Kaffeeersatz

Was das Glück für uns bereithält: Ein Erfahrungsaustausch zweier Generationen

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62 Jahre jung und vom Leben gezeichnet. Freude, Liebe und Erfahrungen haben sein Gesicht mit friedlichen Falten geprägt. Aber auch Leid, Trauer und Sorgen. Dennoch werten seine blauen Augen und das dichte weiße Haar sein Erscheinungsbild zu einer herzergreifenden Person auf. Das ist Torsten. Zwei Wochen lang habe ich ihn jeden Abend getroffen, als ich mit Freunden auf Korsika den GR‐20 gemeistert habe. Das Schicksal wollte es so, dass sich unsere Wege kreuzten. Er ist einer dieser Menschen, die man nicht vergessen wird. Einer dieser Menschen, die eine Reisebekanntschaft waren, aber immer im Gedächtnis bleiben. Von ihm habe ich eine Antwort auf meine ewige Frage erhalten, was Glück im Leben einer orientierungslosen Seele bedeutet.

„Nach meinem Studium wusste ich nicht, wohin es gehen sollte“, begann er seine Geschichte.
„Es war eine Zeit des Umschwungs. Keiner war sich seiner Sache sicher oder hatte eine Garantie, dass die Zukunft das bereit hielt, was sie einem gegenwärtig versprach.“
Das kam mir bekannt vor.
„Es gab eigentlich nur einen Weg für meine zahlreichen unbeantworteten Fragen. Ich musste raus aus Deutschland. Raus aus Europa und die Dinge tun, die ich normalerweise nicht tun würde, um mein täglich Brot zu verdienen. Ich musste meinen Rucksack packen und in die Welt hinaus.“
Rede weiter!
„Also ging ich nach Amerika. Damals wurde mir gesagt, dass ich ohne Green Card keine Arbeit finden würde. Ich gab mich als Tourist aus, der lediglich ein paar Städte besuchen möchte und habe die nächste Mitfahrgelegenheit Richtung Midwest genommen. Dort fand ich die Menschen, die ich erwartet habe. Farmer, die mir ohne Green Card für meine Arbeit Essen, Unterkunft und ein paar Dollar gegeben haben.“

Torsten arbeitete über einen Monat lang auf einer Farm, auf der Harold das Sagen hatte. Torstens Aufgabe sollte die Kastration der Schafe sein. Traumjob. Das Männchen wurde herangetragen, der Hodensack wurde fest gegriffen, nach unten gezogen und mit einem Messer aufgeschnitten. Die Hoden wurden in einem Eimer geworfen. Der abgeschnittene Hautlappen wurde dem Wachhund zum Fraß hingeworfen. Am Ende eines Tages landete der Eimer mit den Hoden direkt auf Harolds Schreibtisch. Blutverschmiert stand Torsten seinem Vorgesetzten gegenüber, bis dieser alle Hoden durchgezählt hatte. Dementsprechend wurde sein Tageslohn berechnet.
So ging es Tag ein, Tag aus.
Ich weiß nicht, ob es an einer entwickelten Leidenschaft für Kastration lag oder an Harolds Tochter, auf die er ein Auge geworfen hatte, dass Torsten so lange auf dieser Farm arbeitete. Irgendwann kam jedoch die Zeit, in der er den Entschluss gefasst hatte, weiter zu reisen. Amerika wartete. Harold ließ ihn nur ungern gehen.
„You‘re a good boy, Torsten.“
Er tat es mit dem weinenden Auge eines streng konservativen Amerikaners.
„God bless you!“, waren seine letzten Worte.

Keine zehn Minuten später hielt auch schon die erste Mitfahrgelegenheit.
„Damals konntest du in Amerika drei Arten von Fahrern erwischen: 1. Den streng religiös Besessenen. Er hat dich die ganze Fahrt über versucht zu bekehren. Dies ging dir relativ schnell auf die Nerven. 2. Den Farmer. Er hat dich nur auf die Ladefläche seines Pick‐Ups verwiesen, auf der entweder Ziegen oder Hilfsarbeiter saßen. 3. Den Kiffer. Der Sorglose. Am Rückspiegel seiner verrosteten Karre hast du schon die Pinzette mit den Resten eines Joints anheften sehen. Du wusstest sofort, dass dies eine total entspannte Fahrt wird, weil er dir nach spätestens 20 Minuten seinen Monsterjoint anbot. Pures Marihuana. Daran musste man sich als Europäer erstmal gewöhnen.
Ging aber ganz schnell“, berichtete er.

So fuhr Torsten vom mittleren Westen bis in den tiefen Süden hinein. Traf die verschiedensten Menschen und lernte mit den Eigenheiten und Launen eines jeden umzugehen und sie zu respektieren. Seine letzte Station war Mexiko.
„Zu meiner Zeit ging es dort heiß her. Tourismus war gerade in den Kinderschuhen. Alles, was ich in den Staaten gelernt habe, wurde in Mexiko nicht geduldet. Du musstest dich neu anpassen. Aber diese Frauen! Die Frauen machten es einem echt schwer.“
Wann fängt Begierde an sich in Liebe zu verwandeln? Jeden Abend saßen wir auf dieser Mittelmeerinsel und lauschten seinen Geschichten. Wurde er sehr persönlich, kam es mir vor wie eine Beichte. Vielleicht brauchte er genau das. Ein paar junge Menschen, die sich schweigend seine Lebensgeschichte anhörten, um seinen Frieden zu finden. In Afrika erlag er einer Krankheit, unter der er noch Jahre später litt und dadurch Angst um sein Leben hatte.

Ich erinnere mich an ein Filmzitat: „Wenn ein Mann zugibt, dass er Angst hat, sollen ihm all seine Sünden vergeben werden.“
Oder so ähnlich. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Angst um mein Leben? Das unscheinbare Loch im Kopf, gleich hinter seinem Ohr, beweist seine vergangenen Leiden. Dennoch zeichnet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, während er erzählte.
„Heute kann ich darüber lachen. Damals habe ich mir den Kopf mit meinen Gedanken zerbrochen“, gestand er.
„Wusstest du denn immer, was als nächstes kam?“, wollte ich wissen.
„Eigentlich nicht. Irgendwie kam alles auf mich zugeflogen. Ich habe nie darum gebeten. Vielleicht ist es deine Erfahrung, die deinen Mitmenschen in den Glauben versetzt, dass du immer der Richtige für den jeweiligen Job bist. Dadurch konnte ich wieder Geld sparen für die nächste Reise.“

Am letzten gemeinsamen Abend auf Korsika entschieden wir, am Strand von Ajaccio zu kochen. Nudeln mit Pesto bei Sonnenuntergang mit Blick auf das Mittelmeer. Als die Sonne den Horizont küsste und der Mond langsam erwachte, wurden die Gesprächsthemen melancholischer .
„Ich bin froh, euch kennengelernt zu haben. Ihr seid eine starke Truppe. Ihr versteht die Dinge“, gestand er.
„Wie kommst du darauf? Wir sind jung und unerfahren. Das Leben liegt noch vor uns“, entgegneten wir gemeinsam.
„Wisst ihr, wenn ich mit Menschen meines Alters spreche, die ihr ganzes Leben einfach nur gearbeitet und Geld verdient haben, fühle ich mich unwohl. Wenn ich mit diesen Menschen ein Theaterstück ansehe, reden alle nur davon wie toll oder miserabel die Darsteller waren. Wie beeindruckend die Leistung des Regisseurs war. Keiner redet über die Tiefe des Stückes. Keiner redet über die Intention des Ausführenden. Als wären alle oberflächlich. Mit euch kann ich über Liebe, Trauer und Erfahrung reden, ohne mich zu verstellen.“

Der lange Tag hinterließ seine Spuren und die Ersten von uns traten den Rückweg zu den Zelten an. Torsten und ich saßen noch am Strand, zusammen mit drei Litern feinstem Rotweinfusel. Er versuchte mit einer leeren Flasche eine dicke Ratte zu treffen, die am Strand nach Essensresten direkt in unserer Nähe suchte. Vergeblich.
„Torsten, was bedeutet für dich Glück?“, wollte ich endlich nach diesen zwei Wochen erfahren.

„Glück?“, er überlegte einige Minuten.
„Weißt du, ich habe viele Ehen gehabt. Bin hier mit meinen drei Söhnen unterwegs, die eigentlich nichts von mir wissen wollen und nur aus Anstand dabei sind. Ich habe die halbe Welt gesehen, dabei oft dem Tod in die Augen gesehen und kürzlich eine neue Liebe entdeckt. Glück kommt und geht. Oft, wenn du es nicht erwartest. Du bist sieben Monate unglücklich, würdest am liebsten Abschied nehmen und dann hast du plötzlich zwei oder drei Monate Glück. Alles läuft sorglos und genau nach deinen Wünschen und dann kommt wieder eine längere Periode des Unglücks. Dennoch hast du im kurzen Zeitraum des Glücks so viel Gutes aufgenommen, dass es dich auf die nächste Glücksperiode freuen lässt und das Unglück nicht wahrhaben lassen möchte. Es kommt und geht wie das Leben um dich herum. Wie fühlst du dich denn jetzt?“
„Ich bin zutiefst unglücklich, dass die zwei schönsten Wochen des Jahres jetzt vorbei sind“, antwortete ich.
„Sei nicht traurig. Wenn du wieder zu Hause bist, erinnerst du dich mit einem Lächeln an das Glück, das dir auf dieser Insel mit deinen Freunden widerfahren ist.

Wir gingen schlendernden Schrittes den Hang Richtung Zeltplatz hinauf. Er wirkte auf einmal zerbrechlich. Schweigend trennten sich unsere Wege. Wir haben alles gesagt, was zu sagen war. Als ich an meinem Zelt ankam, schmiss ich die nunmehr leeren Weinflaschen in den Mülleimer und weckte dadurch schätzungsweise die halbe Nachbarschaft. Ich kuschelte mich in den Schlafsack und musste nachdenken. Plötzlich fühlte ich mich jung und voller Vitalität. Bisher dachte ich, dass ich mit meinen 23 Jahren schon vieles erlebt hatte, aber nun schloss ich die Augen und wusste, dass das Leben immer vor mir liegt.
Egal wie unglücklich oder alt ich bin.

Rien ne va plus ‐ Wenn der Reisewurm alles versaut

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Wenn jegliche Energie fehlt und alles gegen die Wand fährt, hilft nur noch eines: schlafen

So ein Wurm genießt nicht gerade einen Lobgesang für seinen Nutzen auf Erden.

Der Holzwurm frisst sich durch die Statik eines alten Gebäudes oder durch die schicken Möbel von Oma. Der Wurm im Darm kitzelt sich am Popo entlang nach dem Motto „Living On The Edge“ und der Bücherwurm verspeist das vermutlich Wertvollste, das sich, neben unseren Gedanken, auf dem Planeten befindet: das geschriebene Wort.
Einzig der Regenwurm könnte noch eine gute B‐Note abliefern. Immerhin lockert er den Nährboden im Garten auf, wenn er nicht gerade als Angelköder für Fische oder als Fütterung für die Vogelbrut genutzt wird. Jap, in meinem nächsten Leben möchte ich keine Art von Wurm darstellen.
Er existiert auch auf Reisen. Selten zeigt er sein wahres Gesicht.
Aber wenn, dann entfaltet er all seine Energie, vom Schicksal stetig aufgeladen, und überträgt diese in unvorhersehbare Ereignisse, die dem Backpacker nicht nur einen Dorn im Auge, sondern auch einen kräftigen Schlag ins Gesicht hinterlassen.

Meist tritt der Reisewurm zu Beginn oder am Ende einer Reise auf. Oft ist er auch der Grund eines Reiseabbruchs.

Aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass er auftaucht, wenn ich auf den Tisch klopfe und sage: „Bisher ist alles gut gegangen.“ Zack. Das muss er gehört haben und wacht aus seinem wohlverdienten Schlaf auf.

Das letzte Mal, als er uns auf einer Reise die letzten Stunden zur Hölle gemacht hat, hielten wir uns auf Korsika auf. Danach spielte sich alles über mehrere Stunden ab, kam mir aber vor wie ein paar Sekunden. Erst gab uns der Restaurantbesitzer am Abend zwei selbstgebrannte Schnäpse aus, die einem das Augenlicht nahmen. Anschließend wanderten wir zur Fähre, die uns nach Nizza bringen sollte.
Auf dem Weg dorthin trafen wir auf drei Kölner, die nicht nur etwas Gras und Bier, sondern auch drei Stühle anboten, um bei ihnen am Bulli Platz zu nehmen. Blöd nur, dass einer der Stühle eine Behinderung hatte und mein Freund darin zusammenbrach. Noch blöder, dass er seine Hand zwischen den Metallstangen hatte und diese eingequetscht wurde wie ein Sandwich im Sandwichtoaster. Unsere Freundin und er fuhren mit dem Krankenwagen und der englischverweigernden Sanitätsbesetzung ins nächstgelegene Hospital.
Derweil mussten mein anderer Freund und ich auf einer Parkbank unsere Rucksäcke vor Langfingern verteidigen, während die Kölner auf Schnittenjagd im Zappelbunker unterwegs waren. Kurz bevor die Fähre abfahren wollte, kamen unsere Freunde aus dem Krankenhaus zurück.
Diagnose: Fingernagel ab und ein paar Stiche, um den Finger zusammenzuflicken.

Auf dem Weg zur Fähre überkam mich eine Übelkeit, die einer heiligen Mixtur aus selbstgebranntem Schnaps, Bier, Gras und einem ekelhaften Baguette entsprach. Der nächste Mülleimer wurde als Klo missbraucht, an dem ich mich oral entledigte. Ab diesem Moment war ich total ausgebrannt. Jegliche Energie hat meinen Körper verlassen. An der Fähre angekommen sagte eine nette Kontrolleurin, dass unser Ticket für die Fähre für den Vortag bestimmt war. Mit nichtssagenden Augen blickte ich sie an.
Während zwei meiner Freunde Richtung Ticketschalter rannten und eine Umbuchung schnellstmöglich vollziehen wollten, beschäftigte ich mich mit der Frage, welche Sünden wir für diese kombinierten Zwischenfälle begangen hatten. Es dauerte nicht lang, bis mir so einige davon wieder einfielen.

In Nizza angekommen mussten wir stundenlang auf unseren verspäteten Flieger warten. Mittlerweile war es wieder Nacht geworden. Sonntag. Einige von uns mussten Montag wieder in Berlin auf Arbeit strammstehen.
Als ich um zwei Uhr früh vor meiner Haustür stand suchte ich verzweifelt den Schlüssel. Immer wieder die selben Fragen. Wo hast du das Ding nur vor Reisebeginn hingetan? Hast du den Schlüssel überhaupt mitgenommen? Nach fünf Minuten hörte ich endlich das vertraute Klimpern. Wie ein Kind, das nach seiner Mutter im Einkaufszentrum heult.
Ich rauchte lachend eine Zigarette in meiner Küche.

Ich schaute zum Reisewurm und sagte: „Deinen Job möchte ich nicht haben, Herzchen.“

UPDATE:
Eben gesehen, dass die Christine ebenfalls einen Reisewurm in ihrer letzten Reise hatte.

Vive la Corse! Backpacking durch Korsika ‐ auf der Suche nach Inspiration, Natur und Lebensfreude

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Sonnenuntergang zwischen korsischen Bergen

Fotos: Alex Meier, Sören Kinker, Stefan Eschert

Das Salz kratzt auf der Haut, als ich meinen schweren Rucksack aufstemme. Während ich auf den Meereshorizont blicke, lasse ich mir nochmal die letzten zwei Wochen unseres Backpackertrips durch den Kopf gehen. Wir erlebten ein kleines Abenteuer und stellten uns selbst auf die Probe. Reisen nach der alten Schule. Die einzige Planung, die wir im Vorfeld gemacht haben, war die Flug‐ und Fährentickets zu bestellen. Den Rest ließen wir auf uns zukommen. Glück, Verzweiflung, Geselligkeit und Einsamkeit ‐ unsere Persönlichkeiten wurden herausgefordert. Ebenso wie unsere Freundschaft. Es war einer der besten Sommertrips, die wir zusammen unternommen haben.

Ursprünglich wollten wir nach Korsika fliegen, um den GR‐20 herauszufordern. Erst kürzlich habe ich über meine Bezwingung des GR‐20 auf Korsika berichtet. Da wir aber in den letzten Monaten allesamt hart gearbeitet haben und unsere Gehirne eher Wackelpudding glichen, wollten wir nicht nur einen Outdoortrip durchziehen, sondern unsere Köpfe frei bekommen. Was bietet sich da besser an, als ein anderes Land zu besuchen und sich von den Menschen und der Natur auf neue Gedanken bringen zu lassen?

Abendbrot kochen am Strand von Ajaccio

Unser Flieger startete in Berlin und setzte uns in der Nähe des nordöstlich gelegenen Städtchens Bastia ab. Der letzte Bus in die Stadt fuhr direkt vor unseren Nasen weg. Der Taxifahrer erwartete uns bereits freudig, nachdem er die Szenerie beobachtete.
Als ich fragte, wie viel die Fahrt nach Bastia kosten solle, sagte er: „soixante‐cinque Euro“.
Ach ja, wir sind ja in Frankreich.
Bekanntlich weigern sich die Franzosen eine andere Sprache zu sprechen. Auch dann, wenn sie beispielsweise dem Englischen mächtig sind.
Wir versuchten zu verhandeln, aber das einzige, was er uns sagte war: „No Marrakesch! No Marrakesch here!“
Sehen wir wir Marokkaner aus?
Wie sieht überhaupt ein junger, marokkanischer Backpacker aus? Wir winkten ab und entschlossen uns zu trampen. Es vergingen lediglich ein paar Minuten bis ein junger Franzose mit seinem kleinen Renault anhielt und uns mitnahm. Auch er konnte nur spärlich englisch sprechen, aber als er nach Musik für die Fahrt fragte, wurde die Kommunikationsbarriere eingerissen. Musik verbindet einfach alle Nationen.
Ohne Worte.

Am Bahnhof von Bastia warten wir auf den Zug Richtung GR‐20

Bonjour Bastia

In Bastia wollten wir die Nacht am Strand schlafen, um am nächsten Morgen rechtzeitig unseren Zug zum GR‐20 zu erwischen. Außerdem wollten wir kein Hotel bezahlen. Aus dem Strand wurde nichts. Die Uferpromenade der Stadt besteht nur aus Hafen. Nun mussten wir ein Hotel bezahlen. Wir erkundigten uns in mit vier Sternen ausgezeichneten Hotels nach billigen Hostels. Stellt euch mal die Gesichter der Hoteliers/Rezeptionisten vor. Uns wurde mitgeteilt, dass man uns nicht weiterhelfen könne. Da es schon ca. 22:30 Uhr war, handelten wir mit einem Hotelier ein Dreipersonenzimmer für vier Personen aus (100 Euro für das Zimmer im Hotel „La Riviera“). Guter Start für die Geldbörse.

Am Fährhafen warteten wir auf einen Freund, der von Berlin nach Nizza flog und mit der Fähre weiter nach Bastia fuhr. Eine Buchungsproblematik der Luftfahrtgesellschaft sei Dank für diese Umstände.

Als die Fähre in den Hafen einfuhr und die Passagiere den Metallkoloss verließen, fragte ich mich, was es zu napoleonischer Zeit für ein Gefühl war, am Hafen auf einen Freund zu warten. Immerhin war das Schiff die einzige Verbindung zwischen Festland und Insel. Familien, Freunde und Geschäftsleute beobachteten mit prüfenden Blicken die Ankömmlinge. Freudensprünge, Umarmungen und Tränen prägten das gesellschaftliche Zusammentreffen. Wir ließen den Korken knallen und begossen uns mit Sekt aus dem Duty‐Free‐Shop.

In der selben Nacht zogen wir noch um die Häuser und gesellten uns in eine Hafenbar, die von den jungen Korsen zahlreich besucht wurde. Die korsischen Damen lösten mit ihrer figurbetonten Kleidung einen regelrechten Kampf um die Damenwelt bei den Herrschaften aus. Es gab ständig Schlägereien und Anmotzereien zwischen den Männern. Sei‘s drum. Nicht unser Bier, dachten wir uns, und tranken unser korsisches Pietra‐Bier aus.

Mit der Bergbahn zum GR‐20

Der nächste Tag bestand aus der Anfahrt zum GR‐20. Bevor ihr den Bahnhof von Bastia aufsucht, solltet ihr unbedingt noch in einer Bank Geld abheben, denn dies wird eure letzte Möglichkeit vor Calvi sein. Wir hätten es tun sollen, denn später machten uns Geldprobleme regelrecht fertig.

Die übersichtlichen Fahrpläne der Bahn gibt es auch im Internet zu sehen. Auf Korsika fahren lediglich drei oder vier Zuglinien. Eine alte klapprige Bergbahn aus den 70er Jahren sollte uns kurz vor Calvi absetzen. Durch vergilbte Fenster blickend erhielten wir einen ersten Eindruck der Landschaft Korsikas. Die Mixtur aus Meeresblick auf der einen und Gebirgsmassiv auf der anderen Seite brachte sogar die größte Nervensäge im Zug zum Schweigen. Die Passagiere im Zug bestanden aus Korsen und vielen Wanderern aus anderen Ländern, die offensichtlich das gleiche Vorhaben wie wir geplant hatten. Zwei Stuttgarter klärten uns über die erste harte Etappe des GR‐20 auf. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung von der Schwierigkeit des Weges.

Der Zug schmiss uns an einer kleinen Station an der nördlichen Küste heraus. 40°C und das Meer liegt genau vor uns? Scheiß für heute auf den GR‐20, wir werden im Meer planschen! Wie lachende Kinder haben wir uns von den hohen Wellen erschlagen lassen. Dabei erlebten wir unser erstes Freiheitsgefühl. Das salzige Wasser gab uns nicht nur eine Erfrischung, sondern wusch gleichzeitig alle Sorgen von uns ab. Eigenartig, wie wir auf einmal von Vitalität und Glück überhäuft wurden. Während die Surfer die Segel in den Wind setzten, ließen wir uns von der Sonne und der Meeresbrise trocknen.

Passender Ohrwurm, den ich in dieser Situation hatte: Phillipp Poisel ‐ Im Garten von Gettis

Calenzana – Frankreich trifft auf Italien

Per Anhalter kamen wir nach Calenzana. Nur so als Tipp von mir: Es ist unglaublich, wie offen die Korsen gegenüber Tramping sind. Zurück zum Thema. Calenzana ist der offizielle Startpunkt des GR‐20. Ab dieser Ortschaft reicht der härteste Bergwanderweg vom Norden zum Süden Korsikas über eine Strecke von ca. 180 km. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Trail eingehen, da ich kürzlich bereits einen Bericht darüber veröffentlicht habe. Ich möchte euch lieber ein paar Worte zu Calenzana berichten.

Ein kleines Städtchen, gelegen am Fuße eines Bergmassives. Unschuldig und ruhig blickt der 2000 Seelenort auf die Meeresküste herunter. Ich habe mich ein wenig in Calenzana verliebt. Die Mischung aus toskanischer Architektur und französischer Lebensliebe erweckt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Die Boulangeries in den engen Gassen, die kleinen und einfachen Restaurants und die alten Gemäuer der eng anliegenden Häuser im Zentrum wecken den Wunsch nach einer Sommerwohnung in dieser Ortschaft. Irgendwo in einer kleinen Seitengasse mit alten Fensterläden und knarrenden Dielen. Die Häuser wurden vermutlich im Mittelalter aufgebaut und dem Zeitgeist überlassen. Neubauten sind nicht zu finden. Ein inspirierender Ort. Sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben oder eine Auszeit benötigen, würde ich Calenzana nochmals aufsuchen. Aber hey…wann schreibe ich mal etwas Ernsthaftes wie ein Buch?

Auf dem örtlichen Campingplatz versammelten sich alle Wanderer, die den GR‐20 meistern wollten. Mit Einigen haben wir uns unterhalten. Komischerweise haben wir viele Wanderer nie wieder getroffen. Jeder war gespannt auf die Tour am nächsten Tag.

„Lass uns durch die Gassen schlendern“

Zeitsprung: Zurück in die Zivilisation

Geschwächt und ein wenig ausgehungert haben wir die Hälfte des GR‐20 gemeistert. Wir haben uns von Beginn an geeinigt, dass wir aus Zeitgründen die nördliche Hälfte laufen werden. Diese gilt als der anspruchsvollste Teil der gesamten Strecke. Vom Bahnhof von Tattone aus fährt unser Zug Richtung Ajaccio, der Hauptstadt Korsikas.

Im Zug sitzend, schwiegen wir uns nur gegenseitig an und genossen die vorbeiziehende Landschaft. Auf die Berge hinaufschauend konnte ich mir kaum vorstellen, dass wir uns die letzten elf Tage in dieser einsamen Landschaft aufhielten. Aber es waren doch noch andere Wanderer auf dem Weg? Stimmt. Dennoch bewegte man sich in Einsamkeit. Gemeinschaftliche Einsamkeit. Nun sitzen wir im Zug Richtung Stadtleben.

In Ajaccio pulsieren die Straßen. Autolärm, Abgase, drückende Hitze und Menschenmengen werden uns einem regelrechten Kulturschock unterziehen.
Als ich im Zug saß wusste ich das alles noch nicht. Dementsprechend schockiert und sprachlos waren wir, als wir mit unseren großen Rucksäcken die Touristeninformation aufsuchten, um eine Karte der Stadt zu erhalten. Stadt‐ und Landkarten sind für mich immer wichtig, um einen Überblick über die Situation zu erhalten. Aber sie hindern einen daran, sich in der Stadt zu verlieren. Das Entdecken kann eigentlich auch ganz spannend sein.

Die nächsten vier Tage wurde der Campingplatz „Barbicaja“ unser Heim. Dieser liegt zwar etwas außerhalb der Stadt, bietet aber eine gute Anbindung mit den Bussen und ist zudem kostengünstig. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind wirklich bezahlbar. Eine Busfahrt kostet einen schlappen Euro. Außerdem liegt der Platz direkt am Plage.

Unterwegs auf dem GR‐20

Endlich wieder etwas richtiges Essen

Trotz des Kulturschocks freuten wir uns riesig auf die Stadt. Wir mussten nämlich die letzten Tage mehr oder weniger an Hunger leiden, da unser Geld auf der Wanderung knapp wurde und es keine weitere Möglichkeit gab, mit Plastik zu zahlen. Jeder hatte sich auf ein ganz besonderes Gericht in einem Restaurant. Einen leckeren Salat, ein Steak, Muscheln und als Dessert Crème brûlée. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Lebensmittel man sich wünscht, wenn einen der Hunger plagt und keine Möglichkeit besteht, sich in einem Supermarkt um die Ecke einzudecken. Und dennoch erfreute ich mich in höchstem Maße an den drei Löffelschlägen CousCous, die ich am Abend nach der erfolgreichen Bergtour auf der Hütte genießen konnte.
Dazu fällt mir folgendes Zitat aus Robinson Crusoe ein:

„Aus dem allen ging ganz klar hervor, daß kein Zustand auf der Welt so elend ist, um darin nicht auch etwas Gutes erkennen zu können.“*

Vielleicht ein wenig übertrieben dieses Zitat, wenn man über das Elend der Welt nachdenkt. Aber es ist auch dieser Stelle passend.
Begleitet werden sollte dieses Festmahl mit Wein. Literweise. Der Wein auf Korsika ist übrigens angenehm trocken und ein wenig fruchtig. Meist ein einfacher Landwein. Hemingway fand dafür die besseren Worte:

„Zu Hause, über dem Sägewerk, hatten wir einen billigen korsischen Wein, der es sehr in sich hatte. Diesen typisch korsischen Wein konntest du halb und halb mit Wasser verdünnen, und er tat immer noch seine Wirkung.“**

Werbung mit Charme…könnte man meinen

Der verdiente Urlaub – Gammeln am Strand

In der Hitze am Meeresstrand liegend, suchte ich nach einer Beschreibung für Urlaub. Ist dieses „gammeln am Strand“ gerade Urlaub? Was waren dann die letzten Tage in den Bergen? Urlaub kann anscheinend nur jeder für sich definieren. Den Kopf freibekommen. Sorgen und Arbeit einfach mal vergessen. Wenn ich am Strand liege, bin ich nicht im Urlaub. Abschalten beim Nichtstun? Fast unmöglich. Einzig die überaus attraktiven Französinnen, die vereinzelt während der Siesta am Strand liegen, lenken mich von meinen Gedankengängen ab. Warum liegen sie hier alleine herum? Warten sie darauf, dass jemand sie auf einen überteuerten Cocktail einlädt? Einige von ihnen machen jedenfalls den Eindruck. Oder warten sie nur darauf, bis die Arbeit wieder anfängt? Vielleicht sollte ich hingehen und fragen:
„Entschuldigen Sie bitte, was erwarten Sie jetzt von mir? Was soll ich machen?“
Aber ich kann kaum französisch sprechen. Von daher…weitergammeln.

An einem Abend beschlossen wir, unser Abendbrot am Strand zuzubereiten. Wir packten Lebensmittel, Kocher und Wein (literweise) in unsere Strandbeutel und kochten leckere Nudeln mit Pesto, frischen Tomaten und Mozzarella. Wir genossen das Abendbrot bei der untergehenden Sonne. In diesem Moment wurde uns klar, wie erlebnisreich, aufregend und besonders dieser Trip war. Wir mussten zeitweise hungern und haben es uns später in Restaurants gut gehen lassen. Wir mussten uns mit Parasiten eine Unterkunft teilen, nutzten aber auch ein Hotel als Schlafmöglichkeit. Wir haben tagelang Berge erklommen und lagen faul am Strand herum. Zusammen mit Freunden werden diese Erlebnisse zu besonderen Momenten.

Korsika ist einfach gestrickt. Die Mentalität ist typisch für Südländer. Hier und da haben sie mich an rotzfreche Urberliner (wie Oli) erinnert. Aber das störte uns weniger. Letzten Endes waren alle sehr hilfsbereit. Gerade als wir mit unseren großen Rucksäcken durch die Straßen von Ajaccio geschlendert sind, ernteten wir ein lächelndes Kopfnicken. Reisen ist eben für jeden etwas Besonderes.

…und was ich noch gelernt habe: Wenn die Zigaretten‐Blättchen alle sind, dienen Kassenbelege ideal als Ersatz.

Rückfahrt: auf der Fähre nach Nizza

Wasserquellen am Wegesrand mit frischem Quellwasser

Ein großes Bahnhofsgebäude (für korsische Verhältnisse)

Während Alex und Jenny im Krankhaus waren, passten Piet und ich wachsam auf die Rucksäcke auf

Nette Nachbarschaft in Calenzana

Strand in Sicht

Jenny liebt Piets Rucksack

Backpacking auf Korsika auf einer größeren Karte anzeigen
*: Zitat aus „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe ‐ 1955 Der Kinderbuchverlag Berlin 2.Auflage
**: Zitat aus „Paris, ein Fest fürs Leben: A Moveable Feast. Die Urfassung“ von Ernest Hemingway ‐ Rowohlt Verlag GmbH 5.Auflage April 2012 Seite 92

Unterwegs auf dem härtesten Wanderweg Europas: Dem GR‐20 auf Korsika

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Fotos: Alex Meier

Sichtlich geschwächt versuche ich mit meiner Hand nach einem Griff am Fels zu suchen, um ausreichend Stabilität für den nächsten Schritt zu bekommen.
Danach folgt der große Schritt und das Aufrichten des Körpergewichtes plus den 16 Kilo des Rucksacks. Endlich sind ein paar weitere Zentimeter Richtung Gipfel geschafft. Blicke ich allerdings nach oben in das gleißende Sonnenlicht, realisiere ich, dass wir bis zur Kammüberquerung noch Stunden brauchen werden. Erst dort oben haben wir den Aufstieg beendet. Nahrungsmangel, Müdigkeit und extreme Hitze bringen meinen Kopf zum Explodieren. Schwindel kommt gelegentlich auf. Eigentlich ein Zeichen für eine längere Pause.
Aber der Drang, endlich diesen verdammten Aufstieg hinter mich zu bringen ist viel zu groß.

Der GR‐20 zählt zu den anspruchsvollsten Bergwanderwegen Europas, der sich von Nord nach Süd durch Korsikas Bergwelt schlängelt. Im Juli und August forderten drei Freunde und ich diesen Trail heraus. Wir unterschätzten dieses Vorhaben auf fast allen Ebenen. Dadurch wurde der GR‐20 die härteste Tour, die wir bisher gemacht haben. In diesem Reisebericht teile ich unsere Erfahrungen mit euch und gebe wertvolle Tipps, die in keinem Wanderführer zu finden, für die Planung aber essentiell sind.

Was ist eigentlich dieser GR‐20?

Die Bezeichnung wirkt mehr als unkreativ. Irgendwie erinnert der Name an eine Archivierungsnummer. Aber dahinter steckt natürlich ein System. In Spanien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden wurde vor vielen Jahren ein Wandernetz für Fernwanderwege ausgebaut. Auf französisch heißen diese Wege „Grande Randonneé“. Daraus ergibt sich die Abkürzung GR. Für die genaue Zuordnung werden Zahlen verwendet. Es entsteht die Zusammenstellung GR‐20.
Das Besondere an diesem Weg sind die anspruchsvollen Tagesetappen, die eine gute körperliche Fitness voraussetzen. Auf über 170 km müssen über 12.500 Höhenmeter überwunden werden. Dies liest sich leichter, als es in der Praxis zu erleben ist. Gleichzeitig zählt dieser Weg zu den schönsten der GRs.

Vorbereitung auf den GR‐20

Empfehlenswert ist ein einfaches Training als Vorbereitung. Dies empfehle ich nicht nur Neueinsteigern, sondern auch erfahrenen Wanderern. Immerhin werden Bein‐ und Armmuskulatur dauerhaft belastet. Ich habe zum Beispiel auf mein Monatsticket in Berlin verzichtet und bin alle Strecken mit dem Rad und hohem Tempo gefahren. Außerdem standen Joggen und lange Tageswanderungen mit meinem Hund auf dem Programm. Als Vorbereitung hat dies ausgereicht. Ich fühlte mich auf dem GR‐20 zwar nicht topfit, aber auch nicht unsportlich.

Die Ausrüstung ist eine individuelle Angelegenheit. Jeder hat seine Vorlieben. Einige wollen die leichteste (und damit teuerste) Ausrüstung, andere sind Minimalisten und verzichten lieber auf einige Gegenstände. Wir hatten eine einfache Grundausrüstung:

‐ Rucksack (55L +10) ‐ eine kurze Hose
‐ zwei normale Shirts ‐ drei Unterhosen
‐ Thermounterwäsche ‐ Fleecepullover
‐ Trekkingsocken
‐ Zelt
‐ Gaskocher + zwei Kartuschen ‐ Stirnlampe
‐ Wasserblase
‐ Waschzeug
‐ Nahrung
‐ Reisetagebuch
‐ Messer und andere Kleinigkeiten

Da unsere Gruppe aus bescheidenen vier Personen bestand, haben wir zwei Zwei‐Personen‐ Zelte besorgt. Eines für 100 Euro von Mc Kinley und eines für…jetzt kommt’s: 14,99 Euro vom Dänischen Bettenlager. Ein einfaches Kinder‐Sommerzelt. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Mc Kinley vollkommen ausgereicht hat. 1,3 Kg und halbwegs wasserfest = Top! Aber beim Billigzelt hatten wir schon etwas Angst und haben gleichzeitig gestaunt. Immerhin hat es wirklich starke Stürme ausgehalten und seinen Zweck erfüllt. Dennoch bleiben Übernachtungen in solch einem Zelt ein riskantes Unterfangen. Es hätte auch sehr schnell zerreißen können.

Wie viel Zeit soll ich für den GR‐20 einplanen und welche Routen gibt es?

Angeblich benötigt ein geübter Wanderer 15 Tage für den gesamten Weg. Dies ist ohne Zweifel möglich, allerdings sollte diese Zahl nicht für die Planung genutzt werden. Ruhetage sind empfehlenswert. Gerade die oft sehr langatmigen Abstiege beanspruchen die Kniegelenke auf höchstem Niveau.
Die Route des gesamten Weges führt von Calenzana über Vizzavona nach Conca. Der nördliche Teil (Calenzana nach Vizzavona) zählt zum anspruchsvollen und schönsten Teil. Daher entschieden wir uns auch für diesen Teil. Die Möglichkeiten der Routenplanung ist vielfältig. Der ursprüngliche GR‐20 hat die typische Weiß‐Rote Routenmarkierung. Es gibt aber auch zu jeder Etappe diverse (angenehmere) Ausweichrouten. Diese können im Wanderführer nachgeschlagen werden. Wir sind den ursprünglichen GR‐20 abgelaufen.
Von insgesamt 20 Etappen, die den GR‐20 bilden, haben wir die Hälfte geschafft. Dann kamen wir am Bahnhof von Tattone an und haben damit unser Ziel erreicht.
Wer also gute zwei Wochen für den nördlichen Teil einplant, ist auf der sicheren Seite.

…erzähl doch endlich, was erlebt man auf dem Weg?

Dieser Wanderweg wird durch das Wort “Wandern” unglaublich unterschätzt. Meiner Meinung nach hat er mit Wandern nur wenig zu tun. Bergsteigen trifft auch nicht voll und ganz zu. Klar ist, dass wir diesen Weg, vermutlich durch die Bezeichnung Wanderweg, ziemlich unterschätzt haben. Bereits auf der Zugfahrt, mit einer alten und klapprigen Bergbahn, die uns zum Startpunkt bringen sollte, berichteten uns zwei Stuttgarter über die verflixte erste Etappe von Calenzana bis zum ersten Refuge (Berghütte). Diese, so kann ich jetzt bestätigen, zählt wirklich zu den Härtesten. 1.360 Meter Aufstieg auf einer Strecke von 11 km. Als erste Herausforderung ist dies wirklich kein Spaziergang.
Ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet.

Als wir endlich unser Refuge “D‘Ortu di u Piobbu” erreichten, wurden wir auch noch mit schlechtem Wetter belohnt. Es schien unmöglich unter freiem Himmel zu schlafen, ohne das Zelt zu einem Planschbecken werden zu lassen. Die Wirtin gab uns daher vier Matratzen, die wir auf der dritten Schlafebene niederlegen konnten, direkt unter dem Dach. Im Nachhinein überlege ich, ob es nicht vielleicht klüger gewesen wäre, im Regen zu zelten. Die dritte Schlafebene war nämlich voller Parasiten. Massen von Käfern, Kleiderläusen und anderen Krabbeltieren machten es sich in unseren Schlafsäcken gemütlich. Ziemlich unangenehm.

Ab der zweiten Etappe beginnt ein sich ständig wiederholendes Höhenprofil. Von dem Refuge aus geht es auf kurzer Distanz meist 400 – 500 Meter in die Höhe. Anschließend folgt ein langer Abstieg. Oft gibt es noch einen Gegenanstieg. Als Monotonie würde ich es dennoch nicht bezeichnen, da sich Fels, Untergrund und Umgebung Tag für Tag ändern. Es gibt demzufolge täglich eine Kammüberquerung. Der höchste Punkt einer jeden Etappe. Die Wiedergutmachung des harten Aufstieges. Gerade die ersten Etappen bieten von diesen Punkten aus einen weiten Blick über die Bergwelt Korsikas. Sofort wird deutlich, dass die Insel aus einer unvorstellbaren tektonischen Kraft heraus entstanden sein muss.

Die Höhepunkte der nördlichen Tour des GR‐20 sind meiner Meinung nach der Cirque Du Solitude und die gesamte vierte Etappe. Der Cirque Du Solitude (Deutsch: Kessel der Einsamkeit) ist zwar alles andere als einsam, aber hier schlägt das Kletterherz höher. Mit befestigten Ketten und in Kletterhaltung geht es erst 253 Meter in die Tiefe und anschließend 288 Meter in die Höhe. Der “Kessel” ist so steil, dass er zur Schwierigkeitsstufe 2 in der Kletterei zählt. Es liegt also für jedermann im Bereich des Möglichen. Stellt euch vor, dass ihr nach einer durchzechten Nacht versucht, volltrunken auf allen Vieren das Treppenhaus hinaufzuklettern. So schwierig ist diese Wand. Ungefähr…

Trotzdem ist der Aufstieg besonders gefährlich. Loses Gestein liegt auf dem Weg verteilt und kann bei Unachtsamkeit der Wanderer zu einem gefährlichen Steinsturz führen. Das Gefährliche hierbei sind nicht die Steine, sondern die unerfahrenen Wanderer, die über dieses Gesteinsfeld trampeln. So geschah es, dass uns ein Steinschlag ereilte, während wir aufstiegen. Ich hörte noch die Rufe “Attention!!” und “Danger!!!” von oben herab und das laute Schottern der herabfallenden Steinlawine. Ich erblickte einen Stein, der direkt auf einen Franzosen zusteuerte. Mit der dreifachen Größe seines Kopfes, beschleunigte das Gestein exponentiell. Einige Meter vor dem Franzosen prallte der Stein auf, zerbrach in drei Teile und flog direkt über ihn hinüber. Unangenehme Bilder gingen mir nach diesem Szenario durch den Kopf. Hoffentlich war dem Mann bewusst, dass er einen wachsamen Schutzengel hatte. Gleichzeitig entbrannte eine Wut in mir: Anscheinend sind sich einige Wanderer der Gefahr eines sich lösenden Steinschlages nicht bewusst. Äußerste Vorsicht ist hier gefragt. Jeder Schritt sollte durchdacht sein.

Die erste Hütte auf dem Weg

Der zweite Höhepunkt ist die gesamte siebte Etappe. Diese ist zwar mit 16 km die Längste, aber mit nur wenigen Höhenmetern (vergleichsweise) entspannter. Die Landschaft auf dem Weg ist wirklich unvergleichlich. Es geht durch weite Mischwälder, über Bergkämme mit schief wachsenden Bäumen, an einem Bergsee und an Badegumpen vorbei. Die Badegumpen, die immer wieder am GR‐20 auftauchen, können bedenkenlos als Planschbecken missbraucht werden. Bei fast 40°C in der Sonne sind sie eine willkommene Abwechslung.

…und wo ist der Haken?

Leider hatte der GR‐20 einen nicht zu unterschätzenden Haken: Geld! Als ich auf der ersten Hütte die Preise für einfache Lebensmittel sah, drehte sich mein Magen um. Gedanken wie: “Wenn auf jeder Hütte diese Preise verlangt werden, müssen wir Hungertage einplanen.” oder “Alles oder nichts. Die nächsten Hütten werden bestimmt günstiger.”, gingen mir durch den Kopf. Die Reiseführer geben an, dass die Preise “ein wenig” teurer sind. Für ein Stück Brot variierten die Preise zwischen 4 und 8 Euro. “Ein wenig” finde ich ein wenig untertrieben. Hinzu kommen die Stellkosten für Zelte und/oder die Kosten pro Person. Das Problem ist, dass es fast unmöglich ist, Lebensmittel für zwei Wochen in einem Rucksack zu transportieren. Also mussten wir diese streng rationieren. Es gab Tage, an denen wir uns nur von Wasser und ein paar Müsliriegeln ernährt haben. Es gibt keinen Bankautomaten auf dem Weg. Kartenzahlung ist lediglich in Haute Asco und Castellu di Verghio möglich, da diese im Winter Skiorte sind und Restaurants ihre Speisen mit anschließender Kartenzahlung anbieten.

Der GR‐20 ist ein teurer Wanderspaß. Mit 200 bis 300 Euro in der Tasche, müsstet ihr in den Hütten gut verpflegt werden. Wir haben Wanderer getroffen, die ihr Vorhaben frühzeitig wegen finanzieller Fehlkalkulation abbrechen mussten. Wirklich ärgerlich, wenn eine Fernwanderung in der Natur des Geldes wegen aufgegeben werden muss. Das klingt in meinen Ohren absurd. Für mich zählten Wanderurlaube bisher zu den günstigsten Reisen.

Geschafft ‐ Der Aufstieg nach dem „Kessel“

Das Fazit

Stürmische Nächte, körperliche Herausforderungen, wunderschöne Natur, nette Menschen und ein großes Abenteuer – der GR‐20 lohnt sich. Ihr nehmt wertvolle Erfahrungen mit nach Hause. Diese Tour bremst euch aus; holt euch zurück zum Wesentlichen. Keine Moderne, nur ihr, eure Freunde und die netten Bekanntschaften auf dem Weg. Die Natur dient als Inspiration für das Alltägliche. Gedanken bekommen Struktur. First World Problems gibt es hier nicht. Teamwork erleben, Nahrungsrationen kalkulieren, natürliche Hindernisse überwinden, starke Nerven und einen Blick für die Natur haben. Ihr trefft auf Menschen, mit denen ihr sofort auf einer Ebene seid. Obendrauf kommt ihr in den Genuss der romantischsten Sonnenaufgänge und den erstaunlichsten Nachthimmel, die ihr je gesehen habt.

…Ihr müsst es einfach erleben!