ermüdenden fünfstündigen Ritt nach Prag finde ich keinen Platz, um mein Auto abzustellen. Ich bleibe in der Einfahrt zu meinem Quartier für die Nacht stehen, um einen neuen Plan zu schmieden.
Erfolglos bin ich um den ganzen Block gefahren.
Nein, ich hatte nicht damit gerechnet, dass man in Prag als Nichtprager kaum Parkmöglichkeiten hat.
Im Seitenspiegel sehe ich einen Polizisten – ihn könnte ich um Rat fragen! Ich steige aus dem Auto, drücke routiniert die Verriegelung herunter und schließe die Tür. Im selben Moment bemerke ich meinen fatalen Fehler.

Unsicher darüber, was ich zuerst machen soll, fluche ich.
Fluchen hilft anfangs immer.
Der deutsche Wortschatz hütet so wunderbare Schimpfwörter, die beim leicht von der Lippe gehenden „Fuck“ heutzutage oft in Vergessenheit geraten.

Kurze Zusammenfassung der Lage: Mein Auto steht hier, in Prag, im absoluten Parkverbot einer Einfahrt. Der Schlüssel steckt noch im Zündschloss, die Tür habe ich per Hand von außen verriegelt. Der Zweitschlüssel liegt in Berlin.
Die Knöllchenverteiler kreisen wie die Geier.
Ich rufe meine Freundin an, die drei Stockwerke höher in unserem Urlaubsapartment auf die frohe Botschaft wartet, dass das Auto eingeparkt ist und wir gemütlich zum Abendessen gehen können.
Sie ist nicht begeistert.

Einbrechen für Anfänger

Kein Problem, wir knacken die Karre einfach auf. So lautet ihr Lösungsvorschlag. Ich versuche mich an alle Einbruchstutorials zu erinnern, die ich zufällig auf YouTube gesehen habe: Metallene Brechstangen, Tennisbälle, Schnürsenkel.
Ein Kleiderbügel aus Draht wäre eine weitere Möglichkeit, doch in unserem Quartier für die Nacht gibt es nur Bügel aus Holz.
Auf der anderen Straßenseite erreicht ein Bewohner seine Haustür und beginnt, die Schlüssel zu suchen. Meine Chance!
Da ich nicht weiß, was Kleiderbügel auf Englisch heißt, beschreibe ich ihm mein Anliegen mit Händen und Füßen. Er nickt und bedeutet mir zu warten. Zwei Minuten später kommt er mit dem Drahtbügel zurück und meint, ich könne ihn behalten.
Wenn er wüsste, was ich damit vorhabe.

Anleitungen im Internet zeigen, wie der Bügel verbogen werden muss. Jetzt geht es ans Eingemachte. So leicht wie bei der Olsenbande oder James Bond ist es jedoch nicht.
Erstens bin ich besorgt, wie stark der Draht am Fenster kratzt und zweitens greift meine Konstruktion den Schließmechanismus nicht. Außerdem kommen alle drei Minuten Passanten vorbei, die mich dabei beobachten, wie ich in der Dämmerung versuche, ein Auto aufzubrechen.

Es wird dunkel.
Meine Laune wird immer schlechter, ich werde unkonzentriert. Es will einfach nicht funktionieren. Ich rege mich zu sehr über mich selbst auf, über meine Dummheit. Letzter Ausweg: ADAC. Die gelben Engel werden mir schon zur Hilfe eilen, denke ich.

Hilfe von Pavel

Doch weit gefehlt, niemand eilt. Pavel vom ADAC meint, es würde einige Zeit dauern. Hundertvierzig Minuten.
„Sag mal Pavel, wir sind hier mitten in der Hauptstadt. Es kann doch nicht sein, dass das so lange dauert.“
Diskutieren hilft nicht.
Ich könnte mich gemütlich in mein angemietetes Apartment setzen und die Füße hochlegen, doch dann bestünde die Gefahr, abgeschleppt zu werden. Das wäre die Krönung. Also setze ich mich auf die Motorhaube und warte.

Meine Jacke ist wenig gefüttert, wie ein tschechisches Magermodel.
Kälte, aus dem eigenen Auto ausgesperrt sein im Ausland – alles keine riesigen Probleme. Was mir jedoch richtig die Laune verdirbt, ist Hunger.
Ich hatte mich so sehr auf ein kühles tschechisches Bier gefreut, als Begleiter zu einem deftigen Abendessen. Viel Soße und viel Fett. Und jetzt das.
Bevor sich meine clevere Reisebegleitung auf den Weg machen kann, um Snacks zu holen, muss ich den nächsten Geldautomaten finden. Das dauert. Das dauert ewig.
Auf dem Weg dorthin ruft mein Freund Pavel erneut an, gute Nachrichten: Nur noch vierzig Minuten, dann wäre jemand vor Ort.

„Kaputski nixki?“
Ja, korrekt.
Der Mann, der behäbig aus seinem Abschleppauto steigt, versteht mein Nicken. Mein Tschechisch ist so gut wie sein Deutsch – nicht vorhanden.
Er stört sich am Vogelschiss auf meinem Fahrzeugdach und verzieht das Gesicht. Dann öffnet er die Autotür innerhalb einer Minute mithilfe zweier aufblasbarer Luftkissen. Entspannt zieht er den Schlüssel aus dem Zündschloss und reicht ihn mir.
Sein Blick sagt: Das war alles?
Ich frage: „War das alles?“
Er nickt.

Ich unterschreibe sein Formular und steige gemeinsam mit meiner Freundin ins Auto. Schließlich stehen wir seit vier Stunden in der Einfahrt und brauchen noch immer einen Parkplatz. Doch der Bann ist gebrochen und Prag steht uns endlich offen.
Ganz Prag? Nein.
Nach einer knappen Stunde, die ich auf Parkplatzsuche in Einbahnstraßen verbringe, entscheide ich mich resignierend für ein Parkhaus. Ausgerechnet das teuerste Parkhaus in ganz Prag.

Kellner von drei verschiedenen Bars machen uns keine Hoffnungen darauf, dass es so spät noch etwas Warmes aus den Küchen gibt. Hier essen sie zeitig. Die Lösung: Zum nächsten Spätverkauf und damit eindecken, was den Homo sapiens seither groß und stark gemacht hat. Tiefkühlpizza und Dosenbier. Dann geht es zurück in unsere Bleibe für dieses Wochenende.

Was für ein Auftakt dieser Reise. Müdigkeit schleicht sich an wie ein Raubtier. Mit jedem Schluck Bier kommt sie einen Meter näher. Der Rand der Bierdose berührt meine Lippen und legt mir einen metallischen Geschmack auf die Zunge.
Die Uhr zeigt Mitternacht.
Alles Gute zum Geburtstag, sagt die Stimme neben mir.

Japan, Schnaps und Wahnsinn

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Ich bin gerade wieder zu Hause angekommen, nachdem ich meinen Freund Stefan besucht habe, der demnächst sein eigenes Hostel eröffnen wird. Wie ich so mit dem Auto die Landstraße entlang fuhr, zwischen Birkenalleen und Weizenfeldern, musste ich an die Hostels denken, in denen ich bisher übernachtet hatte. Einige waren super, einige waren ziemlich abenteuerlich. In diesem Moment des Nachdenkens packte mich wieder das Fernweh. Die kommenden Links sollen Linderung verschaffen. Viel Freude damit!

Zum Sehen und Staunen:

Vincent Urban ist für mich die Nummer 1 der Filmschaffenden, die das meiste Fernweh in mir wecken. Endlich hat er wieder ein unfassbar gutes Video veröffentlicht, welches ich nicht oft genug sehen kann.
Aufnahmen aus dem Land der aufgehenden Sonne: In Japan ‐ 2015.

Eine der verrücktesten Reiseunterkünfte hat Rhianna Lakin gefunden. Wie sieht’s aus ‐ einmal in einem Flugzeug im Wald übernachten?
Diesen Schnappschuss hat sie in Oregon gemacht: Boeing 727.

Noch keine konkrete Idee, wo es dieses Jahr hingehen soll? Dann lass dich einfach von dieser visuell beeindruckenden Zusammenstellung inspirieren. Die New York Times hat für jede Woche im Jahr das perfekte Reiseziel zum Vorschlag: 52 Places to Go in 2016.

Zum Lesen und Träumen:

In der Travel Episode Allein in der Wildnis weckt und nimmt Journalist Dirk Rohrbach zugleich den Traum vom Aussteigerleben in Alaska. Zusammen mit elf Hunden schaufelt, schlägt, sägt, fährt und friert er sich zwei Wochen durch den hohen Norden Amerikas. Außergewöhnliche Erlebnisse bei ca. minus 20 Grad Celsius.

Gerade wieder aus der Versenkung aufgetaucht und zurück in meinem Bücherregal: Through the Lens: National Geographic Greatest Photographs.
Ein Bildband, den ich dir unbedingt ans Herz legen muss. Jedes Jahr überraschen die Fotografen von National Geographic auf’s Neue und in diese wunderbare Ausgabe stellt ein ausgezeichnetes Best Of dar.

Ein Held meiner Kindheit ist vor Kurzem 85 Jahre alt geworden. Janosch fand und findet für mich immer die perfekten Worte, um die komplexen Windungen des Lebens einfach und verständlich zu beschreiben. Gleichzeitig sind seine Geschichten so vielseitig und tiefgründig. Für die Welt hat er ein schönes Interview zu Panama, Hängematten und seinem Kritzel‐Stil gegeben: „Kein Gott und kein Schnaps, alles vorbei„.

Wiener Welten: Ein Fotostreifzug in drei Akten

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 I. Akt: Cruella De Vil und ich

Die Bahndurchsagen auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum sind wie der Schilderwald in Deutschland: Zahllos und keiner versteht sie. Nachdem diese Herausforderung gemeistert ist, öffnet sich Wien wie eine Sachertorte aus Emotionen. Schicht um Schicht und mit jedem Schritt in eine neue Gasse, gewinnt die Stadt an Schönheit. Jedes verzierte Haus, jede vergoldete Turmspitze überzieht die Szenerie wie köstlicher Schokoladenguss.
Ich bin auf den Geschmack gekommen.

“Je arroganter der Service, desto authentischer das Restaurant”, meinte Kollege Flo. Alle Kellner sind freundlich zu mir. Ich mache wohl so einiges falsch.
Wie später auch im Café Ritter, als ich gefragt werde, ob ich mein Stück Sachertorte gern mit Schlagsahne hätte. Ein Test, eindeutig. Ich setze mein Pokerface auf, um die tiefe Zerrissenheit in meinem Inneren zu kaschieren.
Unbändiger Leistungsdruck.

Mein süßer Zahn und die Großhirnrinde verbünden sich zu einer Entscheidung: Mit Schlagsahne. Das Nicken des Kellners bleibt undurchschaubar.

Als am Nachbartisch ein Wiener das Gleiche bestellt, erweist sich meine Entscheidung als Expertenkenntnis. Hab ich’s doch gewusst. Die leichte Schlagsahne auf der Sachertorte sorgt für den richtigen Moment an Luftigkeit zwischen den vielen Schnitzeln.

In Wien herrscht eine außergewöhnlich hohe Pelzdichte, stelle ich fest. Das wird am Beispiel „Cruella De Vil“ besonders gut sichtbar.

II. Akt: Seekrank über den Dächern Wiens

Das graue Gerippe des Wiener Riesenrads ragt in den Wolkenvorhang hinein. Seit 1897 wird hier munter am Rad gedreht. Eine Einzelfahrt kostet sage und schreibe 9,50€. Die alten Waggonkabinen können gemietet werden und so bietet sich mir neben dem besten Blick auf die Stadt und den Prater noch ein besonderes Spektakel: Ein Waggon wurde für ein romantisches Candle Light Dinner gemietet.
Die Tür geht auf, ein Kellner in schwarzem Anzug bringt den nächsten Gang. Darf es noch etwas Wein sein? Sicher. Die Tür schließt sich, das Rad dreht sich weiter bis zur nächsten Fahrgelegenheit.

Ich betrete die hölzerne Kabine. Zahllose Inschriften schmücken die alten Paneele, einige der Fenster sind geöffnet und wunderbar frische Luft dringt hinein. Während ich die Aussicht genieße, welche mir besser gefällt, als auf dem Stephansdom, steht ein Fahrgast auf, stellt sich in eine Ecke und zieht sich die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht.
Was im ersten Moment wie eine Transformation zum Ninja erscheint, ist Höhenangst. Der arme Kerl, denke ich mir, während ein weiterer Gast mit Hummeln im Hintern ununterbrochen durch die Gondel läuft und das Gebilde so zum Schwanken bringt. Seekrank über den Dächern Wiens? Soweit kommt es am Ende nicht.

III. Akt: Armdrücken in der Geisterstadt

Im Vergnügungspark des Praters ist Totentanz, zwischen Oktober und März stehen die meisten Fahrgeschäfte still. Einige Betreiber bleiben hartnäckig und versuchen es bei jedem Touristen, der sich in der kalten Jahreszeit hierher verirrt.

Die Beschallung der Geisterbahn erinnert an den mutmaßlichen Soundtrack des Berliner Klischeenachtlebens, in dem man zu betrunken ist, um in den Club hineinzukommen, aber auch nicht nüchtern genug, um einfach nach Hause gehen zu wollen.
Geschlossene Buden tragen Namen wie Bonanza, Daytona Beach oder Rattenplage, auch am Glücks‐Center komme ich vorbei.
Im Prater ist immer was los, steht an einem Bauzaun geschrieben und es stimmt wohl.

Dieser kaum besuchte Ort der künstlichen Freude wirkt so abstrakt auf mich, dass ich mich wie in einer gruseligen Geisterstadt fühle. Keine Ahnung, ob hinter der nächsten Ecke ein frierender Tourist oder der gähnende Schlund winterlicher Leere wartet.
Ein Automat zum Armdrücken erregt meine Aufmerksamkeit zwischen den vielen grauen Rollläden. Ob der dargestellte Hartplastikdraufgänger mit Muskelpaketen und Geheimratsecken nachts den Käfig dieser Installation verlässt und zusammen mit den Clowns der Boomerang‐Achterbahn um die Häuser zieht?
Bei meinem nächsten Wienbesuch werde ich dem auf den Grund gehen.

Zu Besuch im goldenen Käfig

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“Denn sie wissen nicht, was sie tun”, sagt er zu mir.
“Wie könnten sie auch? Sie kennen weder sich selbst noch ihre Geschichte. Sie haben keine Identität mehr, nachdem sie vor Pol Pot geflohen sind. Das ist nicht einmal 20 Jahre her.“ Ein mattes Lächeln stiehlt sich auf sein Gesicht.

„Die goldenen Dächer, Säulen und Verzierungen der Tempel sind nicht annähernd so viel wert, wie das Wissen, das hier vermittelt wird. Ich bin hier, um zu lernen. Meine Brüder und Schwestern, die auch hier in Vietnam leben, wissen zwar um ihre Herkunft. Die meisten wissen aber nicht mehr, was es heißt, Khmer zu sein.“
„Und das lernst du alles hier in den farbenfrohen Tempeln mitten im Wald?“ „Ich lerne es und gebe es danach an meine Landsleute weiter.“

Bei einem Eiskaffee fragt er mich, was mich hierher geführt hat. Seit drei Tagen bin ich im Mekongdelta unterwegs, um die Tempel der Region zu besuchen und herauszufinden, wie die Khmer im Exil Vietnams leben.
Stunden hat es gedauert, die Tempelanlagen zu finden. Meine Suche führte mich durch grün‐ saftige schier endlose Reisfelder und die tropische Hitze der Region, vorbei an Ziegelbrennereien und Longanplantagen, über Brücken zwischen Enten‐ und Fischfarmen.

Am Straßenrand traf ich immer zuerst auf den Vorboten der jeweiligen Anlage: Ein Tor, umgeben von einigen Metern Alibi‐Zaun. Mal gülden, mal alt und steinern, mal vom vietnamesischen Holzwurm heimgesucht.
Ein langer Gang führt von der Straße zum zentralen Platz der Tempelanlage. Es dauert seine Zeit, ihn zu beschreiten. Zeit, einen Kaffee zuzubereiten oder als Tourist um einen Mopedtaxipreis auszuhandeln.
In dieser Zeit höre ich nur die tausendsprachige Geräuschwand des Waldes, der die heilige Stätte vor dem Straßenlärm schützt. Ironischerweise weiß ich nicht, wo es ruhiger wäre: Auf der einsamen Landstraße der sumpfigen Sackgasse Südostasiens oder vor einem Tempel zu den Füßen eines grinsenden Mönchs?
Sicher ist die Akustik die Gleiche, doch zwischen äußerer und innerer Ruhe gibt es große Unterschiede.

Kinder spielen im Hof der religiösen Stätte, lachen laut und ehrlich. In einem offenen überdachten Raum teilen sich ein Hausschwein und ein Hundewelpe die makellose Stille der Mittagsstunde.
„Wo sind die Mönche alle hin?“, möchte ich wissen. Vorhin habe ich sie noch auf einem alten Instrument spielen hören, wie aus vielen Glocken zusammengesetzt.
„Sie schreiben gerade eine Art Prüfung.“
Er bedeutet mir, ihm zu folgen. Der Weg führt vorbei an nassen orangefarbenen traditionellen Gewändern, die sorgfältig auf der Wäscheleine aufgehangen wurden.

Wir erreichen ein Gebäude, architektonisch eine Mischung zwischen einem heiligen Tempel (außen) und dem Warteraum im Arbeitsamt (innen). Da wir im Erdgeschoss ein leeres Klassenzimmer vorfinden, steigen wir die Treppe außerhalb des Gebäudes hinauf zum ersten Stock.
Die Räume sind nackt und haben keine Türen. Frische Luft für frische Gedanken. Ich biege in ein Klassenzimmer ein und sehe die Mönche dort brav sitzend und schreibend. Links von mir eine beschriebene Tafel, auf der wahrscheinlich auf Vietnamesisch geschrieben steht: Wer abschreibt, fliegt.
Geradezu sitzt ein streng dreinblickender Mann an einer Schulbank, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Mönche sind hochkonzentriert, doch als ich ein Foto mache, schauen sie auf und lächeln.
Wir verlassen das Gebäude und schlendern über laubbedeckte Erde.

„Woher weißt du, wann deine Ausbildung beendet ist?“
„Ich werde es einfach wissen“, sagt er.
Er reicht mir die warme Hand zum Abschied, dreht sich um und geht. Ich sehe ihm hinterher, bis er durch eine Tür in die riesenhafte goldene Statue eines schlafenden Buddhas verschwindet, der sich hier an den Gestaden des Mekongs zur Ruhe gelegt hat.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner Reise durch Asien. Im Mekongdelta habe ich viel über Nervenkitzel gelernt, die Geschichte dazu heißt „Glück mit Kondensmilch“. Bevor ich in den schwülen Süden Vietnams reiste, war ich im Norden des Landes zu Gast bei einer Bauernfamilie: Die Schwarze H’mông, der Wasserbüffel und ich. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und habe mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht.

Andalusien Roadtrip: Von weißen Dörfern und luftigen Höhen

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Auf Einladung.

Der Motor des Fiat Punto jault laut auf, als ich vom zweiten in den ersten Gang schalte. Die letzten Ausläufer des Städtchens Algarrobo sind so eng, dass ich sehr froh bin, nur mit einem kleinen Auto unterwegs zu sein. Wobei, eigentlich wäre ich lieber ohne Auto unterwegs.
Ob der Wagen die vor mir liegende Steigung packt? An der nächsten Häuserecke biege ich ab und finde mich auf einer Straße wieder, die noch weiter ansteigt. In meinem Rückspiegel verschwinden die letzten Lichter. Das Display neben dem Tacho zeigt meinen aktuellen Kraftstoffverbrauch: 40 Liter auf 100 Kilometer. So weit ist es hoffentlich nicht mehr bis zu meiner Unterkunft, außerdem kann dieser Bergkamm unmöglich so hoch sein.
Mein rechter Scheinwerfer versagt. Nur mithilfe des Fernlichts gelingt es mir, in dieser Dunkelheit meinen Weg zu erkennen. Es ist, als würde diese spanische Nacht jeden Schimmer mit ihrem riesigen Schlund verschlucken, hungrig und nimmersatt.
Plötzlich tauchen vor mir mitten auf der Straße zwei Männer auf.
Mir bleibt das Herz fast stehen.

Die Männer sind in Wahrheit Straßenpoller, zur Freude der Besucher als Menschen konstruiert und für bessere Sichtbarkeit weiß angemalt. Sehr lustig.

Nachdem ich die befestigte Straße verlasse und bergauf über einen holprigen Feldweg fahre, begrüßt mich ein neugieriger Hund. Er gehört zu Gabriele, er passt auf die Ferienhäuser hier oben auf und sorgt dafür, dass es den Gästen an nichts fehlt. Nach einer sehr freundlichen Begrüßung komme ich endlich am ersten Etappenziel an: An meiner Unterkunft für die Nacht, dem Ferienhaus über dem Meer. Von der Terrasse aus lässt sich erahnen, wie schön es hier tagsüber ist: Um mich herum die Berge, trotzdem kann ich hinunter auf die hell erleuchtete Stadt sehen. Das Mittelmeer liegt dunkel und ruhig.

Am nächsten Morgen sitze ich draußen in der Sonne und genieße mein Frühstück zwischen Olivenbäumen und mit Blick auf die umliegenden Berge. Ein leichter warmer Wind weht mir um die Nase. Spanien im November? Ein Traum! Das Wetter ist ausgezeichnet und so wird es Zeit, die Umgebung zu erkunden.

Nachdem ein Großteil des Wegs bergab gemeistert ist, komme ich wieder durch das kleine Örtchen, durch dessen Gassen ich gestern mein Auto bugsiert habe. Die weiß angestrichenen Häuser reflektieren die Novembersonne Andalusiens, dass mir fast die Augen schmerzen. Die meisten Dörfer der Umgebung sind durch diese Farbwahl gezeichnet. Ab der Hüfthöhe abwärts schmücken bunte Fliesen die Wände. Schnell ist die kleine Ansiedlung durchquert und ich komme in den Genuss der andalusischen Nationalstraßen.

Torre del Mar ‐ ohne Touris durch die Straßen schlendern

Kurze Zeit später lenke ich den Wagen durch die Straßen Torre del Mars, vorbei an großen Schulhöfen und kleinen Pollo Asado Imbissständen. Die Saison ist vorbei, auf den Parkplätzen der Kleinstadt findet sich mühelos eine Stelle, um das Auto abzustellen. Die Luft riecht nach Meer, eine leichte Brise geht. Instinktiv suche ich die nächstgelegene zur Küste führende Straße.

Der Kies knirscht unter meinen Füßen, als ich den fast menschenleeren Strand überquere. Die Sonne legt ihren angenehm wärmenden Umhang um mich, doch als ich bis zu den Knien in die Wellen wate, treibt mich die maritime Kälte sofort wieder hinaus. Ein Badetag wird es also nicht, Umdenken ist die Devise.

Auf der Strandpromenade flanieren die, die sich nichts mehr beweisen müssen und ihren Lebensabend genießen wollen. Braungebrannt, helle Kleidung, tiefenentspannt. Kinder auf Rollern formen den angenehmen Kontrast zu diesem Bild. Einheimische sitzen an den kleinen Buden und Restaurants, in denen hauptsächlich Meerestiere zubereitet werden.
Doch in Andalusien, einem Schinkenparadies wie Madrid, muss ich unbedingt zuerst von anderen Spezialitäten probieren. Am Strand werde ich jedoch nicht fündig, alles zu teuer oder ungemütlich, und so zieht es mich wieder in die Stadt hinein. In den Gassen tobt das Leben. Es wird getratscht und gesungen, die Restaurants sind gut besucht.

Neben mehreren chinesischen Restaurants entdecke ich endlich ein spanisches Lokal, welches von Einheimischen gut besucht wird: Das Mesón Arte y Solera, direkt am Platz Paseo Larios. Ich bestelle ein heimisches Bier und ein Tostada, ein belegtes und gegrilltes Stück Brot mit Schinken. Als ich herzhaft in den spanischen Snack beiße, muss ich zufrieden meine Augen schließen.
Salzige Meeresluft, Wärme, ausgelassene Spanier und gutes Essen ‐ so hatte ich mir Andalusien vorgestellt.

Salobreña ‐ weiße Stadt über dem Meer

Die Zeit reicht noch für einen kurzen Abstecher nach Salobreña. Das Städtchen liegt auf einem Felsen über dem Meer, also mache ich mich bereit für den Aufstieg. Noch ist Siesta, die Türen der Häuser verschlossen. Ab und zu kann ich Bob Marleys Stimme durch ein mit Tüchern verhangenes Fenster hören. Die Farben der Häuser erinnern mich an Gebisse von Hollywoodstars. Mit Fliesen verzierte Balkone brechen hier und dort diesen Eindruck, ich fühle mich wie in einer anderen Welt.

Bis zur alten maurischen Burg werde ich nicht mehr hinaufsteigen, dafür gefallen mir die quadratisch angelegten Palmenalleen im Herzen der Stadt zu sehr. Es sind kaum Menschen unterwegs und ich habe die Eindrücke während meines Spaziergangs für mich.

Als sich der Fiat wieder den Berg hinaufkämpft, um mich zu meiner Unterkunft zu bringen, treffe ich im Schritttempo Gabrieles Auto an. Wir holpern hintereinander über den Feldweg, bis wir unser Quartier erreichen und aus unseren Wagen steigen. Aus einem kurzen Hallo wird ein langes Gespräch, währenddessen schauen wir zu, wie die Sonne untergeht.
Es wird kühler und Zeit, wieder ins Haus zu gehen und den Ofen für die Tortilla anzuwerfen. Es warten außerdem noch Schinken, Käse, Brot, Oliven und in Essig eingelegte Gemüsemischungen, die ich später während meiner Reise leider nicht mehr im Supermarkt entdecken konnte.

Mit dem Blick auf das sich schlafen legende Meer und einem Gin Tonic in der Hand, denke ich zufrieden über meine erste Etappe nach. Kann es jetzt noch besser werden?

Danke an Ruralidays für die Einladung in das schöne urige Ferienhaus in Andalusien, ich wäre gern länger geblieben. Vielleicht auch für immer. Hier findet ihr das spanische Ferienhaus in den Bergen.

Die erste Etappe meines Andalusien Roadtrips ist auf der Karte verzeichnet. Der nächste Stopp auf meiner Route wird Granada sein.