Kaffeeersatz

Durch die Wildnis Frankreichs: Auf dem Klettersteig in der Lozère

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Auf Einladung.

Ich weiß nicht, was mich eher auffangen wird: Der tosende Fluss, dessen Wassermassen das Ufer verschlucken und Baumstämme in Stromschnellen zerreißen? Ist es der kontrastlose Nebelteppich, der die Umgebung verschwinden lässt und mit grauen Wolkenwänden verschmilzt? Oder sind es die schroffen Zehen des Gorges du Tarn, die stummen todbringenden Felsenschluchten, die sich unter mir ausbreiten, darauf wartend, dass ich einen Fehler mache? Wie ich es auch drehe und wende – ein Fehler wäre hier das Ende.

Vergangene Nacht ging die Welt unter. Das Unglück stieg aus dem Flussbett, schritt in schmatzendem Marsch über die durchtränkten Wiesen und Felder hinweg bis an den Fuß der niedrig gelegensten Hütte des Tals. Auf seinem Weg verschlang es Pfade und Straßen, machte vor nichts Halt.

Nun ist die Stimmung gut. Freund Timo ist nach tagelanger Odyssee durch Frankreich endlich zu uns gestoßen, nun kann es richtig losgehen. Vier Männer, ein Abenteuer. Und unser Guide Fabien, der Timo, Steven, Marco und mich bestenfalls lebend durch das Gebirge der französischen Region Lozère bringen soll. Er zeigt mir die Ausrüstung: Ein Overall gegen den Dreck, ein Klettergürtel, ein Kletterhelm. Ein Blick in seine wachen Augen.
Würde ich mein Leben in seine Hände legen?
Wahrscheinlich.
Würde ich mein Leben in ein Stück Metall in Form eines Karabiners legen? Es muss wohl sein.

Wir verlassen unseren Wagen und folgen der Serpentinenstraße, bis Fabien einen Trampelpfad im Gebüsch des Wegesrandes ausmacht. Ein Schild mit der Aufschrift “Via Ferrata” deutet an, dass wir hier richtig sind. Fünf Männer bahnen sich durch das Gestrüpp zur Via Ferrata de Rousses, bis das rauschende Dröhnen des Flusses uns die Stimme nimmt. Hier fließt der kleine Bruder des Tarn, der Massevaques. Vor uns tut sich eine Felswand auf, an der ein dünnes Drahtseil befestigt ist. Daneben befinden sich in Eisenstreben, die in das Gestein getrieben wurden, um den Kletterern eine stufenweise Besteigung zu ermöglichen.

“Lasst es uns angehen”, sagt Fabien.
“Zwei Optionen. Option 1: Wir beginnen mit der Anfängerroute, um warm zu werden. Option zwei ist die spaßigere Variante.”
“Wir wollen Action”, sagt Timo und beginnt, vor mir die fortgeschrittene Kletterroute zu erklimmen. Ich folge ihm.

Das Metall ist kalt und nass vom Regen der letzten Tage. Ein ums andere Mal wird mein Griff unsicher, meine Hand rutscht ab, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Mein suchender Blick geht nach oben um herauszufinden, wohin ich mich als nächstes bewegen muss.
Ein Überhang wartet auf mich. Kaum fünf Minuten am Fels und schon zwingt mich die Wand, ohne meine Füße zu klettern.
Das Abenteuer, nach dem ich in Frankreich gesucht hatte.
Ich greife das nächste Eisen und ziehe mich auf einen kleinen Vorsprung. Timo steht bereits dort und schaut voll Vorfreude auf das Drahtseil, welches quer über den Fluss gespannt ist. Eine “Tyrolienne”, eine Seilrutsche begrüßt uns. Ans Seil haken und ab über das Tal.
Fabien zeigt uns, wie wir uns festmachen sollen und lässt sich als erster auf die andere Seite hinüber .
Jetzt ist Steven an der Reihe. Gemeinsam überprüfen wir, ob er sich korrekt gesichert hat. Ein Karabiner hier, ein Karabiner da. Richtig so?
Dann ein tiefes Durchatmen.
“Ein paar letzte Worte?”
“I love you all”, sagt er und hängt sich an den schwingenden Stahl.
Weg ist er. Für fünfzehn Sekunden gleitet er über der Landschaft hinweg.

Auch ich klinke mich ein und rase in meinem Klettergurt sitzend durch die Schlucht. Ein irres Gefühl, fast schwerelos durch die Luft zu fliegen. Ich werde schneller und schneller, bis Fabien mich schließlich abfängt und davor bewahrt, am Stein zu zerschellen.
Zwanzig, dreißig Meter unter mir tobt der kalte Schwall des Massevaques durch die französische Szenerie, als wäre nichts geschehen.

Wir steigen zum Fluss hinab und die Welt um uns wird wieder zu einem Rauschen. Die Luft ist frisch und doch schwer von aufspringenden Tropfen aus dem Fluss. Einige Eisenstiege sind noch vom Wasser überspült, andere hat das Nass bereits aus seinem festen Griff der letzten Nacht befreit.

Es geht wieder nach oben, schwierigere Stiege warten auf uns. Da wir keine geübten Kletterer sind, machen wir die mangelnden Technikkenntnisse mit Kraft wett. Langsam zeigt sich der Schlafmangel der vergangenen Nacht – wir hatten Timo abgeholt und den Abend bei Freunden und gutem Essen verbracht. Danach folgte eine waghalsige Autofahrt durch die wilde Nacht der Lozère.
Wir sind jedoch vorbereitet. Zurücklehnen, das Gewicht in den Gurt legen und mit den Füßen an der Wand abstützen, dann bleiben die Hände auch für wichtige Dinge frei. Schokoladenkekse zum Beispiel.

Der nächste Abschnitt wird eine Herausforderung: Ich muss mich um eine Ecke winden, ohne mögliche Griffpunkte zu sehen und zu wissen, wohin ich mich bewegen kann. In der Tiefe unter mir pulsiert der Fluss schon beinahe freundlich. Als wollte er mir sagen: Lass dich fallen, Freund. Ich fange dich sanft.
Ich traue ihm nicht und bahne mir den Weg um den schwierigen Steinvorsprung.

Dann eine letzte Etappe über zwei Seilbrücken. Als ich sie überquere, windet sich der Stahl wie ein tollwütiges Tier unter mir.
Schließlich das kleine kinderzimmergroße Plateau, unser heutiges Tagesziel. Ich nehme meinen Helm ab und ziehe den verschwitzten Pullover aus. Was für eine Tour, viel anstrengender und spannender als ich dachte!
Plötzlich ein Schrei.

Hinter mir mache ich Steven auf einer Seilbrücke aus, seine knallrote Jacke ist klar zu erkennen. Der Draht unter seinen Füßen schwingt bedrohlich, windet sich um fast einen halben Meter in alle Richtungen.
Steven hält sich mit beiden Händen am Seil fest. Sein Griff ist so stark, dass sich seine Finger langsam weiß färben. Aus seinem Gesicht weicht jegliche Farbe. Etwas anderes rückt an dessen Stelle: Pure Angst.
Ein kleiner Spaß unseres Guides Fabien. Er steht hinter Steven auf der Seilbrücke und bringt sie zum Wackeln. Was dieser nicht weiß: Steven ist Höhe nicht sonderlich zugeneigt.

Nach diesem unangenehmen Moment der Panik und vielen Schimpfwörtern, treffen wir alle auf dem Vorsprung zusammen, der das Ende unserer Tour auf der Via Ferrata de Rousses darstellt. Zu unseren Füßen liegt die wunderschöne Landschaft der Lozère, ein Gemisch aus rauen Felsen, wilden Flüssen und dunklen Wäldern, die so manche Geschichte bergen.

“Wie fühlst du dich jetzt?”, frage ich Steven. “Nachdem du dich deiner Angst gestellt und sie während der Klettertour überwunden hast. Du musst dich wie ein Held fühlen!”
“Ich fühle mich scheiße”, sagt er mit einem müden Lächeln.
Ich muss lachen. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter und denke an das, was er geleistet hat. An die Überwindung, die es ihn gekostet hat.
Ich denke auch an den Spaß, den ich hatte, mit den Füßen über dem Abgrund. Den Händen am nassen Eisen des Klettersteigs, unsicher, ob der nächste Griff mich halten wird.
Es war eine Tour, die durch die ungezämte Umgebung der Lozère zu einem richtigen Abenteuer wurde.

Zusammen mit Steven vom Funkloch, Timo von Bruder Leichtfuß und Marco von Life is a trip war ich in Frankreichs wildem Winkel, dem Département Lozère unterwegs. Auch die anderen Jungs haben über ihre Erfahrungen geschrieben – klick einfach auf ihre Namen, um zu ihren spannenden Geschichten zu gelangen. Mit dem Hashtag #francenature findest du auf Twitter und Instagram weitere Eindrücke unserer Reise.
Vielen Dank an Monika von Atout France und Inger von Lozère Tourismus für die Organisation und die Unterstützung unseres Abenteuers!

Im Rausch des Übermuts: Canyoning im Chassezac

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Steven beim Canyoning im Chassezac, Frankreich

Steven im Canyon des Chassezac in der Lozère, Frankreich

Ich traue meinen Augen nicht. Was tue ich hier? Was ist bloß mit meiner Vernunft geschehen? Ich sitze auf einem Felsen im Canyon des Chassezac in der Lozère in Frankreich. Auf meinen Rücken prescht das kalte Nass mit einem Druck von mehr als 640 Liter pro Sekunde. Ich bin kurz davor zu springen.

Alle erdenklichen Ängste schießen mir durch den Kopf.

Ich habe Angst, stecken zu bleiben, vom Druck der Wassermassen erdrückt zu werden. Ich habe Angst, mich in der Tiefe der Felsspalten zu verkanten und zu ertrinken. Ich habe Angst, loszulassen und einfach in den Siphon hineinzugleiten. Ich mag die Dunkelheit nicht. Ich mag es nicht, unter Wasser zu sein und nicht atmen zu können. Aber vor allem mag ich die Ungewissheit nicht. Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht und sich gerne in positiven Erfahrungen wiegt.

Doch dieser Tag im Canyon hat etwas mit mir angestellt, wovon ich vorher nicht träumen mochte. Der schmale William und ich sind über acht Stunden im Rausch des Übermuts durch den Chassezac gezottelt. Mal über Felsen, mal unter den Felsen hindurch. Ein anderes Mal im Wasser oder mal unter Wasser. Jedoch immer stromabwärts und immer auf der Jagd nach einem noch größeren Adrenalinkick.

Dieses Hindernis sollte mir alles abverlangen. Natürlich gäbe es auch einen anderen Weg, ganz ohne Siphon. Doch William meint, dass es nach diesem Tag kein zurück mehr gäbe. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, hole Luft für mehrere Minuten, zähle langsam von drei zurück und lasse mich letztendlich vom Druck der Wassermassen getragen in das dunkle Loch gleiten. Etwa drei Meter falle ich in die Tiefe, ehe ich in einem Wasserloch gebremst werde, nach wenigen Sekunden tauche ich in einer kleinen Grotte nach Luft japsend auf. Ein schmaler Lichtschimmer weist mir den Weg. Meine Hände zittern. Doch dieses Mal liegt es nicht an der kalten Wassertemperatur. Es ist die Aufregung gepaart mit Erleichterung.

Noch zwei Stunden nach der Challenge zittern meine Hände. Und das, obwohl ich die Sicherheit hatte, dass William mich natürlich nicht in ein unerforschtes Loch hätte springen lassen. Denn Sicherheit steht genauso wie bei mir, auch bei ihm und seinem Arbeitgeber Grandeur Nature an erster Stelle.

Steven war in Kooperation mit Lozère Tourismus in Frankreich unterwegs, um Abenteuer zu erleben. Vor Ort war er nicht nur im Canyon unterwegs, er hat auch tolle Menschen getroffen, sich mit ihnen über die Balance zwischen Leben, Arbeit und Natur unterhalten und die Region mit dem E‐Bike entdeckt.