Kaffeeersatz

Glück mit Kondensmilch

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Ein kleines Dorfcafé am hinterletzten Ende von Tra Cu. An der Hafenstraße die überdachten Hängematten, dahinter das kleine Haus aus Stein. Im Garten warten die Hähne. In der Küche warten die Shrimps.
Ein spritziger Tod im Wok.

Während sich der Gastgeber für die Gesellschaft seiner fünf Freunde und meiner Wenigkeit bedankt, wird das Abendessen von den Frauen des Hauses angerichtet. Wir Männer sitzen im Kreis auf dem Boden, eine Zweiliterflasche mit sechzigprozentigem Reisschnaps macht die Runde. Er schmeckt nach eindeutig mehr Alkohol.
Ich komme kaum zum Essen, dauernd wird ein besonders langer vietnamesischer Trinkspruch fällig. Wir teilen uns die kleine Trinkschale, nach jedem Einschenken wird der Respekt vor dem Gegenüber ausgedrückt und dann wandert der Schnaps in den Rachen. Ob ich viel Alkohol vertrage, fragt der Gastgeber. Er hätte noch eine weitere Flasche herumzustehen.

Eine neue Runde wird gegeben. Seit drei Stunden spielen sie nun schon Karten und vertreiben sich so die Zeit. Auf dem einzigen Tisch des Hauses sitzend wird diskutiert, geflucht und gejubelt. Ich stehe daneben und trinke bereits die vierte Kokosnuss leer. Wenn ich Glück habe, findet heute noch ein Hahnenkampf statt. Das Nokia 3310 des Gastgebers klingelt ununterbrochen. Er würde liebend gern einen Kampf organisieren, denn sein momentaner Lieblingshahn hat die richtige Größe erreicht und ist in Topform. Er zeigt ihn mir mit einem strahlenden Lächeln.
Gefiederter Stolz.
Nun versucht er einen gegnerischen Hahn zu finden, doch dieser muss auch in der gleichen Gewichtsklasse sein, damit der Kampf fair ist. Der Hahnenkampf liegt den Vietnamesen im Blut. In ländlichen Regionen besitzt jeder Mann mindestens einen Kampfhahn. Sie werden tagsüber auf die Terrasse zur Straße gestellt, in einem Leichtmetallgerüst ähnlich einer Käseglocke. Dass jegliches Glücksspiel in Vietnam verboten ist, interessiert die Leute herzlich wenig. Die hiesige Polizei übrigens auch nicht. Gegen ein entsprechendes Entgelt, wie ich erfahre.

Heute soll noch eine Menge gewettet werden. Viel geraucht werden. Unmengen Kaffee mit Kondensmilch getrunken werden.
Glück mit Kondensmilch und Eiswürfeln.
Nach einem Tag voller Sonne bin ich völlig kaputt. Sechs Stunden Fahrt auf einem ausrangierten Motoroller, immer dicht an das Hinterteil meines Guides Phat gepresst. Durch Reisfelder, über unzählige Brücken und an Kokosnussplantagen vorbei. Unerbittliche Sonne und tropische Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Phat wird heute Nacht in einer der Hängematten des Cafés schlafen, denn die Moskitos tun ihm nichts, sagt er. Sie hätten sich an ihn gewöhnt und gemerkt, dass sein Blut nicht schmeckt. Und trotzdem möchte ich gern unter meinem Moskitonetz schlafen, als ein Moskitoweibchen in der Größe eines kleinen Vogels an mir vorbeifliegt. Eine Minute später wird es von einer noch größeren Spinne gefangen und gefressen.

Die Cafégäste sind ausschließlich Männer. Zum Pinkeln stellen sie sich hinters Haus und lassen laufen. Mitten in den Garten.
Jeder Einzelne hat seiner Frau gesagt, er hätte wichtige Geschäfte zu erledigen. Nun sitzen sie hier beim Glücksspiel. Ich frage mich, welche Geschichten die Frauen ihren Männern im Gegenzug erzählen, sollten sie einmal außer Haus sein.

Mittlerweile ist es stockduster, heute wird es leider keinen Kampf mehr geben. Der Gastgeber hat den ganzen Tag erfolglos telefoniert. Dafür sitzen jetzt sechs Männer auf einem Tisch, Rauchfahnen steigen aus ihren Mündern und ihren Händen neben dem Schneidersitz. Am Fuß des Tisches liegen meine sieben Sachen und eine Strohmatte, auf der ich heute Nacht schlafen werde. Für die lokalen Verhältnisse ist es bereits voll geworden. Alle Gäste stehen um den Tisch herum und beobachten das Spektakel.
Vor jeder Runde werden die Karten komplett neu gemischt, die zerknüllten Gesichter Ho Chi Minhs wechseln ihren Besitzer. Die Geldscheine verschwinden unter dem dünnen auf dem Tisch liegenden Teppich.

Phat sollte heute besser nicht spielen. Erst kürzlich hat er sechzig Euro beim Spiel verloren und momentan sieht es wieder nicht nach Glückssträhne aus. Trotzdem gibt er weiter Karten, legt weiter Geld in die Mitte. Neuer Kaffee, neue Zigarette. Irgendwann bin ich auch im Rausch. Ich frage Phat, wie es für ihn läuft. Ein ernster Blick ist die Antwort. Die Spieler schwanken je nach Kartenglück zwischen vollendeter Stille und tosendem Jubel.
Zu viel Reisschnaps, Kaffee und Zigarettenrauch. Zu viel Sonne über den Tag, zu viel frisches gutes Street Food. Plötzlich merke ich, wie müde ich bin. Ich widme mich der Strohmatte unter dem Moskitonetz. Im Hintergrund höre ich nur noch vereinzelt die Männer murmeln, sie analysieren das Spiel und besprechen die Gewinne und Verluste des Abends.
Die Karten ruhen.

Der Hahn ist mein Wecker. Der verfluchte ganze Stolz des Gastgebers reißt mich um halb fünf aus dem Schlaf.
Ich sehe zu Phat hinüber. Er rollt aus seiner Hängematte, lächelt mir zerknittert zu – völlig verkatert vom Reisschnaps. Und komplett von Moskitos zerstochen.

Ich nehme mir eine grüne Kokosnuss und öffne sie mit einem Buschmesser. Sie schmeckt am besten am frühen Morgen, denn immer dann liegt eine Stimmung in der Luft, die ich mir nicht erklären kann. Die ich nicht greifen kann. Ruhe und Geschäftigkeit zugleich. Ich spüre sie im gesamten Süden Vietnams.
Reis, Dschungel, Schwüle und das pulsierende Leben in den Adern des Mekongs.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner #Asienabenteuer Reise. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht. Vor meiner Reise ins Mekongdelta war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H’mông und einem Wasserbüffel unterwegs.

Die Schwarze H’mông, der Wasserbüffel und ich

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Zu spät.
Dicke graugelbe Rauchschwaden umgeben mich wie ein zu enger Mantel und pressen mir die Luft aus dem Brustkorb. Mein Magen verkrampft sich. Ich gehe geduckt, doch das Tuch vor meinem Gesicht hilft nicht gegen meinen Hustenanfall und die brennenden Augen. Weder vor noch hinter mir ist etwas zu erkennen, was auch nur entfernt einem Ausweg ähnelt. Ich nehme meine letzten Atemluftreserven zusammen, für Worte, die hoffentlich nicht meine letzten sein werden.
„Cho Cho! Sterben wir jetzt in der Feuersbrunst? Soll das wirklich das Ende sein?“
Eine kleine Frau mit einer noch kleineren Hand erscheint vor mir, tief in ihre Tracht gewickelt. Sie macht zwei schnelle Schritte, packt mich am Arm und zieht mich weiter bis wir dem Rauch entkommen und wieder Luft schnappen können.
„Nein, heute sterben wir nicht. Es gibt Wasserbüffel zum Abendessen und ich hab das ganze Fleisch schon bezahlt.“

Ein gut erzogener Hahn steht um fünf Uhr morgens auf dem Mist.
Vietnamesische Hähne dagegen haben ein schlechtes Zeitgefühl, ihr biologischer Wecker klingelt meist eine Stunde früher. Dazu kommt, dass sie sich mit einem allgemeinen Halsleiden herumschlagen, was sich anhört, als würde den Gockeln mitten in ihrem vollbrünstigen Weckruf auf die Hahnenfüße getreten.

Das reichhaltige Frühstück soll mich durch den Tag bringen und besteht aus einem Kilogramm Reisnudeln, Ramen, Eier, Hühnchen, Frühlingszwiebeln, Pak Choi, Kürbis und ein Rest Wasserkartoffeln. Nachdem ich alles mit viel Grünem Tee heruntergespült habe, befürchte ich, dass ich heute nur noch durch die Landschaft rollen werde.
Inzwischen haben es die Sonnenstrahlen über die Berge geschafft und während ich mich frage, ob ich noch ein paar Zeilen schreiben oder mich lieber bei einer Tasse Tee mit den Hausschweinen unterhalten soll, ruft mir Cho Cho, die Chefin des Hauses, etwas zu, was frei übersetzt so viel heißt wie: „Beweg dich, du Lahmarsch, wir haben heute einen langen Marsch vor uns!“
Sie lacht, ich lache und zusammen mit meinem neuen Freund Christian machen wir uns auf den Weg.

Der Dschungel öffnet seinen dichten Vorhang aus saftigen Blättern, umgefallenen Bambusbäumen und fremden Geräuschen. Fünf Meter vor mir hüpft Cho Cho durch das Buschwerk. Sie gehört zum Volk der Schwarzen H’mông und obwohl die kleine Frau an der Fünfzig kratzt, legt sie in ihren Badelatschen ein zügiges Tempo vor. Dabei bahnt sie sich durch das Tiefgrün der Landschaft und ist nur noch an ihrer schwarzen Tracht zu erkennen.

Zwischen den Zehen der grünen Berge von Sa Pa quellen kleine Hütten hervor, die hier und da ein Dorf formen. Cho Cho führt uns durch eine kleine Ansiedlung von Bauernhäusern, in denen eine weitere Gruppe von ethnischen Minderheiten Vietnams zu Hause ist: Die Roten Dao. Wasserbüffel suhlen sich in milchkaffeebraunen Tümpeln neben planschenden Enten. Hunde und Schweine laufen uns vor die Füße. Kleine Kinder spielen auf der Straße, nur mit einem T‐Shirt und einem goldenen Ring um den Hals bekleidet, welcher sie vor bösen Geistern schützen soll. Eine Bäuerin gewährt uns Zutritt zu ihrem Haus. Bis auf wenige schamanische Details unterscheidet es sich nicht von einem Haus der Schwarzen H’mông. Eine Ansammlung von Schwarzweißfotos ziert eine dunkle Ecke. Zwischen von Spinnweben verhangenen rauen Holzbalken stehen die prall gefüllten orangefarbenen Plastesäcke der andauernden Reisernte.

Im dichten Dschungel finden wir an manchen Bambusstämmen vereinzelt Botschaften von Unbekannten. Als sich der Bambus zurückzieht, gibt er den Blick auf senfgelbe Reisterrassen frei. Der drahtige Körper eines Mannes ragt aus dem Feld hervor, während er mit seiner Sense Reis erntet. Hinter ihm stehen die Berge in Dunst und Rauch.
Wir bahnen uns einen Weg durch den Reis. Oft verliere ich den Halt und kann mich gerade noch an Ästen oder Wurzeln festhalten, da der Anstieg schlammig und steil ist. Endlich wird der Grund stetig fester, bis sich vor uns ein Wasserfall auftut. Sein kaltes Rauschen schenkt uns eine kühle Brise, die uns durch die Haare weht und uns eine kurze Pause von der unerbittlichen Sonne gewährt.

Christian und ich verarschen Cho Cho. Wie immer lacht sie. Dann macht sie uns ein verlockendes Angebot: „Wenn wir zu Hause sind, bekommt ihr Büffelschokolade.“
Nach einer Minute kollektiver Freude macht es bei mir langsam Klick und ich kann mir gut vorstellen, woraus der Büffel seine Schokolade macht. Ich lehne dankend ab.

Ein steiler Abstieg und wir erreichen den Fuß des Wasserfalls. Wir folgen dem Verlauf des Flusses, der an dieser Stelle nur noch ein Rinnsal zwischen großen abgewaschenen Steinen ist. Als uns zu dichte Vegetation den Weg versperrt, meint Cho Cho, es gäbe auch noch einen anderen Weg.
Eine rotrostige Stahlkonstruktion bringt uns zum anderen Ufer, wo Bauern Reishalme verbrennen, die nach dem Ernten der Rispen nicht weiter verwertet werden können, als für das Düngen der Felder. Während der Erntezeit brennen die Feuer täglich. Rauchschwaden verhängen die gesamte Bergregion und schaffen eine weißgraue Masse aus Nichts, welche Menschen, Tiere und den Rest der Welt unaufhaltbar verschlingt.

Die Bergstraße auf der anderen Seite des Flusses begrüßt uns mit kochendem Asphalt, dort wo die Straßenbauer ihre Arbeit verrichten. Schließlich müssen zukünftige Touristen entspannten Zugang zu zukünftigen Hotelanlagen bekommen. Nach wenigen Metern finden unsere Schuhe wieder ausgetretene Erde, der Pfad soll uns auf den Berggipfel bei bản Sái bringen, wo wenige Bauern zurückgezogenen leben.

Es geht über Schotter und durch Geäst, welches uns bei jedem Schritt zurückhalten will. Als unser Wasservorrat langsam zur Neige geht, finden wir einen kleinen Quell, kühlen uns für einen Moment ab und fangen unabsichtlich Blutegel mit unseren Fußknöcheln. Cho Cho meint, es lägen noch zwei Stunden steten Aufstiegs vor uns.
Als Christian davon hört, will er nicht mehr weiter.
Cho Cho nennt ihn ein Rindvieh, einen Wasserbüffel. Schon seit dem ersten Tag unserer Reise war das sein Spitzname, doch nun scheint sie ihn richtig auskosten zu wollen. Ich sitze zwischen dem riesigen Schweizer und der kleinen Vietnamesin im Dreck. Wilde Hanfpflanzen wuchern um uns herum. Blutdurstig surren Moskitos um meinen schweißnassen Körper und meine beiden Begleiter streiten um das Für und Wider dieses Aufstiegs.
Christian entschließt sich, zurückzugehen und uns in Cho Cho’s Haus wiederzutreffen.

Cho Cho flucht wie ein Kesselflicker. Sie macht ihrer Verärgerung auf H’mông‐Sprache Luft, daher komme ich mit meinen wenigen Brocken vietnamesisch nicht weiter. Aber hier macht eindeutig der Ton die Musik. Ich liebe den Klang von fluchenden älteren Frauen.

In bản Sái angekommen, unterhält sich Cho Cho mit einer Bäuerin, während eine Wolke aus eintausend Libellen um uns herumschwirrt. Eine Henne mit unzähligen Küken flieht vor meinen staubigen Schuhen. Ein Bauer fährt auf seinem Moped an mir vorbei; er hat ein Schwein zu sich auf den Sitz gebunden.
Weitere vierhundert Höhenmeter bringen uns endlich zum Gipfel. Von hier oben habe ich einen guten Blick auf das Tal. Das einzige Haus, welches nicht vollends aus Holz gebaut ist, ist das kleine Schulgebäude mit dem roten Ziegeldach. Die Luft ist klar. Schwere Wolken hängen tief in den Wipfeln der Zedernwälder, werden hier und da aufgefangen und entledigen sich ihres Gewichts.

Als uns der Wolkenvorhang die Sicht nimmt, setzen wir uns für einen Moment. Feine Wassertropfen in der Luft kühlen die Haut auf angenehme Weise und wir nehmen uns Zeit für die Aussicht. Die Bergkette gegenüber ist eine einheitliche bläuliche Masse. In fünf Jahren wird Sa Pa nicht mehr so einheimisch sein, wie es jetzt ist. Es wird die Touristenhochburg schlechthin.
„Hier liegen keine Minen.“, sagt Cho Cho.
Das ist gut.
Ich will Cho Cho so vieles fragen, doch ich muss schweigen. Dem Spiel der Böen im Dschungeldach lauschen. Sonst höre ich nichts.

Der Weg ins Tal besteht nur aus Moskitos. Cho Cho kennt einen alten Pfad und ich folge ihr. Farne, Vegetation aus einer anderen Zeit, geben den Weg vor meinen Füßen frei. Bäume bestehen nur aus der unteren Hälfte, Baumkronen entziehen sich der Wirklichkeit.

Wir kommen an Wasserkartoffelfeldern vorbei. Bauern holen fleißig die Ernte ein. Um auf den anderen Berghang zurückzukommen, steigen wir durch abgeerntete Reisterrassen. Ich brauche meine gesamte Aufmerksamkeit für den Balanceakt, um nicht einen halben Meter tiefer in die nächste Terrassenstufe zu fallen. Die Sonne geht unter und als wir das Flussbett erreichen, ist der Wasserpegel etwas angestiegen. Ich schlage Cho Cho vor, den Fluss weiter aufwärts zu durchqueren, wo das Wasser seichter ist und mehr Steine liegen. Doch sie will genau hier kreuzen.
„Cho Cho, ich bin schon durch Flüsse gewatet, die flacher und ruhiger waren als dieser. Und das war schon nicht sehr clever.“
Cho Cho beharrt darauf, genau hier durch den Fluss zu gehen.
Ich ziehe Schuhe und Socken aus, verstaue sie im Rucksack und binde ihn mir auf den Kopf. Dann suche ich mir einen stabilen Ast und steige ins Wasser.

Mir reichen die Fluten bis zur Hüfte, Cho Cho bis zur Brust. Die Steine am Grund sind nicht rund und abgetragen, sondern scharfkantig. Eine Hand greift den Ast, der mich davor bewahrt, vom Fluss mitgerissen zu werden. Meine andere Hand hält Cho Cho, die halb durch das Wasser steigt und halb im Wasser hängt, kurz davor, fortgetragen zu werden.
Wir schaffen es.
Der Aufstieg ist kurz und schlammig, dann erreichen wir Cho Chos Haus in der Nähe von cầu Tả Van, wo wir Christian wiedertreffen.

Im Garten pflücke ich eine Handvoll Blätter vom Teebaum und lege sie in eine Kanne mit heißem Wasser. Trotz dem warmen Tag, dem ewigen Schwitzen und ständigen Durst freue ich mich auf einen heißen Grünen Tee.
Außer den verrückten Hähnen höre ich nichts. Der Wind spielt mit gelben Reispflanzen. Die hauseigene Krähe bekommt eine Stunde Freiheit. Der Vogel sitzt unter dem rauen Vordach, seine Augen aus tiefschwarzer Nacht beobachten mich.
Hinter ihm brennt das Land.
Und die Welt ist Rauch.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner Reise durch Asien. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und habe mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht.

Mondsüchtig: Weiße Nächte in Riga

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Der Mond steht bereits schneeweiß in seinem samtblauen Bett, als ich das kleine Nachbarschaftsfest im Kalnciema Viertel verlasse. Es ist fast Mittsommernacht. Die Folkbands spielen ihre letzten Songs, die letzten Hirschfleischsandwiches und Honigwaffeln wechseln die Besitzer und das letzte Fass Craft Beer wird angestochen.

Ich nehme nicht den Bus zurück, denn ich habe Zeit. Mein Weg führt mich über die lange Vanšu‐Brücke, die mir einen Spaziergang über den Fluss bis hinüber zur Altstadt ermöglicht. Die Düna ist unruhig zu dieser späten Stunde und die weiße Laterne am Firmament gießt ihr Licht in die Wellen des Flusses. Ich möchte mich abwenden und in den schmalen Gassen verschwinden, doch das glitzernde Wasser zieht mich magisch an.
Ein Tauziehen gegen tausend Matrosen.
Ich bleibe am Flussufer.

Der Mond ist der Bürgermeister.
Er regiert die Stadt, erhellt alten Backstein und glatte Ziegel, lenkt meine Wege. Als ich die Eisenbahnbrücke erreiche, muss ich für die nächsten dunklen Meter unwillkürlich den Kopf einziehen, obwohl es gar nicht notwendig ist.
Die Dächer der gewaltigen Rīgas Centrāltirgus Markthalle tauchen auf. Kein Treiben, keine handelnden Omas, keine bunten Farben oder Gerüche warten auf mich. Der metallene Leib, in dem einst Zeppeline gebaut wurden, liegt still und ruhig.

Nach zwei Biegungen gehe ich die Rīdzenes iela entlang und jage Schatten über das Kopfsteinpflaster, bis sie etwas Holprigeres erfinden. Die Jugendstilhäuser der Altstadt drängen sich aneinander, als wollten sie sich gegenseitig Wärme spenden und lassen nur die schmalsten Pfade zwischen sich.

Noch immer weist mir der Mond einen Weg durch die engen Passagen, bis ich die Petrikirche vor mir erkenne. Eine Skulptur der Bremer Stadtmusikanten bewacht das Gotteshaus während der Dunkelheit und fügt sich seltsam in diesen Platz. Mich zieht es weiter zum Rathausplatz, der zu dieser Stunde fast menschenleer ist. Tagsüber tummeln sich hier Touristen und versuchen, gute Schnappschüsse vom Schwarzhäupterhaus zu machen. Mir fällt die alte Inschrift über dem Eingang wieder ein, welche die Geschichte Rigas wahrscheinlich wie keine Zweite widerspiegelt: „Sollt ich einmal fallen nieder, so erbauet mich doch wieder!“

Vom Rathausplatz ist es nur noch ein Katzensprung bis zu meiner Unterkunft, dem Hotel Justus, wo mein Bett zwischen rauen Backsteinen eingearbeitet ist. Ich bin müde, doch als ich vor meiner Herberge ankomme, kann ich trotzdem noch nicht hineingehen und den Tag beenden.

Ich stehe mitten in der Jauniela, einer kleinen Gasse in der Rigaer Altstadt. Hier wurden die russischen Abenteuer von Sherlock Holmes und seinem tapferen Gefährten Dr. John Watson verfilmt, und dazu wurde die Jauniela zur russischen Baker Street. Ich kann fast den Tabak aus Sherlock Holmes Pfeife riechen und sehen, wie er zum Himmel hinauf steigt.

Dort oben wartet wieder der Mond auf mich. Kühl und nüchtern blickt er hinunter, als wollte er mir sagen: Es ist gut. Geh zu Bett, ich wache weiterhin über Riga. Ich leuchte den Bewohnern dieser Stadt heim.
Ich gebe auf sie acht.

Im Rausch des Übermuts: Canyoning im Chassezac

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Steven beim Canyoning im Chassezac, Frankreich

Steven im Canyon des Chassezac in der Lozère, Frankreich

Ich traue meinen Augen nicht. Was tue ich hier? Was ist bloß mit meiner Vernunft geschehen? Ich sitze auf einem Felsen im Canyon des Chassezac in der Lozère in Frankreich. Auf meinen Rücken prescht das kalte Nass mit einem Druck von mehr als 640 Liter pro Sekunde. Ich bin kurz davor zu springen.

Alle erdenklichen Ängste schießen mir durch den Kopf.

Ich habe Angst, stecken zu bleiben, vom Druck der Wassermassen erdrückt zu werden. Ich habe Angst, mich in der Tiefe der Felsspalten zu verkanten und zu ertrinken. Ich habe Angst, loszulassen und einfach in den Siphon hineinzugleiten. Ich mag die Dunkelheit nicht. Ich mag es nicht, unter Wasser zu sein und nicht atmen zu können. Aber vor allem mag ich die Ungewissheit nicht. Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht und sich gerne in positiven Erfahrungen wiegt.

Doch dieser Tag im Canyon hat etwas mit mir angestellt, wovon ich vorher nicht träumen mochte. Der schmale William und ich sind über acht Stunden im Rausch des Übermuts durch den Chassezac gezottelt. Mal über Felsen, mal unter den Felsen hindurch. Ein anderes Mal im Wasser oder mal unter Wasser. Jedoch immer stromabwärts und immer auf der Jagd nach einem noch größeren Adrenalinkick.

Dieses Hindernis sollte mir alles abverlangen. Natürlich gäbe es auch einen anderen Weg, ganz ohne Siphon. Doch William meint, dass es nach diesem Tag kein zurück mehr gäbe. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, hole Luft für mehrere Minuten, zähle langsam von drei zurück und lasse mich letztendlich vom Druck der Wassermassen getragen in das dunkle Loch gleiten. Etwa drei Meter falle ich in die Tiefe, ehe ich in einem Wasserloch gebremst werde, nach wenigen Sekunden tauche ich in einer kleinen Grotte nach Luft japsend auf. Ein schmaler Lichtschimmer weist mir den Weg. Meine Hände zittern. Doch dieses Mal liegt es nicht an der kalten Wassertemperatur. Es ist die Aufregung gepaart mit Erleichterung.

Noch zwei Stunden nach der Challenge zittern meine Hände. Und das, obwohl ich die Sicherheit hatte, dass William mich natürlich nicht in ein unerforschtes Loch hätte springen lassen. Denn Sicherheit steht genauso wie bei mir, auch bei ihm und seinem Arbeitgeber Grandeur Nature an erster Stelle.

Steven war in Kooperation mit Lozère Tourismus in Frankreich unterwegs, um Abenteuer zu erleben. Vor Ort war er nicht nur im Canyon unterwegs, er hat auch tolle Menschen getroffen, sich mit ihnen über die Balance zwischen Leben, Arbeit und Natur unterhalten und die Region mit dem E‐Bike entdeckt.

Das echte Korea sitzt nackt im Badehaus

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„Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie klein die asiatischen Penisse wirklich sind!“
„Du bist gespannt?“, entgegne ich verblüfft.
René reist seit einer Woche mit mir durch Südkorea und ist gerne direkt, was ich normalerweise als sehr angenehm empfinde. Jetzt sind wir jedoch gerade dabei, unsere Schuhe auszuziehen, um das Magic 24 Spa zu betreten und danach in einer strikt geschlechtsgetrennten Saunalandschaft zwischen nackten Koreanern zu schwitzen. Und das ganze heißt auch noch Jimjilbang, mit bang am Ende.
„Na klar, du etwa nicht?“, sagt er.
Ich lasse seine Frage im Warteraum stehen.

Meine koreanische Begrüßung ist mittlerweile so perfekt, dass das Fräulein an der Kasse wie selbstverständlich auf Koreanisch antwortet und uns die verschiedenen Angebote des Spas anpreist. Ich finde das äußerst freundlich und antworte, dass ich leider nur Englisch verstehe. In ihren Augen kann ich einen kurzen aber totalen Systemausfall erkennen. Sie kann kein Englisch sprechen, was ihr superpeinlich ist. Und damit meine ich wirklich superpeinlich – sie geniert sich fast zu Tode. Ich versuche, ihr unter die Arme zu greifen.

„Zweimal, bitte.“
Dazu die passende Handbewegung.

Das funktioniert. Unsere koreanische Jimjilbang‐Erfahrung wird uns weniger als eine Übernachtung im Zehnbettzimmer des günstigsten Hostels kosten. Wir bekommen unsere Spindschlüssel, werden die großen Reiserucksäcke und Schuhe los. Ich betrete den Vorraum der Saunalandschaft und der Mann am Tresen überreicht mir wortlos ein T‐Shirt in beige und eine kurze Hose in dunkelgrün. Während ich da noch stehe, laufen alle Koreaner um mich herum nackt durch die Weltgeschichte.
Das wundert mich.
Für mich ist Nacktheit kein Problem, doch vor wenigen Tagen war ich am Strand und dort waren alle Koreaner in knöchellanger Kleidung baden. Und Koreaner geben alles für perfektes Aussehen und perfekte Kleidung. Deshalb bin ich sehr verwundert, alle schon im Vorraum splitterfasernackt zu sehen.

Meine Straßenkleidung verschwindet im Spind und mir bleibt ein Stofffetzen als Duschhandtuch. Ich habe bereits gelernt, dass die Einheimischen zu kleine Handtücher mögen. Ausgestattet wie ein Bademeister in der Ausbildung begebe ich mich in den Hauptraum. Es ist warm und schwül wie in einer Finnensauna. Zu meiner Linken reihen sich Duschen aneinander, auf der rechten Seite befinden sich zahlreiche Sitzduschen. Hier werden Füße geschrubbt und Zähne geputzt. Geradezu befinden sich große Wärme‐ und Kältebecken und in der hinteren Ecke die verschiedensten Saunen.
Eins fällt mir sofort auf: Der Saunaraum ist der einzige Raum in ganz Korea, in dem es keine Kameraüberwachung gibt. Vielleicht noch auf dem Klosett des Premierministers, doch selbst da bin ich mir unsicher.

Das Badehaus ist eine Institution in Korea. Hier wird nach zu langen Arbeitsstunden ausgespannt, hier werden Verträge geschlossen, hierher fliehen genervte Männer vor streitlustigen Ehefrauen und hierhin schleifen Mütter ihre künftigen Schwiegertöchter, um das heiratsfähige Material zu überprüfen. Im Mekka der plastischen Chirurgie noch immer ein Ritual, das die Fräuleins über sich ergehen lassen müssen.

Mit viel Seife und noch mehr Schaum wird geduscht. Der einzige Mitarbeiter läuft nur in Badehose bekleidet herum und sammelt benutzte Handtücher und Zahnbürsten ein. Er meint, ich solle den rosa Duschschwamm zum Einseifen benutzen.
Jetzt kommt das Wärmebecken, wir akklimatisieren bei 35,7°C. Mir ist die blubbernde Brühe eindeutig zu warm. Drei erwachsene Männer tollen wie Kinder um uns herum, bis der Saunameister einschreitet.
Ich öffne die Tür zur ersten Sauna. Sie ballt ihre knochentrockene Wärme zu einer Faust und schlägt sie mir ins Gesicht.
Durchhalten und schwitzen.

Die zweite Sauna dampft und hat einen üblen Geruch. Ich sage mir, das muss so sein. Nach zehn Minuten spüre ich, dass mein Kreislauf zu kämpfen hat und frage mich, woran das liegt. Schlafmangel, ein halber Liter Wasser über den Tag verteilt und massives Schwitzen in einer Dampfsauna ‐ vielleicht nicht die beste Kombination. Ich verlasse die Sauna, bevor mich René hinaustragen muss. Wir kennen uns bereits ein paar Tage, aber das wäre dann doch zu viel der Freundschaft.
Das Kältebecken verschafft die passende Abkühlung und gibt mir Zeit, die Besucher des Jimjilbangs zu beobachten und über sie nachzudenken. Sonntagnacht um 23 Uhr ist das Badehaus noch gut gefüllt. Väter mit Söhnen im Grundschulalter, Studenten und Geschäftsmänner, die in Gedanken noch bei ihren Projekten sind.

Hier sehe ich das echte Korea, das ungespielt nackte, ehrliche Korea. Nach all der Selbststeigerung, dem Leistungsdruck und Wettstreit jeden Tag, den Statussymbolen, dem Überrespekt und den kulturellen Prinzipien jetzt das: Eine Oase der Ruhe und Entspannung, mitten im Trubel der Großstadtnacht.

Ich betrete die zweite Etage in meiner Badehausuniform. Vor mir öffnet sich ein turnhallengroßer Saal, auf dessen Boden geschlafen und gepicknickt wird. Hier dürfen sich Mann und Frau endlich wieder gemeinsam sehen lassen. Bei isotonischen Getränken und lang gegarten Eiern wird über die neueste Mode oder den letzten Vertragsabschluss geredet. Es gibt einen Kiosk und eine große Kantine, einen riesigen Fernseher mit Karaokestation und ein Fitnessstudio. Es gibt ein Zimmer mit Computern und Internetanschluss. Ich finde einen Playstationraum. Eine Etage tiefer gibt es außerdem Friseure und Massageangebote. Die Einrichtung schreit: Du musst das Badehaus nie wieder verlassen!

Im Land der Strebsamkeit fühlen wir uns mit einem Mal müde, sehr müde, und wollen uns nur noch auf das Parkett legen und schlafen. Wir haben die Qual der Wahl zwischen sieben weiteren Schlafräumen mit verschiedenen Temperaturen oder Kammern mit extra Sauerstoffzufuhr. René nimmt sich einen Schlafplatz in einer Bienenwabe, die auf neunundzwanzig Grad beheizt ist. Ich lege mir zwei Matten in den großen Schlafsaal und staune über das laute Schnarchen des dünnen Opas neben mir.
Mir fallen die Augen zu, ich freue mich über meine neuen Erkenntnisse über die komplexe Kultur dieses Landes und das mir bisher unbekannte Gesicht der Einheimischen.
Und der kleine Opa schnarcht mich in einen tiefen Schlaf.

Um die Privatsphäre der Badehausbesucher zu schützen, enthält dieser Artikel keine weiteren Fotos. Außerdem war es streng verboten, zu fotografieren und ich wollte nicht im koreanischen Knast landen.

Korea ist der zweite Stopp auf meiner Reise durch Asien. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet.