Kaffeeersatz

Kippen mit Lippenstift

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Für Bukarest wurde die Bezeichnung »schön hässlich« erfunden. Alte Prunkvillen mit Einschusslöchern berichten von einer Zeit, in der das Staatsoberhaupt des Landes eine friedliche Demonstration zu einem Massaker machte. Nun sitzen in den schönen alten Gebäuden hauptsächlich Zahnärzte und Anwälte. Seit 35 Minuten bin ich hier und um mich herum bricht das Chaos aus. Ein Brand und eine Straßenschlägerei, beides im Umkreis von 50 Metern. Dazu kommt: Der Straßenverkehr ist eine lebensbedrohliche Symbiose aus Szenen von Rom und Bangkok. Verdunkelte Luxuskarossen und Schrott auf Rädern liefern sich regelrechte Rennen. Basslastige Popmusik schreit durch die offenen Autofenster. Weiterlesen

Der Fuchs plant nichts Gutes

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Die Gemütslage des Mannes wechselt von Zorn zu purer Wut. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, Hass erobert jeden Winkel seines unrasierten Gesichts. Ich kann spüren, wie er vor meinen Füßen ausspucken will. Er gestikuliert und tobt und findet kein Ende.
Ich schaue auf die Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis das Flugzeug abhebt.
„Ihr kommt hier nicht mehr weg“, sagt er grimmig.

Zwei Freunde, ein Auto, eine Woche Norwegen. Kann eine Reisegeschichte bessere Voraussetzungen haben? Das Autoradio untermalt die atemberaubende Fjordlandschaft, die an uns vorbeizieht. Wolken verhängen den Himmel, was den Bergen und Wasserfällen am Straßenrand noch mehr Charakter verleiht. Wir sind auf dem Weg zu einem Kleinflughafen, um nach unserem bisherigen Roadtrip mit Abenteuern in Trondheim, einer Gletscherwanderung am Sognefjord und einer Mountainbiketour am Nordfjord mit einer Propellermaschine nach Bergen zu reisen.

„Halt an“, sagt Stefan. „Ich hab gerade was gesehen, kannst du nochmal zurückfahren?“ Die Uhrzeit gibt den Ton an. Unser Flugzeug wird in fünfundvierzig Minuten abheben.
„Nur kurz“, sagt Stefan. „Da waren so merkwürdige Käfige.“
Ich wende und biege von der Küstenstraße in einen kleinen Feldweg ein, der steil bergauf führt. An einer Kurve wird er von einem großen Tor mit angrenzendem Zaun flankiert. Wir halten an und steigen aus, Stefan schnappt sich die Kamera.

Weit kann er durch den Zaun nicht sehen, doch eines ist klar zu erkennen: Es sind weiße Füchse.
„Was soll das sein?“, frage ich ihn.
„Eine Fuchsfarm“, antwortet Stefan. „Sie züchten die Tiere, um ihnen anschließend das Fell über die Ohren zu ziehen.“
Stefan versucht so gut wie möglich durch den Zaun zu fotografieren und diese skurrilen Installationen festzuhalten. Ein merkwürdiger Ort. Schwere Schlösser hängen am Tor, Stacheldraht wurde über dem Zaun installiert. Noch nie zuvor habe ich eine so stark gesicherte Farm gesehen.
Hinter der Umzäunung stauen sich dutzende Käfige, stapeln sich Zwinger, verschwimmen Maschen und Gitter miteinander.
Es ist totenstill. Ab und zu weht ein strenger Geruch zu uns herüber.

Das Geräusch eines Automotors zerreißt die Ruhe. Vom oberen Hang aus rauscht ein alter rostiger Geländewagen auf uns zu und stellt sich mit durchdrehenden Reifen quer vor unseren Wagen. In die Staubwolke des aufgewirbelten Drecks gehüllt, steigt der Fahrer aus dem Auto und geht mit großen Schritten auf uns zu. Er brüllt etwas auf Norwegisch und obwohl wir nur Sprachfetzen verstehen, wird uns klar: Der Grund für seine schlechte Laune sind wir.

„Fucking Peta motherfuckers!“, ruft er. „Was habt ihr hier zu suchen?
Wir erklären ihm, dass wir wegen der merkwürdig aussehenden Käfige angehalten hätten. „Das ist Privatbesitz. Ihr scheiß Journalisten wollt mich ans Messer liefern. Fucking Peta. Aber nicht mit mir, ich ruf die Cops. Ihr kommt hier nicht mehr weg.“
Sein norwegischer Akzent klingt in seiner englischen Tirade mit. Journalistenpack wie wir würden Züchter wie ihn in den Ruin treiben. Über 300 weitere Züchter gäbe es in Norwegen. Er würde mit seiner Farm nichts Illegales tun.
Trotz der Situation werden wir wieder neugierig.
„Welche Tiere züchten sie denn hier?“, fragt Stefan.
„Das geht euch nichts an, motherfuckers“, erwidert er.
Dass wir keine Journalisten sind, kauft er uns nicht ab, schließlich hätten wir eine Spiegelreflexkamera dabei.

Für eine Lagebesprechung wechseln Stefan und ich ins Deutsche.
„Was machen wir jetzt? Unser Flieger geht in ein paar Minuten.“
„Wir sollten einfach abhauen, er kann uns hier nicht festhalten“, meint Stefan.
„Ich kann euch verstehen“, unterbricht uns der Mann plötzlich in holprigem Deutsch.
Das ist schlecht.
„Die Polizei ist gleich hier. Kommt nicht auf die Idee, abzuhauen. Ich sorg dafür, dass ihr hier nicht mehr wegkommt.“
Wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, brettert ein zweiter Wagen von oberhalb der Straße am Hang auf uns zu. Vor uns zum Stehen gekommen, springen zwei Männer wie das A‐Team aus dem Transporter. Feldarbeiter, so hoch wie breit, wettergegerbt, stoppelbärtig, böse Blicke.

Eine friedliche Lösung verschwindet in weiter Ferne. Wer weiß, wann die Polizei endlich kommt und diesem Unfug ein Ende macht? Bis dahin könnte es längst zu spät sein. Ich sehe mich nach einem Hilfsmittel um, falls die Situation eskaliert, schließlich sind sie in der Überzahl.

Soweit kommt es zum Glück nicht, denn endlich kommt der Vovlo der norwegischen Gesetzeshüter in Sicht. Der Züchter schickt die Gastarbeiter mit hektischen Handbewegungen fort. Die Polizisten, die wie 16‐jährige aussehen, machen sich ein Bild von der Situation und kommen etwas abseits mit uns ins Gespräch.
Sie hätten jede Woche Probleme mit dem Züchter, sagen sie. Immer wieder würden Journalisten Fotos von den Käfigen machen oder Aktivisten das Gelände ausspionieren. Sie würden die Aufregung um dieses Geschäft verstehen, hätten aber keine rechtliche Handhabe, da diese Zucht nicht verboten sei.
Unsere Personalien werden aufgenommen. Wir seien nun in Norwegen polizeilich erfasst und sollten uns melden, wenn wir das Land verließen. Außerdem müssten wir die Fotos löschen. Stefan drückt die Knöpfe auf dem Gerät, während ihm der Polizist über die Schulter schaut.

Als wir nach einem Endspurt zehn Minuten später im Propellerflugzeug sitzen, bricht Stefan unser Schweigen.
„Was zum Henker war das gerade?“
„Frag mich was Leichteres. Schade nur, dass wir die Fotos löschen mussten“, finde ich. „Das bleibt unter uns, oder?“, fragt er.
„Das bleibt erstmal unter uns“, bestätige ich und beginne, diese Zeilen zu schreiben.

Hat dir die Geschichte gefallen und warst du auch schon einmal in Norwegen? Erzähl mir von deinen Erlebnissen in den Kommentaren!

Wiener Welten: Ein Fotostreifzug in drei Akten

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 I. Akt: Cruella De Vil und ich

Die Bahndurchsagen auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum sind wie der Schilderwald in Deutschland: Zahllos und keiner versteht sie. Nachdem diese Herausforderung gemeistert ist, öffnet sich Wien wie eine Sachertorte aus Emotionen. Schicht um Schicht und mit jedem Schritt in eine neue Gasse, gewinnt die Stadt an Schönheit. Jedes verzierte Haus, jede vergoldete Turmspitze überzieht die Szenerie wie köstlicher Schokoladenguss.
Ich bin auf den Geschmack gekommen.

“Je arroganter der Service, desto authentischer das Restaurant”, meinte Kollege Flo. Alle Kellner sind freundlich zu mir. Ich mache wohl so einiges falsch.
Wie später auch im Café Ritter, als ich gefragt werde, ob ich mein Stück Sachertorte gern mit Schlagsahne hätte. Ein Test, eindeutig. Ich setze mein Pokerface auf, um die tiefe Zerrissenheit in meinem Inneren zu kaschieren.
Unbändiger Leistungsdruck.

Mein süßer Zahn und die Großhirnrinde verbünden sich zu einer Entscheidung: Mit Schlagsahne. Das Nicken des Kellners bleibt undurchschaubar.

Als am Nachbartisch ein Wiener das Gleiche bestellt, erweist sich meine Entscheidung als Expertenkenntnis. Hab ich’s doch gewusst. Die leichte Schlagsahne auf der Sachertorte sorgt für den richtigen Moment an Luftigkeit zwischen den vielen Schnitzeln.

In Wien herrscht eine außergewöhnlich hohe Pelzdichte, stelle ich fest. Das wird am Beispiel „Cruella De Vil“ besonders gut sichtbar.

II. Akt: Seekrank über den Dächern Wiens

Das graue Gerippe des Wiener Riesenrads ragt in den Wolkenvorhang hinein. Seit 1897 wird hier munter am Rad gedreht. Eine Einzelfahrt kostet sage und schreibe 9,50€. Die alten Waggonkabinen können gemietet werden und so bietet sich mir neben dem besten Blick auf die Stadt und den Prater noch ein besonderes Spektakel: Ein Waggon wurde für ein romantisches Candle Light Dinner gemietet.
Die Tür geht auf, ein Kellner in schwarzem Anzug bringt den nächsten Gang. Darf es noch etwas Wein sein? Sicher. Die Tür schließt sich, das Rad dreht sich weiter bis zur nächsten Fahrgelegenheit.

Ich betrete die hölzerne Kabine. Zahllose Inschriften schmücken die alten Paneele, einige der Fenster sind geöffnet und wunderbar frische Luft dringt hinein. Während ich die Aussicht genieße, welche mir besser gefällt, als auf dem Stephansdom, steht ein Fahrgast auf, stellt sich in eine Ecke und zieht sich die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht.
Was im ersten Moment wie eine Transformation zum Ninja erscheint, ist Höhenangst. Der arme Kerl, denke ich mir, während ein weiterer Gast mit Hummeln im Hintern ununterbrochen durch die Gondel läuft und das Gebilde so zum Schwanken bringt. Seekrank über den Dächern Wiens? Soweit kommt es am Ende nicht.

III. Akt: Armdrücken in der Geisterstadt

Im Vergnügungspark des Praters ist Totentanz, zwischen Oktober und März stehen die meisten Fahrgeschäfte still. Einige Betreiber bleiben hartnäckig und versuchen es bei jedem Touristen, der sich in der kalten Jahreszeit hierher verirrt.

Die Beschallung der Geisterbahn erinnert an den mutmaßlichen Soundtrack des Berliner Klischeenachtlebens, in dem man zu betrunken ist, um in den Club hineinzukommen, aber auch nicht nüchtern genug, um einfach nach Hause gehen zu wollen.
Geschlossene Buden tragen Namen wie Bonanza, Daytona Beach oder Rattenplage, auch am Glücks‐Center komme ich vorbei.
Im Prater ist immer was los, steht an einem Bauzaun geschrieben und es stimmt wohl.

Dieser kaum besuchte Ort der künstlichen Freude wirkt so abstrakt auf mich, dass ich mich wie in einer gruseligen Geisterstadt fühle. Keine Ahnung, ob hinter der nächsten Ecke ein frierender Tourist oder der gähnende Schlund winterlicher Leere wartet.
Ein Automat zum Armdrücken erregt meine Aufmerksamkeit zwischen den vielen grauen Rollläden. Ob der dargestellte Hartplastikdraufgänger mit Muskelpaketen und Geheimratsecken nachts den Käfig dieser Installation verlässt und zusammen mit den Clowns der Boomerang‐Achterbahn um die Häuser zieht?
Bei meinem nächsten Wienbesuch werde ich dem auf den Grund gehen.

Zu Besuch im goldenen Käfig

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“Denn sie wissen nicht, was sie tun”, sagt er zu mir.
“Wie könnten sie auch? Sie kennen weder sich selbst noch ihre Geschichte. Sie haben keine Identität mehr, nachdem sie vor Pol Pot geflohen sind. Das ist nicht einmal 20 Jahre her.“ Ein mattes Lächeln stiehlt sich auf sein Gesicht.

„Die goldenen Dächer, Säulen und Verzierungen der Tempel sind nicht annähernd so viel wert, wie das Wissen, das hier vermittelt wird. Ich bin hier, um zu lernen. Meine Brüder und Schwestern, die auch hier in Vietnam leben, wissen zwar um ihre Herkunft. Die meisten wissen aber nicht mehr, was es heißt, Khmer zu sein.“
„Und das lernst du alles hier in den farbenfrohen Tempeln mitten im Wald?“ „Ich lerne es und gebe es danach an meine Landsleute weiter.“

Bei einem Eiskaffee fragt er mich, was mich hierher geführt hat. Seit drei Tagen bin ich im Mekongdelta unterwegs, um die Tempel der Region zu besuchen und herauszufinden, wie die Khmer im Exil Vietnams leben.
Stunden hat es gedauert, die Tempelanlagen zu finden. Meine Suche führte mich durch grün‐ saftige schier endlose Reisfelder und die tropische Hitze der Region, vorbei an Ziegelbrennereien und Longanplantagen, über Brücken zwischen Enten‐ und Fischfarmen.

Am Straßenrand traf ich immer zuerst auf den Vorboten der jeweiligen Anlage: Ein Tor, umgeben von einigen Metern Alibi‐Zaun. Mal gülden, mal alt und steinern, mal vom vietnamesischen Holzwurm heimgesucht.
Ein langer Gang führt von der Straße zum zentralen Platz der Tempelanlage. Es dauert seine Zeit, ihn zu beschreiten. Zeit, einen Kaffee zuzubereiten oder als Tourist um einen Mopedtaxipreis auszuhandeln.
In dieser Zeit höre ich nur die tausendsprachige Geräuschwand des Waldes, der die heilige Stätte vor dem Straßenlärm schützt. Ironischerweise weiß ich nicht, wo es ruhiger wäre: Auf der einsamen Landstraße der sumpfigen Sackgasse Südostasiens oder vor einem Tempel zu den Füßen eines grinsenden Mönchs?
Sicher ist die Akustik die Gleiche, doch zwischen äußerer und innerer Ruhe gibt es große Unterschiede.

Kinder spielen im Hof der religiösen Stätte, lachen laut und ehrlich. In einem offenen überdachten Raum teilen sich ein Hausschwein und ein Hundewelpe die makellose Stille der Mittagsstunde.
„Wo sind die Mönche alle hin?“, möchte ich wissen. Vorhin habe ich sie noch auf einem alten Instrument spielen hören, wie aus vielen Glocken zusammengesetzt.
„Sie schreiben gerade eine Art Prüfung.“
Er bedeutet mir, ihm zu folgen. Der Weg führt vorbei an nassen orangefarbenen traditionellen Gewändern, die sorgfältig auf der Wäscheleine aufgehangen wurden.

Wir erreichen ein Gebäude, architektonisch eine Mischung zwischen einem heiligen Tempel (außen) und dem Warteraum im Arbeitsamt (innen). Da wir im Erdgeschoss ein leeres Klassenzimmer vorfinden, steigen wir die Treppe außerhalb des Gebäudes hinauf zum ersten Stock.
Die Räume sind nackt und haben keine Türen. Frische Luft für frische Gedanken. Ich biege in ein Klassenzimmer ein und sehe die Mönche dort brav sitzend und schreibend. Links von mir eine beschriebene Tafel, auf der wahrscheinlich auf Vietnamesisch geschrieben steht: Wer abschreibt, fliegt.
Geradezu sitzt ein streng dreinblickender Mann an einer Schulbank, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Mönche sind hochkonzentriert, doch als ich ein Foto mache, schauen sie auf und lächeln.
Wir verlassen das Gebäude und schlendern über laubbedeckte Erde.

„Woher weißt du, wann deine Ausbildung beendet ist?“
„Ich werde es einfach wissen“, sagt er.
Er reicht mir die warme Hand zum Abschied, dreht sich um und geht. Ich sehe ihm hinterher, bis er durch eine Tür in die riesenhafte goldene Statue eines schlafenden Buddhas verschwindet, der sich hier an den Gestaden des Mekongs zur Ruhe gelegt hat.

Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner Reise durch Asien. Im Mekongdelta habe ich viel über Nervenkitzel gelernt, die Geschichte dazu heißt „Glück mit Kondensmilch“. Bevor ich in den schwülen Süden Vietnams reiste, war ich im Norden des Landes zu Gast bei einer Bauernfamilie: Die Schwarze H’mông, der Wasserbüffel und ich. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und habe mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht.

Durch die Wildnis Frankreichs: Auf dem Klettersteig in der Lozère

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Auf Einladung.

Ich weiß nicht, was mich eher auffangen wird: Der tosende Fluss, dessen Wassermassen das Ufer verschlucken und Baumstämme in Stromschnellen zerreißen? Ist es der kontrastlose Nebelteppich, der die Umgebung verschwinden lässt und mit grauen Wolkenwänden verschmilzt? Oder sind es die schroffen Zehen des Gorges du Tarn, die stummen todbringenden Felsenschluchten, die sich unter mir ausbreiten, darauf wartend, dass ich einen Fehler mache? Wie ich es auch drehe und wende – ein Fehler wäre hier das Ende.

Vergangene Nacht ging die Welt unter. Das Unglück stieg aus dem Flussbett, schritt in schmatzendem Marsch über die durchtränkten Wiesen und Felder hinweg bis an den Fuß der niedrig gelegensten Hütte des Tals. Auf seinem Weg verschlang es Pfade und Straßen, machte vor nichts Halt.

Nun ist die Stimmung gut. Freund Timo ist nach tagelanger Odyssee durch Frankreich endlich zu uns gestoßen, nun kann es richtig losgehen. Vier Männer, ein Abenteuer. Und unser Guide Fabien, der Timo, Steven, Marco und mich bestenfalls lebend durch das Gebirge der französischen Region Lozère bringen soll. Er zeigt mir die Ausrüstung: Ein Overall gegen den Dreck, ein Klettergürtel, ein Kletterhelm. Ein Blick in seine wachen Augen.
Würde ich mein Leben in seine Hände legen?
Wahrscheinlich.
Würde ich mein Leben in ein Stück Metall in Form eines Karabiners legen? Es muss wohl sein.

Wir verlassen unseren Wagen und folgen der Serpentinenstraße, bis Fabien einen Trampelpfad im Gebüsch des Wegesrandes ausmacht. Ein Schild mit der Aufschrift “Via Ferrata” deutet an, dass wir hier richtig sind. Fünf Männer bahnen sich durch das Gestrüpp zur Via Ferrata de Rousses, bis das rauschende Dröhnen des Flusses uns die Stimme nimmt. Hier fließt der kleine Bruder des Tarn, der Massevaques. Vor uns tut sich eine Felswand auf, an der ein dünnes Drahtseil befestigt ist. Daneben befinden sich in Eisenstreben, die in das Gestein getrieben wurden, um den Kletterern eine stufenweise Besteigung zu ermöglichen.

“Lasst es uns angehen”, sagt Fabien.
“Zwei Optionen. Option 1: Wir beginnen mit der Anfängerroute, um warm zu werden. Option zwei ist die spaßigere Variante.”
“Wir wollen Action”, sagt Timo und beginnt, vor mir die fortgeschrittene Kletterroute zu erklimmen. Ich folge ihm.

Das Metall ist kalt und nass vom Regen der letzten Tage. Ein ums andere Mal wird mein Griff unsicher, meine Hand rutscht ab, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Mein suchender Blick geht nach oben um herauszufinden, wohin ich mich als nächstes bewegen muss.
Ein Überhang wartet auf mich. Kaum fünf Minuten am Fels und schon zwingt mich die Wand, ohne meine Füße zu klettern.
Das Abenteuer, nach dem ich in Frankreich gesucht hatte.
Ich greife das nächste Eisen und ziehe mich auf einen kleinen Vorsprung. Timo steht bereits dort und schaut voll Vorfreude auf das Drahtseil, welches quer über den Fluss gespannt ist. Eine “Tyrolienne”, eine Seilrutsche begrüßt uns. Ans Seil haken und ab über das Tal.
Fabien zeigt uns, wie wir uns festmachen sollen und lässt sich als erster auf die andere Seite hinüber .
Jetzt ist Steven an der Reihe. Gemeinsam überprüfen wir, ob er sich korrekt gesichert hat. Ein Karabiner hier, ein Karabiner da. Richtig so?
Dann ein tiefes Durchatmen.
“Ein paar letzte Worte?”
“I love you all”, sagt er und hängt sich an den schwingenden Stahl.
Weg ist er. Für fünfzehn Sekunden gleitet er über der Landschaft hinweg.

Auch ich klinke mich ein und rase in meinem Klettergurt sitzend durch die Schlucht. Ein irres Gefühl, fast schwerelos durch die Luft zu fliegen. Ich werde schneller und schneller, bis Fabien mich schließlich abfängt und davor bewahrt, am Stein zu zerschellen.
Zwanzig, dreißig Meter unter mir tobt der kalte Schwall des Massevaques durch die französische Szenerie, als wäre nichts geschehen.

Wir steigen zum Fluss hinab und die Welt um uns wird wieder zu einem Rauschen. Die Luft ist frisch und doch schwer von aufspringenden Tropfen aus dem Fluss. Einige Eisenstiege sind noch vom Wasser überspült, andere hat das Nass bereits aus seinem festen Griff der letzten Nacht befreit.

Es geht wieder nach oben, schwierigere Stiege warten auf uns. Da wir keine geübten Kletterer sind, machen wir die mangelnden Technikkenntnisse mit Kraft wett. Langsam zeigt sich der Schlafmangel der vergangenen Nacht – wir hatten Timo abgeholt und den Abend bei Freunden und gutem Essen verbracht. Danach folgte eine waghalsige Autofahrt durch die wilde Nacht der Lozère.
Wir sind jedoch vorbereitet. Zurücklehnen, das Gewicht in den Gurt legen und mit den Füßen an der Wand abstützen, dann bleiben die Hände auch für wichtige Dinge frei. Schokoladenkekse zum Beispiel.

Der nächste Abschnitt wird eine Herausforderung: Ich muss mich um eine Ecke winden, ohne mögliche Griffpunkte zu sehen und zu wissen, wohin ich mich bewegen kann. In der Tiefe unter mir pulsiert der Fluss schon beinahe freundlich. Als wollte er mir sagen: Lass dich fallen, Freund. Ich fange dich sanft.
Ich traue ihm nicht und bahne mir den Weg um den schwierigen Steinvorsprung.

Dann eine letzte Etappe über zwei Seilbrücken. Als ich sie überquere, windet sich der Stahl wie ein tollwütiges Tier unter mir.
Schließlich das kleine kinderzimmergroße Plateau, unser heutiges Tagesziel. Ich nehme meinen Helm ab und ziehe den verschwitzten Pullover aus. Was für eine Tour, viel anstrengender und spannender als ich dachte!
Plötzlich ein Schrei.

Hinter mir mache ich Steven auf einer Seilbrücke aus, seine knallrote Jacke ist klar zu erkennen. Der Draht unter seinen Füßen schwingt bedrohlich, windet sich um fast einen halben Meter in alle Richtungen.
Steven hält sich mit beiden Händen am Seil fest. Sein Griff ist so stark, dass sich seine Finger langsam weiß färben. Aus seinem Gesicht weicht jegliche Farbe. Etwas anderes rückt an dessen Stelle: Pure Angst.
Ein kleiner Spaß unseres Guides Fabien. Er steht hinter Steven auf der Seilbrücke und bringt sie zum Wackeln. Was dieser nicht weiß: Steven ist Höhe nicht sonderlich zugeneigt.

Nach diesem unangenehmen Moment der Panik und vielen Schimpfwörtern, treffen wir alle auf dem Vorsprung zusammen, der das Ende unserer Tour auf der Via Ferrata de Rousses darstellt. Zu unseren Füßen liegt die wunderschöne Landschaft der Lozère, ein Gemisch aus rauen Felsen, wilden Flüssen und dunklen Wäldern, die so manche Geschichte bergen.

“Wie fühlst du dich jetzt?”, frage ich Steven. “Nachdem du dich deiner Angst gestellt und sie während der Klettertour überwunden hast. Du musst dich wie ein Held fühlen!”
“Ich fühle mich scheiße”, sagt er mit einem müden Lächeln.
Ich muss lachen. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter und denke an das, was er geleistet hat. An die Überwindung, die es ihn gekostet hat.
Ich denke auch an den Spaß, den ich hatte, mit den Füßen über dem Abgrund. Den Händen am nassen Eisen des Klettersteigs, unsicher, ob der nächste Griff mich halten wird.
Es war eine Tour, die durch die ungezämte Umgebung der Lozère zu einem richtigen Abenteuer wurde.

Zusammen mit Steven vom Funkloch, Timo von Bruder Leichtfuß und Marco von Life is a trip war ich in Frankreichs wildem Winkel, dem Département Lozère unterwegs. Auch die anderen Jungs haben über ihre Erfahrungen geschrieben – klick einfach auf ihre Namen, um zu ihren spannenden Geschichten zu gelangen. Mit dem Hashtag #francenature findest du auf Twitter und Instagram weitere Eindrücke unserer Reise.
Vielen Dank an Monika von Atout France und Inger von Lozère Tourismus für die Organisation und die Unterstützung unseres Abenteuers!