Kaffeeersatz

Buchrezension: The Travel Episodes – Neue Reisegeschichten von allen Enden der Welt

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The Travel Episodes Buchcover

von Oli.

Meine welterste Buchrezension. Dementsprechend gebe ich mir auch besonders viel Mühe. «The Travel Episodes – Neue Reisegeschichten von allen Enden der Welt» ist der dritte Teil der Buchreihe und eine Matrjoschka-Puppe aus einzigartigen Erlebnissen, lebensverändernden Aha-Momenten, wunderbaren Banalitäten und Skurrilitäten. Ich habe das Buch gelesen und danach direkt meinen Reiserucksack gepackt. Einziger Grund, weshalb ich noch nicht unterwegs bin: Ich schreibe diese Rezension. Lass uns die Reise beginnen!

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Im Sandmeer des Dschingis Khan

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Ich mag unseren namenlosen Fahrer.
Er ist freundlich, jung und motiviert und er mag mongolischen R’n’B. Das allein wären schon drei gute Gründe, mein Leben in seine Hände zu legen und ihm während der nächsten Tage in der Wüste blind zu vertrauen.
Dann das Totschlagargument: Er hat einen Toyota Jeep mit gefälschten Louis Vuitton Sitzbezügen.

Was ich nicht mag ist, dass er unsere Route in die Gobi noch nie zuvor gefahren ist. Und sein dunkelblaues Basecap, auf dem in goldenen Lettern World War II Veteran geschrieben steht. Das nehme ich ihm nicht sonderlich übel, denn er spricht kein Wort Englisch, nicht einmal Okay versteht er. Er ist ein guter Kerl, sehr höflich. Manchmal fährt er sogar so, dass wir nicht mit unseren Köpfen an die Decke des Jeeps stoßen. Es ist wichtig, in der Wüste eine Vertrauensperson zu haben. Das ist mir leider erst aufgefallen, als er vierundzwanzig Autostunden von jeglicher Zivilisation entfernt plötzlich anhält und aus dem Wagen springt.

Wir betreten das Café, in dem es nichts gibt außer salziger Pferdemilch und Teigtaschen, um mit unserem zukünftigen Fahrer über eine Tour zu verhandeln. Auf unserer Seite feilschen Tom, der amerikanische Mittfünfzigerhippie und ich. Uns begleiten seine irritiert dreinschauende Frau Donna, der schelmisch grinsende Paderborner René und der Franzose Hugo, der seinen Beitrag leistet, indem er geistesabwesend in seinem Becher Pferdemilch herumrührt.

Uns gegenüber sitzen fünf Mongolen: Der Fahrer samt Frau, die Herbergsmutti und zwei Männer, die stolz ihre T‐Shirts hochgekrempelt haben, um uns ihre dicken Bäuche zeigen zu können – ein asiatisches Phänomen, dessen Ursprung und Bedeutung ich leider noch nicht wissenschaftlich erklären kann.

Unsere Verhandlung hat im wahrsten Sinne des Wortes Hand und Fuß und nach einer geschlagenen Stunde sind wir nicht mehr sicher, ob wir hier schon den Preis drücken oder im Prinzip niemand weiß, wo wir eigentlich hin wollen. Ich hole Papier und Stift und zeichne einen Bilderbuchvertrag ohne Kleingedrucktes, den alle Mongolen abnicken. Rucksäcke fliegen auf das Dach des Jeeps, das Wüstenabenteuer kann beginnen! Dicke Reifen rollen über den Asphalt und schaukeln mich mit sanftem Brummen in eine Trance, bis die Straße zu einem staubigen Pfad ins Nirgendwo wird.

Nun sitzen wir hier in der Wüste. Der namenlose Mann am Steuer hat angehalten, er weiß nicht mehr weiter. Er hüpft aus dem Jeep, läuft einmal um das Auto herum, schaut irritiert und kratzt sich den Hinterkopf. Er hat keine Ahnung, wohin es geht. Sein Kompass über dem Rückspiegel hilft ihm nicht weiter und seine weißen Gäste sowieso nicht.

Das ist nicht das Ende, denke ich mir.

Wir haben genug Wasser für fünf Tage Wüstenhitze, nur die Nerven werden wahrscheinlich eher aufgeben. Viel eher.

Während ich hunderte Arten in der Wüste zu Sterben sehr detailliert in meinem Kopf durchgehe, brausen drei russische Minibusse heran. Mit einer Vollbremsung halten sie direkt neben unserem Jeep und aus der Staubwolke erscheinen vierundzwanzig Pfadfinder, die froh über ihre unverhoffte Pause sind und sechs sehr beschwipste mongolische Fahrer.

Die Chauffeure der Russenbusse löten sich im Schatten unseres Gefährts mit Starkbier aus Zweiliterflaschen zu, indessen poliert unser Fahrer die Motorhaube, bevor wir wieder drei Stunden durch die staubige Landschaft kacheln. Seelenruhig, denn er hat bereits nach dem Weg gefragt.

Wir brettern durch die Landschaft, doch die Szenerie zieht nur langsam an uns vorbei, Kamelherden bewegen sich in Zeitlupe. Endlich kommen wir vor unserem Zelt an, die Tür steht weit offen, wir werden freundlich begrüßt. Mittlerweile ist es spät, die Sonne geht unter, es wird Zeit für uns, sich in das Zelt zu legen. Über den Betten grinst Dschingis Khan auf uns herab, mit einem blutrünstigen Lächeln und wünscht mir süße Träume.
Oder dass ich schnell verrecke, so ganz genau lässt sich das nicht feststellen.

Hugo zaubert eine Flasche Dschingis Khan Vodka hervor und weiß sie zu teilen. Ich kann Toast und Schwartau‐Marmelade beisteuern und kontroverse Themen, wie zum Beispiel: Was schmeckt besser zum Frühstück – salzige Pferdemilch oder vergorene Pferdemilch? Dann sinke ich nach etwas Kamele zählen in den Schlaf.

Etwas reißt mich aus meinem Traum. Es sind nicht die behaarten Riesenspinnen, die auf meiner Bettdecke Tango tanzen oder der mongolische Todeswurm, von dem jeder Schamane redet oder die weiße Katze, die den restlichen Vodka aus Blechbechern nippt. Es ist schlicht und einfach die Arschkälte. Tagsüber versengt mir die Gobisonne meine weiße Haut und jetzt wecken mich die Minusgrade.

Die Uhr sagt kurz vor fünf, Zeit zum Aufstehen. Wir fahren eine Weile durch die Nacht, im Scheinwerferlicht erscheinen Hasen, Schlangen und ein kleiner Wüstenfuchs.

Meine Schuhe berühren den Sand, als ich aus dem Auto steige. Da sind sie nun, die Singenden Dünen. Ein schmaler Streifen körnige Landschaft, der erklommen werden will, bevor die Sonne aufgeht. Während wir hinaufsteigen reden wir nicht, nur der amerikanische Hippie gibt mir einen Ratschlag: „Scorpions are real.“
Ich arbeite mich keuchend hinauf und versuche herauszufinden, was die Singenden Dünen eigentlich singen. Ich höre genau hin. Mist. Es ist die gleiche mongolische Musik, die unser Fahrer während der letzten Stunden in Dauerschleife abgespielt hat. Auf seinem USB‐Stick sind genau vierzig Lieder und jetzt kenne ich sie alle. Auswendig. Das kann doch nicht alles sein!

Weiter hinauf – zwei Schritte voraus, anderthalb Schritte zurück. Die Sonne wird bald aufgehen und ich habe den Sand unterschätzt. Zähne zusammenbeißen. Ein halb abgenagtes Kamelskelett versperrt mir den Weg. Ein gestrandetes Wüstenschiff zwischen den Dünen des Sandmeeres von Dschingis Khan.
Endlich erreiche ich die Spitze. Ich setze mich in das körnige Gelb und nehme einen tiefen Atemzug. Es ist noch immer kühl, ich trage drei Schichten Kleidung.

Für einen kurzen Moment stoppt der Wind und über dem ganzen Land liegt Schweigen. Dann bricht ein erster Sonnenstrahl die Stille und ein rotgelber Feuerball kämpft sich über den verdorrten Bergkamm. Der Sand unter meinen Zehen und Fingern wird lebendig, er verändert seine Farbe, wird angenehm warm. Das dunkelblaue Nachtkleid der Dünen wird von einem Meer aus Gold überschwemmt.

Langsam beginnt die Ebene um mich herum aufzuwachen. Geier kreisen, Wüstenmäuse suchen sich ihr Versteck für den Tag, die Tierwelt hat Schichtwechsel. Ich sitze mitten in einer Szene, die wie ein Windows Bildschirmhintergrund aussieht. Vor mir die Graslandschaft, weite Steppe und Kamelherden. Hinter mir Sanddünen und rot brennende Berge. Endlich kann ich es hören, das Lied der Singenden Dünen. Sie singen nicht, sie dröhnen wie Wale. Ein tiefer Singsang, so alt wie die Welt, mit einer Nachricht, die leicht zu verstehen ist: Die Welt ist alt, sehr alt und du bist nur ein kleiner Teil davon.

Die Mongolei ist der erste Stopp meiner Reise durch Asien. Im Badehaus in Korea habe ich mir den Sand der Wüste wieder abgewaschen.