Kaffeeersatz

Der Fuchs plant nichts Gutes

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Die Gemütslage des Mannes wechselt von Zorn zu purer Wut. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, Hass erobert jeden Winkel seines unrasierten Gesichts. Ich kann spüren, wie er vor meinen Füßen ausspucken will. Er gestikuliert und tobt und findet kein Ende.
Ich schaue auf die Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis das Flugzeug abhebt.
„Ihr kommt hier nicht mehr weg“, sagt er grimmig.

Zwei Freunde, ein Auto, eine Woche Norwegen. Kann eine Reisegeschichte bessere Voraussetzungen haben? Das Autoradio untermalt die atemberaubende Fjordlandschaft, die an uns vorbeizieht. Wolken verhängen den Himmel, was den Bergen und Wasserfällen am Straßenrand noch mehr Charakter verleiht. Wir sind auf dem Weg zu einem Kleinflughafen, um nach unserem bisherigen Roadtrip mit Abenteuern in Trondheim, einer Gletscherwanderung am Sognefjord und einer Mountainbiketour am Nordfjord mit einer Propellermaschine nach Bergen zu reisen.

„Halt an“, sagt Stefan. „Ich hab gerade was gesehen, kannst du nochmal zurückfahren?“ Die Uhrzeit gibt den Ton an. Unser Flugzeug wird in fünfundvierzig Minuten abheben.
„Nur kurz“, sagt Stefan. „Da waren so merkwürdige Käfige.“
Ich wende und biege von der Küstenstraße in einen kleinen Feldweg ein, der steil bergauf führt. An einer Kurve wird er von einem großen Tor mit angrenzendem Zaun flankiert. Wir halten an und steigen aus, Stefan schnappt sich die Kamera.

Weit kann er durch den Zaun nicht sehen, doch eines ist klar zu erkennen: Es sind weiße Füchse.
„Was soll das sein?“, frage ich ihn.
„Eine Fuchsfarm“, antwortet Stefan. „Sie züchten die Tiere, um ihnen anschließend das Fell über die Ohren zu ziehen.“
Stefan versucht so gut wie möglich durch den Zaun zu fotografieren und diese skurrilen Installationen festzuhalten. Ein merkwürdiger Ort. Schwere Schlösser hängen am Tor, Stacheldraht wurde über dem Zaun installiert. Noch nie zuvor habe ich eine so stark gesicherte Farm gesehen.
Hinter der Umzäunung stauen sich dutzende Käfige, stapeln sich Zwinger, verschwimmen Maschen und Gitter miteinander.
Es ist totenstill. Ab und zu weht ein strenger Geruch zu uns herüber.

Das Geräusch eines Automotors zerreißt die Ruhe. Vom oberen Hang aus rauscht ein alter rostiger Geländewagen auf uns zu und stellt sich mit durchdrehenden Reifen quer vor unseren Wagen. In die Staubwolke des aufgewirbelten Drecks gehüllt, steigt der Fahrer aus dem Auto und geht mit großen Schritten auf uns zu. Er brüllt etwas auf Norwegisch und obwohl wir nur Sprachfetzen verstehen, wird uns klar: Der Grund für seine schlechte Laune sind wir.

„Fucking Peta motherfuckers!“, ruft er. „Was habt ihr hier zu suchen?
Wir erklären ihm, dass wir wegen der merkwürdig aussehenden Käfige angehalten hätten. „Das ist Privatbesitz. Ihr scheiß Journalisten wollt mich ans Messer liefern. Fucking Peta. Aber nicht mit mir, ich ruf die Cops. Ihr kommt hier nicht mehr weg.“
Sein norwegischer Akzent klingt in seiner englischen Tirade mit. Journalistenpack wie wir würden Züchter wie ihn in den Ruin treiben. Über 300 weitere Züchter gäbe es in Norwegen. Er würde mit seiner Farm nichts Illegales tun.
Trotz der Situation werden wir wieder neugierig.
„Welche Tiere züchten sie denn hier?“, fragt Stefan.
„Das geht euch nichts an, motherfuckers“, erwidert er.
Dass wir keine Journalisten sind, kauft er uns nicht ab, schließlich hätten wir eine Spiegelreflexkamera dabei.

Für eine Lagebesprechung wechseln Stefan und ich ins Deutsche.
„Was machen wir jetzt? Unser Flieger geht in ein paar Minuten.“
„Wir sollten einfach abhauen, er kann uns hier nicht festhalten“, meint Stefan.
„Ich kann euch verstehen“, unterbricht uns der Mann plötzlich in holprigem Deutsch.
Das ist schlecht.
„Die Polizei ist gleich hier. Kommt nicht auf die Idee, abzuhauen. Ich sorg dafür, dass ihr hier nicht mehr wegkommt.“
Wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, brettert ein zweiter Wagen von oberhalb der Straße am Hang auf uns zu. Vor uns zum Stehen gekommen, springen zwei Männer wie das A‐Team aus dem Transporter. Feldarbeiter, so hoch wie breit, wettergegerbt, stoppelbärtig, böse Blicke.

Eine friedliche Lösung verschwindet in weiter Ferne. Wer weiß, wann die Polizei endlich kommt und diesem Unfug ein Ende macht? Bis dahin könnte es längst zu spät sein. Ich sehe mich nach einem Hilfsmittel um, falls die Situation eskaliert, schließlich sind sie in der Überzahl.

Soweit kommt es zum Glück nicht, denn endlich kommt der Vovlo der norwegischen Gesetzeshüter in Sicht. Der Züchter schickt die Gastarbeiter mit hektischen Handbewegungen fort. Die Polizisten, die wie 16‐jährige aussehen, machen sich ein Bild von der Situation und kommen etwas abseits mit uns ins Gespräch.
Sie hätten jede Woche Probleme mit dem Züchter, sagen sie. Immer wieder würden Journalisten Fotos von den Käfigen machen oder Aktivisten das Gelände ausspionieren. Sie würden die Aufregung um dieses Geschäft verstehen, hätten aber keine rechtliche Handhabe, da diese Zucht nicht verboten sei.
Unsere Personalien werden aufgenommen. Wir seien nun in Norwegen polizeilich erfasst und sollten uns melden, wenn wir das Land verließen. Außerdem müssten wir die Fotos löschen. Stefan drückt die Knöpfe auf dem Gerät, während ihm der Polizist über die Schulter schaut.

Als wir nach einem Endspurt zehn Minuten später im Propellerflugzeug sitzen, bricht Stefan unser Schweigen.
„Was zum Henker war das gerade?“
„Frag mich was Leichteres. Schade nur, dass wir die Fotos löschen mussten“, finde ich. „Das bleibt unter uns, oder?“, fragt er.
„Das bleibt erstmal unter uns“, bestätige ich und beginne, diese Zeilen zu schreiben.

Hat dir die Geschichte gefallen und warst du auch schon einmal in Norwegen? Erzähl mir von deinen Erlebnissen in den Kommentaren!

Warum Bergen eure Gedanken beflügelt

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Eine Reise in Kooperation mit Visit Norway, Northern Lights und der Flugesellschaft Widerøe.

Auf Einladung.

Alternative Titel für diesen Artikel:
„Eine Stadt in den Bergen“
„Wenn man keine Berge(n) besteigen möchte“ „Das Gebergen‐Gebirge wird geboren“
„Wir wollten Berge(n) bezwingen!“

…allesamt Schenkelklopfer meiner Oma. Dann mal los:

Der Straßenmusiker klappte seinen Gitarrenkoffer mit den hart erspielten Münzen zu. Das Publikum applaudierte. Er ging auf die Yacht, die hinter ihm im Hafen ruhte, und ließ sich vom Butler einen Champagner eingießen.

Ich beobachtete die Szenerie, während Oli und ich unser mühsam erarbeitetes Geld gegen eine Pizza und zwei Bier bei Peppes Pizza eingetauscht hatten. In Ländern wie Mexiko hätte ich dem Kellner einen Zehner dafür gegeben. Damit hätte ich Tischrechnung und Trinkgeld beglichen. Jedoch waren wir in Bergen. Noch dazu speisten wir am traditionellen Hafen dieser norwegischen Stadt. Dem ehemaligen Handelsknotenpunkt der Hanseaten. Wir zückten unsere Kreditkarten.

Ich gebe zu, mit Städten habe ich es nicht so. Berge, Wälder, hin und wieder auch das Meer ‐ das sind meine essenziellen Elemente einer Reise. Städte fallen durch das Sieb. Ein interessanter Punkt im Hintergrund der Tatsache, dass ich aus Berlin komme. Eine Kleinstadt in der Nähe von Potsdam. Dies macht diese Ansicht unglaubwürdig und verständlich zugleich. Ein unglaubwürdiges Verständnis der Dinge. Könnte eine Headline sein. Städte, egal wie groß, lassen mich wie eine Maus durch die Straßen rennen. Ähnlich der Maus aus einer Erzählung von Kavka. Sie beschreibt die erdrückenden, riesigen Wände, die immer näher zu scheinen kommen, bis sie sich letztendlich umdreht und von der Hauskatze verspeist wird. Sie war ein Opfer der Leichtgläubigkeit. Jetzt dient Kavkas Werk als Türstopper meiner Zimmertür aus.
Die praktische Seite der Literatur.

Wie die Maus ergeht es mir, wenn ich durch Städte schlendere. Kommen noch viele Gassen hinzu, wird es kuschelig. Und in Bergen gibt es viele Gassen. Es sind aber nicht diese unangenehmen kleinen Gassen wie in Venedig oder Amsterdam. Vielmehr geben sie ein „Huch, ein Hinterhof“‐Gefühl. Liebevoll gestaltet und beruhigend, weil menschenleer. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich in der Nacht die Junks derbe zuknallen und die Gassen für sich beanspruchen. Dadurch legen sie einen Schatten auf die Bezeichnung Gassen. Wenn dem so ist, würde ich es gerne mit meinen eigenen Augen sehen. Es könnte aber auch reine Spekulation sein.

Bergen ist ein sehr guter Anwärter für die Kategorie „Städte, in denen ich leben möchte“. Das Gesamtbild wirkt so unglaublich harmonisch. Die schicken kleinen Häuser, die Straßen aus Kopfsteinpflaster, die kleinen kreativen Läden, diese Individualität ‐ es wirkt alles so ehrlich und verständnisvoll. So wie überall in Norwegen.

Dass Norwegen verständnisvoll ist, erkennt man an den Reaktionen der Tragödie vom 22. Juli 2011. Die Welt berichtete. In den ersten drei Tagen nach dem schrecklichen Ereignis zeigte der Ministerpräsident in erster Linie Menschlichkeit. Er forderte die Norweger auf zu trauern und zeigte ihnen selbst, wie Trauer ausgedrückt werden kann. Er weinte vor laufender Kamera. Sein Kopf lief rot an. Danach nahm er sich für jeden Angehörigen der Opfer persönlich Zeit, um mit ihnen zu reden. Er unternahm nicht eine übereilte politische Handlung. Es wurden keine neuen Gesetze geschmiedet. Politisch gesehen hat sich nichts geändert. Was jedoch von großer Kraft zeugte: Weltweit zeigte diese politische Führung, dass ein Volk in schwierigen Zeiten nichts anderes braucht als Menschlichkeit und Zuneigung.
Ich erinnere mich an einem Satz, den unser Guide in Sogndal zum Thema gesagt hat. Er hat sich vorsichtig ausgedrückt, damit wir ihn nicht falsch verstehen: „Wir können von Glück reden, dass diese schreckliche Tat von einem Norweger vollzogen wurde.“ In Norwegen leben 12 % Einwanderer.

Au ha, jetzt habe ich aber weit ausgeholt. Wie schaffe ich nur die Brücke zurück nach Bergen? Genau. Als ich im Café Aura saß und das Treiben beobachtete, fielen mir vielmehr die Touristen, als die Einwanderer auf (Oh well, dieser Übergang war flach). Das Café Aura ist jedenfalls ein super Spot, um das Treiben beobachten zu können. Außerdem bieten die jungen Inhaber so leckeren Kuchen an, dass ich kurzerhand vergessen konnte, dass mir von Kuchen eigentlich schlecht wird. Naja, bis mir dann wieder schlecht wurde. Was aber immer wieder sehenswert ist: Die unglaublich schönen Frauen.
Das ist kein Vorurteil.
Das ist Tatsache.
Das Leben fühlt sich gut an, wenn der Großteil der weiblichen Bevölkerung problemlos mit der neuen Generation von Model verglichen werden können. Nicht diese Bohnenstangen, sondern natürliche Schönheiten. Sicherlich denkt die andere Seite ebenso über die Männerwelt in Norwegen. Bergens Schönheit zeigt sich also nicht nur in der typisch norwegischen Holzhausarchitektur.

hihi…

Diese ist übrigens im Stadtteil Bryggen, dem Kai, besonders ansehnlich. Der komplette Hafen besteht aus Holzhäusern. Sie dienten als Kontore ehemaliger Hanseaten. So viel Holz lässt das Feuer im Pyromanen entfachen. 1702 brannte ein großer Teil nieder, wurde jedoch 1965 originalgetreu nachgebaut. Da ließ sich jemand Zeit.

Eher prachtvoll als funktionell sind hingegen die massiven Bauwerke. Ist auch eine schwierige Angelegenheit aus Holz ein prachtvolles Haus zu schnitzen. Speziell die Kunstmuseen Kode 1‐ 4, die in vier Bauwerke und vier Themen aufgeteilt sind, haben meine Fantasie beflügelt. Endlich wieder klassische Kunst. Ich bin ja nicht der gebildete Kunsthistoriker und die Grenzen in Sachen Museumskunst sind bei mir recht klein gehalten. Aber gerade deswegen genoss ich es regelrecht, in ein klassisches Gemälde einzutauchen. Gerade weil ich in Berlin permanent mit dieser fragwürdigen Hipsterkunst konfrontiert werde, über die sich die Betrachter stundenlang austauschen. In einer Ausstellung vor einigen Jahren sah ich nur einen zusammengefegten Laubhaufen mit einem von der Decke hängendes Ahornblatt. In einem sonst leeren Raum. Ich weiß manchmal nicht, ob sich die Dinge dadurch in eine falsche Richtung bewegen und wir unsere Sicht auf Kunst verlieren. Die jungen Kreativen sollten der Tradition und Klassik eine Chance geben und sich nicht von der Moderne blenden lassen. Schließlich kommt die neue hektische Kreativität ursprünglich von den großen Künstlern früherer Epochen. Ach, ich weiß auch nicht.

Was das mit Bergen zu tun hat? Denke ich an Bergen zurück, hat sich ein Stadtteil besonders festgesetzt. Blöderweise habe ich den Namen nicht herausbekommen. Eine eigene kleine Welt auf einem Hang, die vom Hafen aus am Ende der Straße Vetrlidsallmenningen zu erreichen ist. Ich sehe junge Erwachsene, die sich ihre Zukunft in den Bars und Cafés wie Legosteine aufbauen. Sie lachen, sie erschaffen, sie träumen. Zwischen weißen Holzhäusern, die keine 1,5 Meter auseinanderstehen sitzt sie, die Zukunft Bergens, die Zukunft Norwegens. Zwischen Häusern, die so kleine Wohnungen in sich tragen, dass sie nicht mehr klein, sondern gemütlich sind. Gemütlichkeit, das ist es, was ich in Bergen gefunden habe. Eine Stadt mit Gemütlichkeit. Und welche Stadt kann das schon von sich behaupten?

Willst du mehr über Norwegen erfahren? Super! Dann verfolge einfach unsere nächsten Beiträge. Hier kommst du zu unserer vorherigen Etappen: Sogndal und Trondheim.

In Zusammenarbeit mit Visit Norway, Northern Lights und der Flugesellschaft Widerøe sind wir eine Woche durch Norwegen geflogen und haben bemerkenswerte Orte entdeckt.

Von gestrandeten Ziegen und Eskimorollen

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Auf Einladung.

Es gibt 53 verschiedene Arten von Eskimorollen. Ich beherrsche nicht eine davon. Stefan auch nicht. Kein Problem! Unser Guide Sander zeigt sie uns. Das Wasser im Sognefjord ist immerhin noch angenehme 11 Grad warm. Sander ist sich nicht mehr ganz sicher, ob er die Rolle noch drauf hat. Aber das ist kein Problem, sagt er.
Im Notfall müssten wir halt hinterherspringen.

Wir sind gerade erst ins Kajak gestiegen. Vor uns liegt eine Tour durch Sogndal und Umgebung. Stefan werkelt gerade noch an der Steuerung herum und ich schaue mir die Landschaft genauer an. Plötzlich taucht vor uns eine Flosse auf. Ein Delfin? So ein Scheiß, denke ich mir. Delfine im Sognefjord in Norwegen, alles klar. Sander meint, wir sehen gerade den kleinsten Wal der Welt. Einen Wal? Ich habe in freier Natur zwar noch nie Wale gesehen, aber dieser erscheint mir doch sehr klein. Der Zwergwal wird nur höchstens einen Meter fünfzig groß, bringt dafür aber 100 Kilo auf die Waage. Ein kleiner Fetter also. Von dieser Begegnung waren wir so überrascht, dass wir ihn nicht einmal vor die Linse bekommen haben.

Nun sind wir gespannt, was es sonst noch zu sehen gibt. Sander hält an der nächsten Insel. Während wir noch anlegen, kommt schon eine kleine Herde Ziegen auf uns zu. Sie werden hier auf der Insel mitten im Fjord gehalten ‐ so muss der Bauer keine Zäune bauen. Da die Tiere nicht schwimmen können, fliehen sie nicht. Sander hat Brot zum Füttern mitgenommen. Und so sitzen wir drei Männer in unseren Kajaks und füttern die auf der Insel gestrandeten Ziegen.

Langsam bekommen auch wir Hunger. Nachdem wir dem Flusslauf noch eine Weile gefolgt sind, legen wir an einer kleinen Halbinsel an. Dort machen wir unsere Pause, mitten in der Idylle von Sogndals wilder Landschaft. Sander lädt uns auf Apfelsaft und Nüsse ein, beides aus der Region. Was für ein Genuss! Nebenbei schwärmt er von Sogndal. Unsere Augen werden dabei auch immer größer. Vor uns liegt ein wahres Outdoormekka. Wassersport, Bergsport, alles möglich. Stefan schielt schon zu den Kletterfelsen hinüber, von denen Sander nur in den höchsten Tönen redet. Die Berge wollen wir am nächsten Tag bei einer Trekkingtour erkunden.

Nach der Kajaktour und einer Stärkung wollen wir noch ein paar Biere einkaufen gehen. Wir sind in der Sogndal Lodge untergebracht. Dort werden abends noch weitere Gäste erwartet und wir möchten sie mit einem Umtrunk begrüßen. Mittlerweile ist es kurz vor 22 Uhr und wir haben keine große Hoffnung, noch eine geöffnete Kaufhalle zu finden. Doch dann wird Stefan fündig. Die Szene im Supermarkt spielte sich ungefähr folgendermaßen ab:

Geil, der Laden hat noch bis elf geöffnet! Ha! Tolles Land!

Wir stürmen zu den Kühlschränken, greifen uns Bier, laufen zur Kasse. Ein freundliches Lächeln auf dem hübschen Gesicht der Kassiererin. Das freundliche Lächeln teilt uns mit, dass hier leider kein Bier nach acht Uhr abends verkauft wird.

Ach komm schon! Ja, das hatten wir schon wieder vergessen. Ganz im Ernst, mit diesem Land stimmt doch was nicht!

Später sagen uns die neuen norwegischen Gäste in der Lodge, dass es so etwas früher nicht gegeben hätte. Da hätten wir zu keiner Zeit Alkohol bekommen!

Sander führt uns durch die Lodge ‐ er ist nicht nur Guide, sondern auch Miteigentümer des Hauses.Wir finden die Hütte großartig. Sie bietet Unmengen an Platz und ist mit viel Liebe zu Details eingerichtet. Dazu gehören persönliche Erbstücke wie alte Skier und ein riesengroßer selbstgebauter Holztisch, der das Zentrum des Aufenthaltsraumes bildet.

Nach einer guten, aber kurzen Nacht in der Sogndal Lodge wartet schon eine Trekkingtour auf dem Blue Ice Glacier auf uns. Er hört auch auf den Namen Nigardsbreen und liegt im Nationalpark von Jostedalen. Wir erreichen den Fuß des Berges mit dem Boot. Der See hat sich durch die Bewegung des Gletschers gebildet, denn jedes Jahr zieht sich die kalte Masse um einen Meter mehr zurück. Unser Guide begrüßt uns in einem provisorischen Unterstand, gibt uns Steigeisen und los geht’s. Obwohl wir auf jeden unserer Schritten achten müssen, können wir unsere Augen nicht vom Eis lassen. Die Farbe und das Geräusch, das die Steigeisen erzeugen, sind so faszinierend ‐ wir müssen stehenbleiben, um es zu begreifen.

Willst du mehr über Norwegen erfahren? Super! Dann verfolge einfach unsere nächsten Beiträge. Hier kommst du zu unserer vorherigen Etappe: Nordfjord. Unser nächster Stopp: Bergen.

In Zusammenarbeit mit Visit Norway, Northern Lights und der Flugesellschaft Widerøe sind wir eine Woche durch Norwegen geflogen und haben atemberaubende Orte entdeckt.

Am Ende des Nordfjords

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Auf Einladung.

Mein Norwegen ist Stein und Wasser.

Am hintersten Zipfel des Nordfjords gibt es von beidem gleichermaßen viel. Hier stürzen schroffe Berge fast senkrecht ins Wasser. Stefan und ich sitzen in einem kleinen urigen Café, dem Kjenndalstova. Die unruhigen Wassermassen vor dem Fenster sind kurz davor, den kleinen Bootsanlegesteg zu verschlingen. Wir sind nach einer langen wilden Fahrt am letzten Ende des Lovatnet Sees angekommen. Weiter traut sich das salzige Meereswasser nicht ins Landesinnere.

Ursprünglich wollten wir um diese Zeit schon in 1000 Meter Höhe auf dem Gipfel des Mt. Hoven sitzen und uns an die Klettertour auf der Via Ferrata zurückerinnern. Und jodeln. Doch es kam etwas anders.

Nach einer kurzen Nacht sitzen wir am Frühstückstisch des Hotels Alexandra in Loen. Viel Russencharme, viel Gold. Reich gedecktes Büffet.
Augenringe.
Stefan freut sich wie wild auf die geplante Klettertour auf Loens Hausberg, direkt hinter dem Hotel. Nachdem wir unsere Bäuche gefüllt haben, treffen wir unseren Guide und gehen vor die Tür. Er ist nicht sehr erfreut, denn er hat bereits den Wetterbericht studiert.

„Soll schütten heute“, sage ich.

„Ja, es könnte eventuell leichten Regen geben.“

In diesem Moment gibt die graue Wolkendecke ihr Geheimnis preis und wir lernen den norwegischen Bruder des Monsuns kennen. Klettern wäre jetzt zu gefährlich. Okay, Planänderung: Was können wir tun?
Faulenzen? Sicher nicht!
Bootstour? Im Regen sicher langweilig.
Fahrradtour? In strömendem Regen? Sicher!
Der Guide schaut uns verwirrt an. Ja, wir meinen es ernst.
10 Minuten später sitzen wir auf unseren Rädern.

Die Ortschaft ist schnell durchquert. Der dunkelgraue Asphalt schlängelt sich durch saftige Wiesen an einer kleinen weißen Kirche vorbei, bis er Loen gänzlich verlässt. Während wir auf den Mountainbikes die Landstraße entlang fahren, werden wir von der außerirdisch anmutenden Szenerie überwältigt. Ich neige zu Übertreibungen, doch diese Landschaft ist die Schönste, die ich je gesehen habe. Sie ist magisch. Graue Wolken und Regen verleihen den Bergen etwas Mystisches. Wir sehen Gletschereis schmelzen und Rinnsale zu Wasserfällen werden. Ich kann mir genau vorstellen, wie es gewesen sein muss, auf einem riesigen Segelschiff durch den Fjord zu fahren, den Drachen am Bug. Met im Hornkrug.

Der Flusslauf der Loelva, dem wir folgen, mündet bald in den Lovatnet See. Zwischendurch müssen wir immer wieder anhalten, um die Gegend zu bestaunen und zu beobachten, wie Regen und Schmelze den Fluss zum Überlaufen bringen. Die Straße windet sich durch die Berge wie das Wasser. Die Landkarte haben wir bereits ganz unten im Rucksack verstaut; viel zu schön ist das Bild, das sich uns bietet.
Hier im hohen Norden ist der Weg das Ziel.

Die wenigen Raststätten auf unserer Route sind alle geschlossen. Es herrscht kaum Verkehr, wir treffen nur ein paar Norweger in asiatischen Autos, deutsche Camper und einen Biathleten auf Rollskiern.

Die letzte Siedlung mit Campingplatz und den letzten Bauernhof lassen wir hinter uns. Von nun an gibt es nur noch die Straße und uns. Jetzt müssen wir kräftig in die Pedale treten. Der Anstieg ist dermaßen lang und steil, dass ich kurz davor bin, abzusteigen und mein Rad zu schieben. Stefan radelt weiter fröhlich vorweg. Habe ich ihn gerade munter pfeifen gehört? Wohl eine Halluzination. Als ich endlich die Anhöhe erreiche, erwartet mich eine Belohnung: Eine traumhafte Aussicht auf den Fjord und unsere zurückgelegte Strecke.

Das hellblaue Nass des Lovatnet Sees drängt sich hier durch eine Enge und wird zu einer schlammig braunen Suppe. Vom Berg vor uns stürzt das Schmelzwasser hinab ins Tal und überschwemmt Wald und Wiesen.

In der Ferne machen wir einen kleinen Bootsanlegesteg und ein rotes Häuschen aus. Für die folgende Abfahrt aktiviert Stefan seine Helmkamera, und das nicht ohne Grund. Als wir den Hang hinunterfahren, wünsche ich mir einen Tacho am Lenker. Die dicken Reifen unserer Mountainbikes bremsen zwar die Geschwindigkeit, doch mittlerweile bin ich so schnell unterwegs wie nie zuvor.
Gefühlte 100 km/h auf dem Fahrrad.

Das Adrenalin schießt mir durch den Körper – ich bin so schnell, dass ich mich nicht einmal traue, zu bremsen. Zu unserem Glück führt schließlich eine lange Kurve hinunter ins Tal und mündet direkt vor dem kleinen roten Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen. Café Kjenndalstova steht auf einem kleinen Schild.

Und nun sitzen wir hier, mit roten Wangen und regennassen Hosen. Trinken grünen Tee. Essen den weltbesten Kuchen. Meine Füße sind schwer.

Vor der Tür ist Land unter.

„Komm“, sagt Stefan.
„Wir müssen los.“

Am nächsten Tag werden wir mit bestem Wetter beschenkt. Wir machen uns auf den Weg zu unserem nächsten Stopp, Sogndal. Doch vorher statten wir Europas tiefstem See, dem Hornindalsvatnet, einen Besuch ab.

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Svartlamon ‐ Dieses Viertel musst du in Trondheim gesehen haben!

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Auf Einladung.

Unruhen brechen in den ach so friedlichen Straßen des märchenhaften Norwegens aus. Fahnen werden geschwungen, Feuer entfacht, Musik erklingt. Wir leben in keiner perfekten Welt. Blickt man in die Geschichte eines Paradieses, lässt sich die Schattenseite erkennen. Es sind eben diese Hintergründe, die von offizieller Seite verborgen werden. Wie der Bezirk Svartlamon. Der Stein im Schuh der Stadt Trondheim.

Dabei fing doch alles so gut an. Einst ein traditionelles und harmonisches Viertel. Tüchtige Arbeiter, fröhliche Familien und fortschrittliche Studenten prägten das Straßenleben.
Dann kam die Modernisierung.

Trondheim wollte sein Stadtbild der Moderne anpassen. Sterile Luxuswohnung‐Architektur schoss wie Unkraut aus dem Boden. Alte Häuser wurden abgerissen, Mieten erhöht, Studenten suchten verzweifelt Wohnungen. Als die Bagger vor dem Viertel Svartlamon standen, stießen sie auf Widerstand. Die Einwohner wollten sich nicht vertreiben lassen und wehrten sich mit aller Kraft gegen die geplanten Umbauten. Die Politik kämpfte gegen Aufstände, Hausbesetzungen und Demonstrationen. Auch Norweger lassen sich nicht alles gefallen. Ein Beispiel, dem wir in Städten wie Berlin, Hamburg oder Köln folgen sollten. Wohin sind unsere Alternativen abgetaucht?

Und wie sieht Svartlamon heute aus? Alte, bunt bemalte Holzhäuser, kreativ eingerichtete Hinterhöfe, an Bäumen herunterhängende Puppen, die leblos vom Wind gewogen werden ‐ eine Welt ohne Regeln, unkonventionell bis ins kleinste Detail. Erkennbar auch an den Bewohnern. Mit hochgehaltener Schnapsflasche wurden Oli und ich eingeladen, abends auf einen Drink vorbeizuschauen, als wir die Hinterhöfe erforschten. Hätten wir mehr Zeit gehabt, ich hätte diese freundlichen Menschen gern kennengelernt.

Einige werden sich schwer tun, dieses Viertel überhaupt zu finden. Auf offiziellen Karten ist es nicht eingezeichnet. Begibt man sich jedoch nord‐östlich des Stadtzentrums nach Lademoen, ist an einer Brücke das Eingangsschild „Svartlamon“ zu entdecken. Selbstverständlich versuchen die Bewohner wirtschaftlich unabhängig zu sein. Diese Haltung gegen die Unmöglichkeit spiegelt sich in alternativen Cafés, wie dem „Ramp“, oder den ökologischen Lebensmittelläden wider.

Leben und leben lassen. Auch wenn Svartlamon heute wie eine kunterbunte Welt aussieht, symbolisieren Risse in der Fassade die harte Zeit, die hinter ihnen liegt. Respektvoll sollte damit umgangen werden, oder man lässt sich selbst hängen wie eine Puppe, die im Wind gewogen wird.

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