Kaffeeersatz

Durch die Wildnis Frankreichs: Auf dem Klettersteig in der Lozère

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Auf Einladung.

Ich weiß nicht, was mich eher auffangen wird: Der tosende Fluss, dessen Wassermassen das Ufer verschlucken und Baumstämme in Stromschnellen zerreißen? Ist es der kontrastlose Nebelteppich, der die Umgebung verschwinden lässt und mit grauen Wolkenwänden verschmilzt? Oder sind es die schroffen Zehen des Gorges du Tarn, die stummen todbringenden Felsenschluchten, die sich unter mir ausbreiten, darauf wartend, dass ich einen Fehler mache? Wie ich es auch drehe und wende – ein Fehler wäre hier das Ende.

Vergangene Nacht ging die Welt unter. Das Unglück stieg aus dem Flussbett, schritt in schmatzendem Marsch über die durchtränkten Wiesen und Felder hinweg bis an den Fuß der niedrig gelegensten Hütte des Tals. Auf seinem Weg verschlang es Pfade und Straßen, machte vor nichts Halt.

Nun ist die Stimmung gut. Freund Timo ist nach tagelanger Odyssee durch Frankreich endlich zu uns gestoßen, nun kann es richtig losgehen. Vier Männer, ein Abenteuer. Und unser Guide Fabien, der Timo, Steven, Marco und mich bestenfalls lebend durch das Gebirge der französischen Region Lozère bringen soll. Er zeigt mir die Ausrüstung: Ein Overall gegen den Dreck, ein Klettergürtel, ein Kletterhelm. Ein Blick in seine wachen Augen.
Würde ich mein Leben in seine Hände legen?
Wahrscheinlich.
Würde ich mein Leben in ein Stück Metall in Form eines Karabiners legen? Es muss wohl sein.

Wir verlassen unseren Wagen und folgen der Serpentinenstraße, bis Fabien einen Trampelpfad im Gebüsch des Wegesrandes ausmacht. Ein Schild mit der Aufschrift “Via Ferrata” deutet an, dass wir hier richtig sind. Fünf Männer bahnen sich durch das Gestrüpp zur Via Ferrata de Rousses, bis das rauschende Dröhnen des Flusses uns die Stimme nimmt. Hier fließt der kleine Bruder des Tarn, der Massevaques. Vor uns tut sich eine Felswand auf, an der ein dünnes Drahtseil befestigt ist. Daneben befinden sich in Eisenstreben, die in das Gestein getrieben wurden, um den Kletterern eine stufenweise Besteigung zu ermöglichen.

“Lasst es uns angehen”, sagt Fabien.
“Zwei Optionen. Option 1: Wir beginnen mit der Anfängerroute, um warm zu werden. Option zwei ist die spaßigere Variante.”
“Wir wollen Action”, sagt Timo und beginnt, vor mir die fortgeschrittene Kletterroute zu erklimmen. Ich folge ihm.

Das Metall ist kalt und nass vom Regen der letzten Tage. Ein ums andere Mal wird mein Griff unsicher, meine Hand rutscht ab, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Mein suchender Blick geht nach oben um herauszufinden, wohin ich mich als nächstes bewegen muss.
Ein Überhang wartet auf mich. Kaum fünf Minuten am Fels und schon zwingt mich die Wand, ohne meine Füße zu klettern.
Das Abenteuer, nach dem ich in Frankreich gesucht hatte.
Ich greife das nächste Eisen und ziehe mich auf einen kleinen Vorsprung. Timo steht bereits dort und schaut voll Vorfreude auf das Drahtseil, welches quer über den Fluss gespannt ist. Eine “Tyrolienne”, eine Seilrutsche begrüßt uns. Ans Seil haken und ab über das Tal.
Fabien zeigt uns, wie wir uns festmachen sollen und lässt sich als erster auf die andere Seite hinüber .
Jetzt ist Steven an der Reihe. Gemeinsam überprüfen wir, ob er sich korrekt gesichert hat. Ein Karabiner hier, ein Karabiner da. Richtig so?
Dann ein tiefes Durchatmen.
“Ein paar letzte Worte?”
“I love you all”, sagt er und hängt sich an den schwingenden Stahl.
Weg ist er. Für fünfzehn Sekunden gleitet er über der Landschaft hinweg.

Auch ich klinke mich ein und rase in meinem Klettergurt sitzend durch die Schlucht. Ein irres Gefühl, fast schwerelos durch die Luft zu fliegen. Ich werde schneller und schneller, bis Fabien mich schließlich abfängt und davor bewahrt, am Stein zu zerschellen.
Zwanzig, dreißig Meter unter mir tobt der kalte Schwall des Massevaques durch die französische Szenerie, als wäre nichts geschehen.

Wir steigen zum Fluss hinab und die Welt um uns wird wieder zu einem Rauschen. Die Luft ist frisch und doch schwer von aufspringenden Tropfen aus dem Fluss. Einige Eisenstiege sind noch vom Wasser überspült, andere hat das Nass bereits aus seinem festen Griff der letzten Nacht befreit.

Es geht wieder nach oben, schwierigere Stiege warten auf uns. Da wir keine geübten Kletterer sind, machen wir die mangelnden Technikkenntnisse mit Kraft wett. Langsam zeigt sich der Schlafmangel der vergangenen Nacht – wir hatten Timo abgeholt und den Abend bei Freunden und gutem Essen verbracht. Danach folgte eine waghalsige Autofahrt durch die wilde Nacht der Lozère.
Wir sind jedoch vorbereitet. Zurücklehnen, das Gewicht in den Gurt legen und mit den Füßen an der Wand abstützen, dann bleiben die Hände auch für wichtige Dinge frei. Schokoladenkekse zum Beispiel.

Der nächste Abschnitt wird eine Herausforderung: Ich muss mich um eine Ecke winden, ohne mögliche Griffpunkte zu sehen und zu wissen, wohin ich mich bewegen kann. In der Tiefe unter mir pulsiert der Fluss schon beinahe freundlich. Als wollte er mir sagen: Lass dich fallen, Freund. Ich fange dich sanft.
Ich traue ihm nicht und bahne mir den Weg um den schwierigen Steinvorsprung.

Dann eine letzte Etappe über zwei Seilbrücken. Als ich sie überquere, windet sich der Stahl wie ein tollwütiges Tier unter mir.
Schließlich das kleine kinderzimmergroße Plateau, unser heutiges Tagesziel. Ich nehme meinen Helm ab und ziehe den verschwitzten Pullover aus. Was für eine Tour, viel anstrengender und spannender als ich dachte!
Plötzlich ein Schrei.

Hinter mir mache ich Steven auf einer Seilbrücke aus, seine knallrote Jacke ist klar zu erkennen. Der Draht unter seinen Füßen schwingt bedrohlich, windet sich um fast einen halben Meter in alle Richtungen.
Steven hält sich mit beiden Händen am Seil fest. Sein Griff ist so stark, dass sich seine Finger langsam weiß färben. Aus seinem Gesicht weicht jegliche Farbe. Etwas anderes rückt an dessen Stelle: Pure Angst.
Ein kleiner Spaß unseres Guides Fabien. Er steht hinter Steven auf der Seilbrücke und bringt sie zum Wackeln. Was dieser nicht weiß: Steven ist Höhe nicht sonderlich zugeneigt.

Nach diesem unangenehmen Moment der Panik und vielen Schimpfwörtern, treffen wir alle auf dem Vorsprung zusammen, der das Ende unserer Tour auf der Via Ferrata de Rousses darstellt. Zu unseren Füßen liegt die wunderschöne Landschaft der Lozère, ein Gemisch aus rauen Felsen, wilden Flüssen und dunklen Wäldern, die so manche Geschichte bergen.

“Wie fühlst du dich jetzt?”, frage ich Steven. “Nachdem du dich deiner Angst gestellt und sie während der Klettertour überwunden hast. Du musst dich wie ein Held fühlen!”
“Ich fühle mich scheiße”, sagt er mit einem müden Lächeln.
Ich muss lachen. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter und denke an das, was er geleistet hat. An die Überwindung, die es ihn gekostet hat.
Ich denke auch an den Spaß, den ich hatte, mit den Füßen über dem Abgrund. Den Händen am nassen Eisen des Klettersteigs, unsicher, ob der nächste Griff mich halten wird.
Es war eine Tour, die durch die ungezämte Umgebung der Lozère zu einem richtigen Abenteuer wurde.

Zusammen mit Steven vom Funkloch, Timo von Bruder Leichtfuß und Marco von Life is a trip war ich in Frankreichs wildem Winkel, dem Département Lozère unterwegs. Auch die anderen Jungs haben über ihre Erfahrungen geschrieben – klick einfach auf ihre Namen, um zu ihren spannenden Geschichten zu gelangen. Mit dem Hashtag #francenature findest du auf Twitter und Instagram weitere Eindrücke unserer Reise.
Vielen Dank an Monika von Atout France und Inger von Lozère Tourismus für die Organisation und die Unterstützung unseres Abenteuers!

Glück mit Kondensmilch

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Ein kleines Dorfcafé am hinterletzten Ende von Tra Cu. An der Hafenstraße die überdachten Hängematten, dahinter das kleine Haus aus Stein. Im Garten warten die Hähne. In der Küche warten die Shrimps.
Ein spritziger Tod im Wok.

Während sich der Gastgeber für die Gesellschaft seiner fünf Freunde und meiner Wenigkeit bedankt, wird das Abendessen von den Frauen des Hauses angerichtet. Wir Männer sitzen im Kreis auf dem Boden, eine Zweiliterflasche mit sechzigprozentigem Reisschnaps macht die Runde. Er schmeckt nach eindeutig mehr Alkohol.
Ich komme kaum zum Essen, dauernd wird ein besonders langer vietnamesischer Trinkspruch fällig. Wir teilen uns die kleine Trinkschale, nach jedem Einschenken wird der Respekt vor dem Gegenüber ausgedrückt und dann wandert der Schnaps in den Rachen. Ob ich viel Alkohol vertrage, fragt der Gastgeber. Er hätte noch eine weitere Flasche herumzustehen.

Eine neue Runde wird gegeben. Seit drei Stunden spielen sie nun schon Karten und vertreiben sich so die Zeit. Auf dem einzigen Tisch des Hauses sitzend wird diskutiert, geflucht und gejubelt. Ich stehe daneben und trinke bereits die vierte Kokosnuss leer. Wenn ich Glück habe, findet heute noch ein Hahnenkampf statt. Das Nokia 3310 des Gastgebers klingelt ununterbrochen. Er würde liebend gern einen Kampf organisieren, denn sein momentaner Lieblingshahn hat die richtige Größe erreicht und ist in Topform. Er zeigt ihn mir mit einem strahlenden Lächeln.
Gefiederter Stolz.
Nun versucht er einen gegnerischen Hahn zu finden, doch dieser muss auch in der gleichen Gewichtsklasse sein, damit der Kampf fair ist. Der Hahnenkampf liegt den Vietnamesen im Blut. In ländlichen Regionen besitzt jeder Mann mindestens einen Kampfhahn. Sie werden tagsüber auf die Terrasse zur Straße gestellt, in einem Leichtmetallgerüst ähnlich einer Käseglocke. Dass jegliches Glücksspiel in Vietnam verboten ist, interessiert die Leute herzlich wenig. Die hiesige Polizei übrigens auch nicht. Gegen ein entsprechendes Entgelt, wie ich erfahre.

Heute soll noch eine Menge gewettet werden. Viel geraucht werden. Unmengen Kaffee mit Kondensmilch getrunken werden.
Glück mit Kondensmilch und Eiswürfeln.
Nach einem Tag voller Sonne bin ich völlig kaputt. Sechs Stunden Fahrt auf einem ausrangierten Motoroller, immer dicht an das Hinterteil meines Guides Phat gepresst. Durch Reisfelder, über unzählige Brücken und an Kokosnussplantagen vorbei. Unerbittliche Sonne und tropische Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Phat wird heute Nacht in einer der Hängematten des Cafés schlafen, denn die Moskitos tun ihm nichts, sagt er. Sie hätten sich an ihn gewöhnt und gemerkt, dass sein Blut nicht schmeckt. Und trotzdem möchte ich gern unter meinem Moskitonetz schlafen, als ein Moskitoweibchen in der Größe eines kleinen Vogels an mir vorbeifliegt. Eine Minute später wird es von einer noch größeren Spinne gefangen und gefressen.

Die Cafégäste sind ausschließlich Männer. Zum Pinkeln stellen sie sich hinters Haus und lassen laufen. Mitten in den Garten.
Jeder Einzelne hat seiner Frau gesagt, er hätte wichtige Geschäfte zu erledigen. Nun sitzen sie hier beim Glücksspiel. Ich frage mich, welche Geschichten die Frauen ihren Männern im Gegenzug erzählen, sollten sie einmal außer Haus sein.

Mittlerweile ist es stockduster, heute wird es leider keinen Kampf mehr geben. Der Gastgeber hat den ganzen Tag erfolglos telefoniert. Dafür sitzen jetzt sechs Männer auf einem Tisch, Rauchfahnen steigen aus ihren Mündern und ihren Händen neben dem Schneidersitz. Am Fuß des Tisches liegen meine sieben Sachen und eine Strohmatte, auf der ich heute Nacht schlafen werde. Für die lokalen Verhältnisse ist es bereits voll geworden. Alle Gäste stehen um den Tisch herum und beobachten das Spektakel.
Vor jeder Runde werden die Karten komplett neu gemischt, die zerknüllten Gesichter Ho Chi Minhs wechseln ihren Besitzer. Die Geldscheine verschwinden unter dem dünnen auf dem Tisch liegenden Teppich.

Phat sollte heute besser nicht spielen. Erst kürzlich hat er sechzig Euro beim Spiel verloren und momentan sieht es wieder nicht nach Glückssträhne aus. Trotzdem gibt er weiter Karten, legt weiter Geld in die Mitte. Neuer Kaffee, neue Zigarette. Irgendwann bin ich auch im Rausch. Ich frage Phat, wie es für ihn läuft. Ein ernster Blick ist die Antwort. Die Spieler schwanken je nach Kartenglück zwischen vollendeter Stille und tosendem Jubel.
Zu viel Reisschnaps, Kaffee und Zigarettenrauch. Zu viel Sonne über den Tag, zu viel frisches gutes Street Food. Plötzlich merke ich, wie müde ich bin. Ich widme mich der Strohmatte unter dem Moskitonetz. Im Hintergrund höre ich nur noch vereinzelt die Männer murmeln, sie analysieren das Spiel und besprechen die Gewinne und Verluste des Abends.
Die Karten ruhen.

Der Hahn ist mein Wecker. Der verfluchte ganze Stolz des Gastgebers reißt mich um halb fünf aus dem Schlaf.
Ich sehe zu Phat hinüber. Er rollt aus seiner Hängematte, lächelt mir zerknittert zu – völlig verkatert vom Reisschnaps. Und komplett von Moskitos zerstochen.

Ich nehme mir eine grüne Kokosnuss und öffne sie mit einem Buschmesser. Sie schmeckt am besten am frühen Morgen, denn immer dann liegt eine Stimmung in der Luft, die ich mir nicht erklären kann. Die ich nicht greifen kann. Ruhe und Geschäftigkeit zugleich. Ich spüre sie im gesamten Süden Vietnams.
Reis, Dschungel, Schwüle und das pulsierende Leben in den Adern des Mekongs.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner #Asienabenteuer Reise. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht. Vor meiner Reise ins Mekongdelta war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H’mông und einem Wasserbüffel unterwegs.

Das schöne Antlitz des Verfalls

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Der Mann nickt, als er mein Ticket sieht. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und trete durch den steinernen Torbogen. Vor mir öffnet sich eine Welt aus grün. Der Dschungel schluckt alle Geräusche, die hinter seinem Blättermeer ausharren: Tuk Tuks, Touristen, Straßenverkäufer. Kühe, Affen, Vögel und Moskitos. Nur das Knirschen meiner eigenen Schritte auf dem sandigen Untergrund nimmt mir mein ohnmächtiges Gefühl und macht mir bewusst, dass ich nicht taub bin.

Der Tempel Ta Prohm ist kein Gebäude mehr, nur noch eine Gruppierung von Steinen, die durch Wurzeln gestützt werden. Zu allen Seiten wird das Gebilde von dichtem Geäst umzingelt. Das Dach der Bäume hält seine Finger vor meine Augen, um mich vor der Sonne zu schützen, und hindert meine Gedanken daran, sich im kambodschanischen Himmel zu verlieren.
Dann greift etwas nach meinem Fuß.

Weder der Geist der Ahnen, noch von Vishnu oder sonst eine übernatürliche Kraft hält mich zurück. Auch kein frecher grauer Affe, der mir einen Streich spielen will.
Der feste Griff stammt von einer einfachen Wurzel. Wie eintausend Hände durchstoßen sie das Erdreich unter mir und strecken ihre Finger Richtung Sonnenlicht.
Ich gebe zu, langsam steigt mir die tropische Hitze zu Kopf.
Wasser. Jetzt oder nie. Die Flasche aus dem Rucksack wird geöffnet und in einem Zug geleert.

Als ich mich wieder gesammelt habe, tut sich das alte Mauerwerk des Tempels vor mir auf. Das vor vielen Jahrhunderten von Menschenhand geschaffene Gebilde wird lautlos erdrosselt. Wurzeln von Würgefeigen umklammern das marode Gemäuer wie Tentakeln eines ungeheuerlichen Kraken. Langsam erobern Ranken und Moose ihre Welt zurück.
Steinplatten heben sich vom Boden ab und werden vom Wurzelwerk aus dem Boden gehebelt. Ganze Bäume setzen sich auf die Gemäuer des Tempels, machen es sich gemütlich wie in einem Ohrenbackensessel. Wie auf einem Thron sitzen sie dort, mit kühnem Blick und Kronen aus Vogelgezwitscher, die ihr schlankes graues Haupt zieren.

 

Die Szenerie im Innenhof gleicht der gespenstischen Ruhe nach einem Erdbeben. Steinblöcke liegen zerstreut herum und fehlen in den Mauern. Mit Ornamenten verzierte Türsäulen sind zur Hälfte weggebrochen und warten darauf sich gänzlich fallen zu lassen. Nur das Fundament bleibt standhaft, alles andere blickt als Ruine zu Boden.

Zeit fließt durch die Gänge der Tempelanlage wie zähflüssiger Honig.
Das von der Vegetation strangulierte Gestein zeigt sein schönstes Gesicht und grüßt mit Facetten aus rotbraun, Grautönen und seinem neuen Kleid aus blassgrün. Aus allen Poren schießen zarte aber widerspenstige Sprösslinge, die aus dem Nichts zu wuchern scheinen. Sie zersetzen Figuren, Bodenplatten, Säulen, Dächer, Türme.
Bis auch der letzte Stein zerdrückt wird und in eintausend Sandkörner zerfällt.

Kambodscha ist der vierte Stopp auf meiner Reise durch Asien. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet, mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht und war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H’mông und einem Wasserbüffel unterwegs.

Vom Schreiben schreiben

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Ich will nur schreiben. Darin frei sein und tun was ich will.
Nicht einfach tun was auch immer man möchte, sondern tun was man wirklich will.

Ich schreibe in mein Notizheft, auf Quittungen, auf Brotpapier, auf Zettel, auf meine Haut. Ich schreibe selten Gutes am Laptop. Ich schreibe wenig, wenn ich viel schreiben will und schreibe viel, wenn ich gerade nicht die geringste Zeit dafür habe.
Ich schreibe, weil ich muss – nicht, weil ich kann. Ich bin kein Schriftsteller, kein Journalist. Ich schreibe nur Worte in dieses Internet rein.
Katharsis.
Ich schreibe, weil es mir hilft, mich zu erinnern. Reisegeschichten, weil ich beim Schreiben noch einmal zurückreisen kann, durch Zeit und Raum, durch Gespräche, Gefühle, Gerüche und Gedanken. Mittlerweile schreibe ich auch für dich, für euch, für uns, weil ab und zu auch jemand anderes etwas mit meinen Geschichten anfangen kann.

Die folgenden sieben Artikel sind nicht von mir verfasst worden. Sieben verschiedene Verfasser haben dieses Jahr Worte miteinander verbunden, die mich zum Lachen gebracht haben. Die mir Angst gemacht haben. Oder die mir Zweifel genommen und Mut gemacht haben.
Keine Angst, das wird jetzt kein Seelenstriptease.
Die Verbindung von Schreibkunst und Erlebnissen ist in diesen Geschichten ein Glanzstück.

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Wenn Lachen so gesund ist, werde ich nach der Lektüre von Johannes Artikel nie wieder
krank. Allein der Titel trifft schon meinen Humor. Die Zutaten sind eine tanzende Menge, viele bunte Bilder und ein heiliger Mann mit einer Banane.
Warum ein schöner Bart noch lange keinen Chef macht und warum positive Diskriminierung manchmal ziemlich gut ist, erfahrt ihr in seiner verrückten Geschichte.
Als mich Seine Heiligkeit Sri Sri Sri Tridandi Srimannarayana Ramanuja Chinna Jeeyar Swamiji mit einer Banane segnete

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Marianna reist durch Albanien. Neben der außergewöhnlichen Gastfreundlichkeit der Albaner,
der Unberührtheit des Landes und der bevorzugten Automarke Nummer Eins erfahren wir außerdem davon, wie sogar eine erfahrene Reisende manchmal einen Roadtrip durch ein Land antritt, über das sie Vorurteile hat. Diese lösen sich schließlich fast alle in Luft auf.
Reisen bildet. Und bei Mariannas Artikel gibt’s das auch noch in schön.
Albanien – Im Land der Bunker

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Nina schreibt über ihre Suche nach dem Glück, und findet auf dem Weg zwischen Haustür und
Lieblingsbar urplötzlich die Antwort darauf, warum sie rastlos und so gern woanders ist. Und warum das gut so ist.
In ihren Zeilen stecken nicht nur eine tolle Geschichte und die Lösung eines kniffligen Rätsels, welches sie in sich herumträgt – für mich sind sie auch eine Hommage an das Reisen. „Woanders is auch scheiße

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Marco erzählt von einer sehr üblen Begebenheit in einem Athen von vor fast zwanzig Jahren.
Obwohl sein Erlebnis so schlimm ist fasziniert es mich, wie außergewöhnlich er seine Hilflosigkeit, Angst und seine Suche nach einer Erklärung beschrieben hat. Und wie mit jeder Zeile alles noch viel schlimmer wird.
Am Ende gibt mir sein Artikel den Mut weiterzumachen, auch wenn alles so richtig den Bach hinunter geht.
Ausgeknocked und ausgeraubt – Athen wie man es niemandem wünscht

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Gesa hat exakt das in Worte gefasst, was mich seit langer Zeit immer wieder verrückt macht.
Über den Druck, viel schreiben zu müssen. Über das Vertrauen, dass gute Qualität geschätzt wird. Früher oder später.
Über Fehler, über Erfolge. Über Demut gegenüber Arbeit.
Ich war grad in der Versenkung. Schönen Gruß von deiner Arbeit.“ (Ich liebe diesen Titel!)

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Was diesen Guide zu einem Israel Roadtrip für mich so speziell macht, ist Connis Schreibstil.
Es geht nicht darum, welche Worte sie wählt, sondern wie sie ihre Worte wählt. Sie kann ihre Begeisterung und Lebensfreude in ihren Artikel übertragen, ohne dass es gespielt klingt. Ihre Direktheit macht diesen Guide so spannend.
Roadtrip durch Israel: Von Hummus und drei Meeren. Ein Guide.

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Ute steigt aus. Was so einfach klingt, ist ein langer Prozess, der so radikal und doch auf
merkwürdige Weise normal ist. Zwischen allen Diskussionen um Zweifel, Zwänge und Verpflichtungen, falsche Freiheit, GEZ‐Gebühren und teuren Latte Macchiato geht es um die alles entscheidende Frage: Was fange ich mit meiner Lebenszeit an und was will ich wirklich? „Aussteigen, aber was ist mit dem Geld?

Danke für’s Mitreisen! Auf ein neues Jahr voll Freiheit. Ich muss los.
Schreiben, schreiben.

Ich motorrolle, also bin ich. 25 asiatische Weisheiten

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Frisch aus Asien zurück.
Zum ersten Mal habe ich diesen exotischen und geheimnisvollen Kontinent betreten und viele Dinge gelernt, unzählige Meter zurückgelegt und noch mehr hat sich meine Sicht auf die Welt geändert oder manifestiert. Das möchte ich niederschreiben, um es mit euch zu teilen. Each one teach one.
Es folgen meine Erkenntnisse. Manches ist neu für mich, manches ist alt wie die Welt.
Habt ihr auch Weisheiten, die ihr teilen möchtet? Immer her damit!

1. Ich motorrolle, also bin ich.

2. Es gibt zu viele Buddhas auf der Welt.

3. Es gibt nicht genügend Buddhas auf der Welt.

4. Asien ist da, wo sich Menschen einen Platz im Bus suchen und sich im Schneidersitz darauf niederlassen.

5. Die Gotteshäuser der Kambodschaner sind im vietnamesischen Exil größer und goldener als in ihrer Heimat.

6. Asien ist Ankommen in einer neuen Stadt und feststellen, dass es immer noch etwas schwüler geht.

7. Die schönsten Frauen der Mongolei sind Ausländerinnen.

8. In Kambodscha gibt es alles für „Only one dollaaaarrr…!“.

9. In Kuala Lumpur passiert man eine goldene Heiligenstatue und unzählige wunderschöne religiöse Relikte, erklimmt zweihundertzweiundsiebzig Stufen zu den Batu‐Höhlen, um sich in schwindelerregender Höhe in einem Tempel wiederzufinden, der so dreckig, kommerziell und ohne Liebe ist, wie das billigste Bordell in Tschechien.

10. Die Silberpagode in Phnom Penh bekam ihren Namen durch ihren besonderen Boden – er ist mit Fliesen aus purem Silber ausgelegt. Leider kann man diesen selbst nach dem Bezahlen von fünf Euro Eintrittsgeld nicht bestaunen, da er von rotem Teppich überlagert wird.

11. Hat man einen unmotivierten Fahrer angeheuert, so kann in der mongolischen Wüste irgendwann Wodka wichtiger als Wasser werden.

12. Ho‐Chi‐Minh‐City ist in den Köpfen aller Einheimischen noch immer Sai Gon und dort zeigt sich Rucksacktourismus von seiner hässlichsten Seite. Unbedingt den nächstbesten Bus ins Mekongdelta nehmen und sich dort von freundlichen Vietnamesen einquartieren lassen. Es findet sich immer jemand, der ein Familienmitglied hat, das eine Herberge oder ähnliches betreibt.

13. Singapur ist aufgrund der ebenen und guten Straßen ein Mekka für Skateboarder und Inliner. Würde nicht alle fünfzig Meter ein Schild darauf hinweisen, dass unter Strafe von fünfhundert Singapurdollar das Skaten strengstens verboten ist.

14. In den ländlichen touristischen Gegenden Südostasiens wird ein „No“ als Antwort auf ein Kaufangebot niemals akzeptiert. Hier empfiehlt sich das viel verwendete „Maybe later“.

15. Beginnt man ein Gespräch mit einem älteren asiatischen Gentleman der Alten Schule, ist seine erste Frage immer: „Wie gefallen dir unsere Frauen?“

16. Der günstigste Weg über Land von Singapur nach Kuala Lumpur ist mit dem Linienbus. Sie sagen, es dauert vier Stunden. Mit einer indischen Reisegruppe dauert die Fahrt acht Stunden. Ist dafür aber auch doppelt so lustig. Besonders, wenn man nebenbei Helge Timmerbergs „Shiva Moon“ liest. Und man bekommt Kekse geschenkt.

17. In Südkorea dürfen unverheiratete Paare nicht allein in den Urlaub fahren, geschweige denn ohne Aufsicht miteinander übernachten. Dafür gibt es in allen großen Städten sogenannte „Love Motels“, wo sie sich ein Zimmer für die Nacht mieten und ungestört sein können. Alle wissen davon, keiner redet darüber. Jede ältere Person wird auf Nachfrage die Existenz dieser Love Motels verneinen.

18. Da in Viet Nam der Konsum leichter Drogen genauso bestraft wird, wie der Besitz harter Drogen, vertrauen Einheimische auf starken Tabak aus der Bambusbong.
Ist legal und knallt mordsmäßig.

19. Heißt ein mongolisches Unternehmen nicht „Dschingis Irgendwas“ oder „Khaan Sonstwas“, so wird es nie Erfolg haben.

20. Jimjilbang, das traditionelle Badehaus, ist der einzige Ort in Korea, an dem es keine Kameraüberwachung gibt.

21. In der mongolischen Wüstenhauptstadt Dalanzadgad lohnt es sich nicht, länger als einen Tag zu verweilen. Und das nur, wenn man sich den ganzen Tag mit Vorräten eindeckt.
Zitat eines Mitreisenden: „Hier hängste auch tot über’n Zaun.“

22. Niemals mit einer Magenverstimmung einen Roadtrip durch die Mongolei antreten, der mit einer zwölfstündigen Busfahrt Richtung Nirgendwo beginnt. Zwischenstopps gibt es nur auf massive Nachfrage und der Fahrer hält grundsätzlich nur mitten in der weiten Ebene des Hinterlands.

23. In der koreanischen Stadt Gyeongju befindet sich die Rotlichtmeile direkt gegenüber des Rathauses. Was sagt uns das über die örtlichen Politiker?

24. Die Worte meines Mitreisenden René über Meditation in Thailand: Erst tut dein Körper weh, und dann tun deine Gedanken weh.

25. Der Hahnenkampf ist in Viet Nam eine sehr alte Tradition. Jeder Mann auf dem Land besitzt mindestens drei Kampfhähne. Er wird dir sagen, dass Hahnenkämpfe in Vietnam höchst illegal sind.
Und dir dann voller Stolz seine Hähne zeigen.