Die Gemütslage des Mannes wechselt von Zorn zu purer Wut. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, Hass erobert jeden Winkel seines unrasierten Gesichts. Ich kann spüren, wie er vor meinen Füßen ausspucken will. Er gestikuliert und tobt und findet kein Ende.
Ich schaue auf die Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis das Flugzeug abhebt.
„Ihr kommt hier nicht mehr weg“, sagt er grimmig.

Zwei Freunde, ein Auto, eine Woche Norwegen. Kann eine Reisegeschichte bessere Voraussetzungen haben? Das Autoradio untermalt die atemberaubende Fjordlandschaft, die an uns vorbeizieht. Wolken verhängen den Himmel, was den Bergen und Wasserfällen am Straßenrand noch mehr Charakter verleiht. Wir sind auf dem Weg zu einem Kleinflughafen, um nach unserem bisherigen Roadtrip mit Abenteuern in Trondheim, einer Gletscherwanderung am Sognefjord und einer Mountainbiketour am Nordfjord mit einer Propellermaschine nach Bergen zu reisen.

„Halt an“, sagt Stefan. „Ich hab gerade was gesehen, kannst du nochmal zurückfahren?“ Die Uhrzeit gibt den Ton an. Unser Flugzeug wird in fünfundvierzig Minuten abheben.
„Nur kurz“, sagt Stefan. „Da waren so merkwürdige Käfige.“
Ich wende und biege von der Küstenstraße in einen kleinen Feldweg ein, der steil bergauf führt. An einer Kurve wird er von einem großen Tor mit angrenzendem Zaun flankiert. Wir halten an und steigen aus, Stefan schnappt sich die Kamera.

Weit kann er durch den Zaun nicht sehen, doch eines ist klar zu erkennen: Es sind weiße Füchse.
„Was soll das sein?“, frage ich ihn.
„Eine Fuchsfarm“, antwortet Stefan. „Sie züchten die Tiere, um ihnen anschließend das Fell über die Ohren zu ziehen.“
Stefan versucht so gut wie möglich durch den Zaun zu fotografieren und diese skurrilen Installationen festzuhalten. Ein merkwürdiger Ort. Schwere Schlösser hängen am Tor, Stacheldraht wurde über dem Zaun installiert. Noch nie zuvor habe ich eine so stark gesicherte Farm gesehen.
Hinter der Umzäunung stauen sich dutzende Käfige, stapeln sich Zwinger, verschwimmen Maschen und Gitter miteinander.
Es ist totenstill. Ab und zu weht ein strenger Geruch zu uns herüber.

Das Geräusch eines Automotors zerreißt die Ruhe. Vom oberen Hang aus rauscht ein alter rostiger Geländewagen auf uns zu und stellt sich mit durchdrehenden Reifen quer vor unseren Wagen. In die Staubwolke des aufgewirbelten Drecks gehüllt, steigt der Fahrer aus dem Auto und geht mit großen Schritten auf uns zu. Er brüllt etwas auf Norwegisch und obwohl wir nur Sprachfetzen verstehen, wird uns klar: Der Grund für seine schlechte Laune sind wir.

„Fucking Peta motherfuckers!“, ruft er. „Was habt ihr hier zu suchen?
Wir erklären ihm, dass wir wegen der merkwürdig aussehenden Käfige angehalten hätten. „Das ist Privatbesitz. Ihr scheiß Journalisten wollt mich ans Messer liefern. Fucking Peta. Aber nicht mit mir, ich ruf die Cops. Ihr kommt hier nicht mehr weg.“
Sein norwegischer Akzent klingt in seiner englischen Tirade mit. Journalistenpack wie wir würden Züchter wie ihn in den Ruin treiben. Über 300 weitere Züchter gäbe es in Norwegen. Er würde mit seiner Farm nichts Illegales tun.
Trotz der Situation werden wir wieder neugierig.
„Welche Tiere züchten sie denn hier?“, fragt Stefan.
„Das geht euch nichts an, motherfuckers“, erwidert er.
Dass wir keine Journalisten sind, kauft er uns nicht ab, schließlich hätten wir eine Spiegelreflexkamera dabei.

Für eine Lagebesprechung wechseln Stefan und ich ins Deutsche.
„Was machen wir jetzt? Unser Flieger geht in ein paar Minuten.“
„Wir sollten einfach abhauen, er kann uns hier nicht festhalten“, meint Stefan.
„Ich kann euch verstehen“, unterbricht uns der Mann plötzlich in holprigem Deutsch.
Das ist schlecht.
„Die Polizei ist gleich hier. Kommt nicht auf die Idee, abzuhauen. Ich sorg dafür, dass ihr hier nicht mehr wegkommt.“
Wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, brettert ein zweiter Wagen von oberhalb der Straße am Hang auf uns zu. Vor uns zum Stehen gekommen, springen zwei Männer wie das A‐Team aus dem Transporter. Feldarbeiter, so hoch wie breit, wettergegerbt, stoppelbärtig, böse Blicke.

Eine friedliche Lösung verschwindet in weiter Ferne. Wer weiß, wann die Polizei endlich kommt und diesem Unfug ein Ende macht? Bis dahin könnte es längst zu spät sein. Ich sehe mich nach einem Hilfsmittel um, falls die Situation eskaliert, schließlich sind sie in der Überzahl.

Soweit kommt es zum Glück nicht, denn endlich kommt der Vovlo der norwegischen Gesetzeshüter in Sicht. Der Züchter schickt die Gastarbeiter mit hektischen Handbewegungen fort. Die Polizisten, die wie 16‐jährige aussehen, machen sich ein Bild von der Situation und kommen etwas abseits mit uns ins Gespräch.
Sie hätten jede Woche Probleme mit dem Züchter, sagen sie. Immer wieder würden Journalisten Fotos von den Käfigen machen oder Aktivisten das Gelände ausspionieren. Sie würden die Aufregung um dieses Geschäft verstehen, hätten aber keine rechtliche Handhabe, da diese Zucht nicht verboten sei.
Unsere Personalien werden aufgenommen. Wir seien nun in Norwegen polizeilich erfasst und sollten uns melden, wenn wir das Land verließen. Außerdem müssten wir die Fotos löschen. Stefan drückt die Knöpfe auf dem Gerät, während ihm der Polizist über die Schulter schaut.

Als wir nach einem Endspurt zehn Minuten später im Propellerflugzeug sitzen, bricht Stefan unser Schweigen.
„Was zum Henker war das gerade?“
„Frag mich was Leichteres. Schade nur, dass wir die Fotos löschen mussten“, finde ich. „Das bleibt unter uns, oder?“, fragt er.
„Das bleibt erstmal unter uns“, bestätige ich und beginne, diese Zeilen zu schreiben.

Hat dir die Geschichte gefallen und warst du auch schon einmal in Norwegen? Erzähl mir von deinen Erlebnissen in den Kommentaren!