Kaffeeersatz

Der Geschmack von Jod und Algen: Ein Bretagne Roadtrip‐Guide

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Sponsored Post: Ein Roadtrip durch die Bretagne in Kooperation mit Atout France.

Ein holpriger Start.

»Es kotzt mich alles an, es kotzt mich an!«
Steven macht seinem Ärger Luft.
Apokalyptischer Landregen setzt ein, als wir den Flughafen in Nantes verlassen.
Kein Gepäck, Hunger, strömender Regen – unser fünftägiger Roadtrip durch die Bretagne kann beginnen!

Nantes – Sarzeau – Vannes – Baden – Île de Groix – Perros‐Guirec – Le Conquet – Île de Molène – Pointe de Saint‐Mathieu – Brest – Douarnenez – Nantes

Um Zeit zu sparen, decken wir uns im supermarché mit günstigem Käse, Baguettes und Tomaten ein und picknicken während der Autofahrt. Auf einer Skala von 1 bis 10 ist Stevens Laune bereits am absoluten Nullpunkt angelangt, da in Kürze eine Fahrradtour auf uns wartet und das bretonische Wetter bisher keine Anstalten macht, sich zu bessern.

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Meine Prager Odyssee oder Wie ich zum Einbrecher wurde

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Scheiße, denke ich. Himmelarsch, Scheißdreck.
Nach dem ermüdenden fünfstündigen Ritt nach Prag finde ich keinen Platz, um mein Auto abzustellen. Ich bleibe in der Einfahrt zu meinem Quartier für die Nacht stehen, um einen neuen Plan zu schmieden.
Erfolglos bin ich um den ganzen Block gefahren.
Nein, ich hatte nicht damit gerechnet, dass man in Prag als Nichtprager kaum Parkmöglichkeiten hat.
Im Seitenspiegel sehe ich einen Polizisten – ihn könnte ich um Rat fragen! Ich steige aus dem Auto, drücke routiniert die Verriegelung herunter und schließe die Tür. Im selben Moment bemerke ich meinen fatalen Fehler.

Unsicher darüber, was ich zuerst machen soll, fluche ich.
Fluchen hilft anfangs immer.
Der deutsche Wortschatz hütet so wunderbare Schimpfwörter, die beim leicht von der Lippe gehenden „Fuck“ heutzutage oft in Vergessenheit geraten.

Kurze Zusammenfassung der Lage: Mein Auto steht hier, in Prag, im absoluten Parkverbot einer Einfahrt. Der Schlüssel steckt noch im Zündschloss, die Tür habe ich per Hand von außen verriegelt. Der Zweitschlüssel liegt in Berlin.
Die Knöllchenverteiler kreisen wie die Geier.
Ich rufe meine Freundin an, die drei Stockwerke höher in unserem Urlaubsapartment auf die frohe Botschaft wartet, dass das Auto eingeparkt ist und wir gemütlich zum Abendessen gehen können.
Sie ist nicht begeistert.

Einbrechen für Anfänger

Kein Problem, wir knacken die Karre einfach auf. So lautet ihr Lösungsvorschlag. Ich versuche mich an alle Einbruchstutorials zu erinnern, die ich zufällig auf YouTube gesehen habe: Metallene Brechstangen, Tennisbälle, Schnürsenkel.
Ein Kleiderbügel aus Draht wäre eine weitere Möglichkeit, doch in unserem Quartier für die Nacht gibt es nur Bügel aus Holz.
Auf der anderen Straßenseite erreicht ein Bewohner seine Haustür und beginnt, die Schlüssel zu suchen. Meine Chance!
Da ich nicht weiß, was Kleiderbügel auf Englisch heißt, beschreibe ich ihm mein Anliegen mit Händen und Füßen. Er nickt und bedeutet mir zu warten. Zwei Minuten später kommt er mit dem Drahtbügel zurück und meint, ich könne ihn behalten.
Wenn er wüsste, was ich damit vorhabe.

Anleitungen im Internet zeigen, wie der Bügel verbogen werden muss. Jetzt geht es ans Eingemachte. So leicht wie bei der Olsenbande oder James Bond ist es jedoch nicht.
Erstens bin ich besorgt, wie stark der Draht am Fenster kratzt und zweitens greift meine Konstruktion den Schließmechanismus nicht. Außerdem kommen alle drei Minuten Passanten vorbei, die mich dabei beobachten, wie ich in der Dämmerung versuche, ein Auto aufzubrechen.

Es wird dunkel.
Meine Laune wird immer schlechter, ich werde unkonzentriert. Es will einfach nicht funktionieren. Ich rege mich zu sehr über mich selbst auf, über meine Dummheit. Letzter Ausweg: ADAC. Die gelben Engel werden mir schon zur Hilfe eilen, denke ich.

Hilfe von Pavel

Doch weit gefehlt, niemand eilt. Pavel vom ADAC meint, es würde einige Zeit dauern. Hundertvierzig Minuten.
„Sag mal Pavel, wir sind hier mitten in der Hauptstadt. Es kann doch nicht sein, dass das so lange dauert.“
Diskutieren hilft nicht.
Ich könnte mich gemütlich in mein angemietetes Apartment setzen und die Füße hochlegen, doch dann bestünde die Gefahr, abgeschleppt zu werden. Das wäre die Krönung. Also setze ich mich auf die Motorhaube und warte.

Meine Jacke ist wenig gefüttert, wie ein tschechisches Magermodel.
Kälte, aus dem eigenen Auto ausgesperrt sein im Ausland – alles keine riesigen Probleme. Was mir jedoch richtig die Laune verdirbt, ist Hunger.
Ich hatte mich so sehr auf ein kühles tschechisches Bier gefreut, als Begleiter zu einem deftigen Abendessen. Viel Soße und viel Fett. Und jetzt das.
Bevor sich meine clevere Reisebegleitung auf den Weg machen kann, um Snacks zu holen, muss ich den nächsten Geldautomaten finden. Das dauert. Das dauert ewig.
Auf dem Weg dorthin ruft mein Freund Pavel erneut an, gute Nachrichten: Nur noch vierzig Minuten, dann wäre jemand vor Ort.

„Kaputski nixki?“
Ja, korrekt.
Der Mann, der behäbig aus seinem Abschleppauto steigt, versteht mein Nicken. Mein Tschechisch ist so gut wie sein Deutsch – nicht vorhanden.
Er stört sich am Vogelschiss auf meinem Fahrzeugdach und verzieht das Gesicht. Dann öffnet er die Autotür innerhalb einer Minute mithilfe zweier aufblasbarer Luftkissen. Entspannt zieht er den Schlüssel aus dem Zündschloss und reicht ihn mir.
Sein Blick sagt: Das war alles?
Ich frage: „War das alles?“
Er nickt.

Ich unterschreibe sein Formular und steige gemeinsam mit meiner Freundin ins Auto. Schließlich stehen wir seit vier Stunden in der Einfahrt und brauchen noch immer einen Parkplatz. Doch der Bann ist gebrochen und Prag steht uns endlich offen.
Ganz Prag? Nein.
Nach einer knappen Stunde, die ich auf Parkplatzsuche in Einbahnstraßen verbringe, entscheide ich mich resignierend für ein Parkhaus. Ausgerechnet das teuerste Parkhaus in ganz Prag.

Kellner von drei verschiedenen Bars machen uns keine Hoffnungen darauf, dass es so spät noch etwas Warmes aus den Küchen gibt. Hier essen sie zeitig. Die Lösung: Zum nächsten Spätverkauf und damit eindecken, was den Homo sapiens seither groß und stark gemacht hat. Tiefkühlpizza und Dosenbier. Dann geht es zurück in unsere Bleibe für dieses Wochenende.

Was für ein Auftakt dieser Reise. Müdigkeit schleicht sich an wie ein Raubtier. Mit jedem Schluck Bier kommt sie einen Meter näher. Der Rand der Bierdose berührt meine Lippen und legt mir einen metallischen Geschmack auf die Zunge.
Die Uhr zeigt Mitternacht.
Alles Gute zum Geburtstag, sagt die Stimme neben mir.

Andalusien Roadtrip: Von weißen Dörfern und luftigen Höhen

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Auf Einladung.

Der Motor des Fiat Punto jault laut auf, als ich vom zweiten in den ersten Gang schalte. Die letzten Ausläufer des Städtchens Algarrobo sind so eng, dass ich sehr froh bin, nur mit einem kleinen Auto unterwegs zu sein. Wobei, eigentlich wäre ich lieber ohne Auto unterwegs.
Ob der Wagen die vor mir liegende Steigung packt? An der nächsten Häuserecke biege ich ab und finde mich auf einer Straße wieder, die noch weiter ansteigt. In meinem Rückspiegel verschwinden die letzten Lichter. Das Display neben dem Tacho zeigt meinen aktuellen Kraftstoffverbrauch: 40 Liter auf 100 Kilometer. So weit ist es hoffentlich nicht mehr bis zu meiner Unterkunft, außerdem kann dieser Bergkamm unmöglich so hoch sein.
Mein rechter Scheinwerfer versagt. Nur mithilfe des Fernlichts gelingt es mir, in dieser Dunkelheit meinen Weg zu erkennen. Es ist, als würde diese spanische Nacht jeden Schimmer mit ihrem riesigen Schlund verschlucken, hungrig und nimmersatt.
Plötzlich tauchen vor mir mitten auf der Straße zwei Männer auf.
Mir bleibt das Herz fast stehen.

Die Männer sind in Wahrheit Straßenpoller, zur Freude der Besucher als Menschen konstruiert und für bessere Sichtbarkeit weiß angemalt. Sehr lustig.

Nachdem ich die befestigte Straße verlasse und bergauf über einen holprigen Feldweg fahre, begrüßt mich ein neugieriger Hund. Er gehört zu Gabriele, er passt auf die Ferienhäuser hier oben auf und sorgt dafür, dass es den Gästen an nichts fehlt. Nach einer sehr freundlichen Begrüßung komme ich endlich am ersten Etappenziel an: An meiner Unterkunft für die Nacht, dem Ferienhaus über dem Meer. Von der Terrasse aus lässt sich erahnen, wie schön es hier tagsüber ist: Um mich herum die Berge, trotzdem kann ich hinunter auf die hell erleuchtete Stadt sehen. Das Mittelmeer liegt dunkel und ruhig.

Am nächsten Morgen sitze ich draußen in der Sonne und genieße mein Frühstück zwischen Olivenbäumen und mit Blick auf die umliegenden Berge. Ein leichter warmer Wind weht mir um die Nase. Spanien im November? Ein Traum! Das Wetter ist ausgezeichnet und so wird es Zeit, die Umgebung zu erkunden.

Nachdem ein Großteil des Wegs bergab gemeistert ist, komme ich wieder durch das kleine Örtchen, durch dessen Gassen ich gestern mein Auto bugsiert habe. Die weiß angestrichenen Häuser reflektieren die Novembersonne Andalusiens, dass mir fast die Augen schmerzen. Die meisten Dörfer der Umgebung sind durch diese Farbwahl gezeichnet. Ab der Hüfthöhe abwärts schmücken bunte Fliesen die Wände. Schnell ist die kleine Ansiedlung durchquert und ich komme in den Genuss der andalusischen Nationalstraßen.

Torre del Mar ‐ ohne Touris durch die Straßen schlendern

Kurze Zeit später lenke ich den Wagen durch die Straßen Torre del Mars, vorbei an großen Schulhöfen und kleinen Pollo Asado Imbissständen. Die Saison ist vorbei, auf den Parkplätzen der Kleinstadt findet sich mühelos eine Stelle, um das Auto abzustellen. Die Luft riecht nach Meer, eine leichte Brise geht. Instinktiv suche ich die nächstgelegene zur Küste führende Straße.

Der Kies knirscht unter meinen Füßen, als ich den fast menschenleeren Strand überquere. Die Sonne legt ihren angenehm wärmenden Umhang um mich, doch als ich bis zu den Knien in die Wellen wate, treibt mich die maritime Kälte sofort wieder hinaus. Ein Badetag wird es also nicht, Umdenken ist die Devise.

Auf der Strandpromenade flanieren die, die sich nichts mehr beweisen müssen und ihren Lebensabend genießen wollen. Braungebrannt, helle Kleidung, tiefenentspannt. Kinder auf Rollern formen den angenehmen Kontrast zu diesem Bild. Einheimische sitzen an den kleinen Buden und Restaurants, in denen hauptsächlich Meerestiere zubereitet werden.
Doch in Andalusien, einem Schinkenparadies wie Madrid, muss ich unbedingt zuerst von anderen Spezialitäten probieren. Am Strand werde ich jedoch nicht fündig, alles zu teuer oder ungemütlich, und so zieht es mich wieder in die Stadt hinein. In den Gassen tobt das Leben. Es wird getratscht und gesungen, die Restaurants sind gut besucht.

Neben mehreren chinesischen Restaurants entdecke ich endlich ein spanisches Lokal, welches von Einheimischen gut besucht wird: Das Mesón Arte y Solera, direkt am Platz Paseo Larios. Ich bestelle ein heimisches Bier und ein Tostada, ein belegtes und gegrilltes Stück Brot mit Schinken. Als ich herzhaft in den spanischen Snack beiße, muss ich zufrieden meine Augen schließen.
Salzige Meeresluft, Wärme, ausgelassene Spanier und gutes Essen ‐ so hatte ich mir Andalusien vorgestellt.

Salobreña ‐ weiße Stadt über dem Meer

Die Zeit reicht noch für einen kurzen Abstecher nach Salobreña. Das Städtchen liegt auf einem Felsen über dem Meer, also mache ich mich bereit für den Aufstieg. Noch ist Siesta, die Türen der Häuser verschlossen. Ab und zu kann ich Bob Marleys Stimme durch ein mit Tüchern verhangenes Fenster hören. Die Farben der Häuser erinnern mich an Gebisse von Hollywoodstars. Mit Fliesen verzierte Balkone brechen hier und dort diesen Eindruck, ich fühle mich wie in einer anderen Welt.

Bis zur alten maurischen Burg werde ich nicht mehr hinaufsteigen, dafür gefallen mir die quadratisch angelegten Palmenalleen im Herzen der Stadt zu sehr. Es sind kaum Menschen unterwegs und ich habe die Eindrücke während meines Spaziergangs für mich.

Als sich der Fiat wieder den Berg hinaufkämpft, um mich zu meiner Unterkunft zu bringen, treffe ich im Schritttempo Gabrieles Auto an. Wir holpern hintereinander über den Feldweg, bis wir unser Quartier erreichen und aus unseren Wagen steigen. Aus einem kurzen Hallo wird ein langes Gespräch, währenddessen schauen wir zu, wie die Sonne untergeht.
Es wird kühler und Zeit, wieder ins Haus zu gehen und den Ofen für die Tortilla anzuwerfen. Es warten außerdem noch Schinken, Käse, Brot, Oliven und in Essig eingelegte Gemüsemischungen, die ich später während meiner Reise leider nicht mehr im Supermarkt entdecken konnte.

Mit dem Blick auf das sich schlafen legende Meer und einem Gin Tonic in der Hand, denke ich zufrieden über meine erste Etappe nach. Kann es jetzt noch besser werden?

Danke an Ruralidays für die Einladung in das schöne urige Ferienhaus in Andalusien, ich wäre gern länger geblieben. Vielleicht auch für immer. Hier findet ihr das spanische Ferienhaus in den Bergen.

Die erste Etappe meines Andalusien Roadtrips ist auf der Karte verzeichnet. Der nächste Stopp auf meiner Route wird Granada sein.

Eine Ode an die Autobahn: Das Konstrukt Roadtrip

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Was man nicht alles sieht, wenn man auf einem Roadtrip ist

Wilde Bilder glänzen durch die grauen Wolken, wenn ich vom Leben auf der Straße erzähle. Endlose Autofahrten, die mit therapeutischen Unterredungen dekoriert werden. Abstecher von der Autobahn, den skurrilen Ortsnamen nachforschend. Nachts übermüdet auf einen Acker parken und mit verrenkten Gliedmaßen eine bequeme Schlafposition suchen. Partys im Auto feiern, ausgelassener als so manche Homeparty. Milde Sommernächte nutzen, wozu sie erfunden wurden und Richtung Meer fahren. Klampfe in der Hand und Feuer am Strand. Begleitend dazu rebellische Songs und Literatur unserer großen kulturellen Freiheitskämpfer. Nach Tagen einen Ekel vor sich selbst haben, weil Schlafmangel, Alkohol und Drogen dich zu einem Ebenbild eines Obdachlosen vollendet haben. Vielleicht die einzige Gemeinsamkeit, wenn die zwei Perspektiven der Bezeichnung „Leben auf der Straße“ in den Raum geworfen werden.
Alles schon erlebt. Alles durchgezogen. Alles geliebt. Der Roadtrip als Sinnbild der Freiheit und Unabhängigkeit aller Generationen.

Vielleicht liegt es an der konstanten Fortbewegung. Alles um dich herum ist in Bewegung. Es entsteht kein Gefühl der Untätigkeit. Möglicherweise ist es genau diese Zutat, die das Glücksgefühl während eines Roadtrips permanent füttert. Ich weiß es nicht. Sehen, erleben und träumen.
Träumen – wie ein Kind während einer Fahrt im Schulbus. Der Blick aus dem Fenster lässt dich auf magische Weise in tiefe Gedanken versinken. Das Gefühl vom Unterwegssein versetzt dich in eine mentale Privatsphäre, selbst unter einer Vielzahl an Menschen.
Doch wann entsteht dieses Gefühl vom Unterwegssein? Ausschlaggebend sind zwei Ebenen. Die erste Ebene ist statisch. Das Innere des Autos. Es ist die unveränderte Ebene. Alles Sichtbare ist im Stillstand. Die zweite Ebene ist dynamisch. Die Welt, die wir durch das Fenster während der Fahrt sehen. Eben die Welt, die mit ungeheurer Geschwindigkeit an uns vorbeirauscht. Wie in Trance versetzt, versuchen wir mit unseren Augen alles aufzunehmen: Bäume, Berge oder andere Autofahrer, die sich während der Fahrt gedankenvoll in der Nase popeln.
Bleiben beide Ebenen stehen, wird einem schwindelig. Willkommen im Unterwegssein.

Ein Roadtrip ist der Inbegriff von Geselligkeit. Kreative Köpfe, die auf engstem Raum über Stunden oder Tage miteinander auskommen müssen. Reicht diese Gesellschaft nicht aus, müssen Tramper daran glauben. Die haben immer etwas zu erzählen oder sind für einen Spaß offen. Kürzlich ließen wir einen einsteigen und haben während der Fahrt die Türen verriegelt. „Nur zu deiner Beunruhigung. Wir haben keinen Führerschein und keine Ahnung, wem das Auto gehört.“ Selbstverständlich wurde der Spaß lachend aufgenommen und das Eis wurde humorvoll gebrochen.

Anschließend beginnen die Gespräche. Oft erinnern die Konversationen an Therapien beim Psychologen. Wir unterhalten uns über die Liebe, das Leben und das Glück. Werfen Fragen in die Runde, die wie ein Uhrwerk aufgebaut sind, in dem das entscheidende kleine Antriebsrad fehlt. Dieses kleine Zahnrad liefert die Antwort auf alles. Diese fehlt. Aber es fühlt sich gut an, darüber zu reden, während die Zeit stillzustehen scheint.
Gehen die Gesprächsthemen aus, lesen wir uns aus Büchern vor. Entweder Kurzgeschichten oder Kapitel aus dem Lieblingsbuch. Reiseliteratur erfordert eine sorgsame Auswahl. Die vorgelesenen Zeilen müssen dich in Lethargie versetzen, während du die zweite, dynamische Ebene anblickst. Die besten Autoren dafür: Timmerberg, Hesse, Hemingway, Kafka oder vorgelesene Songs von Bob Dylan. Manchmal auch Brecht.

Nach mehreren Tagen auf der Straße. Trockenshampoo soll ganz gut helfen…

Noch interessanter wird es, wenn die Fahrer wechseln müssen. Unterschiedliche Fahrstile tragen zur Gesamtstimmung im Auto bei. Zwei meiner permanenten Roadtrip‐Buddys musste ich neulich ihren Fahrstil eingestehen.
Der lässige Piet ist die Chillout‐Zone auf der Autobahn. Einer dieser Fahrer, die dich nachts in den Schlaf fahren. Meiner Meinung nach liegt es daran, dass er selbst ständig in Gedanken versunken ist. Dabei ist er jedoch weiterhin vorausschauend. Auf der Autobahn. In der Stadt gab es schon die eine oder andere Situation, die meinen Stift malen lies. Und würde ihn die Polizei während einer Routinekontrolle anhalten, würde es einiges an Überzeugungsarbeit kosten. Seine Augen sehen dauerbreit aus und die Tatsache, dass er seit Monaten (oder Jahren?!) keinen Führerschein besitzt, ist für solch eine Situation nicht gerade förderlich. Trotzdem bringt er uns immer wieder unversehrt ans Ziel. Mein Auto in seinen Händen. Mal abgesehen von den ganzen Blitzerfotos.

Der Piet. Vorausschauend wie immer.

Ebenso überlasse ich seiner Freundin Jenny das Auto. Ach Jenny. Wenn Zeitnot herrscht und uns jemand schnell ans Ziel bringen muss, dann ist es Jenny. Sie brennt darauf, meinen alten Volvo auf überfüllten Autobahnen zu jagen. Der Dieselmotor zeigt, was er kann und pumpt bei fast 4500 Umdrehungen die Minute den Tank in Windeseile leer. Überholmanöver sind für Jenny wie der Spielplatz für einen Vierjährigen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass unerfahrene Beteilige Wasser schwitzen müssen. Um diesen Fahrstil kommentarlos hinzunehmen, musst du mit deinen Leben bereits abgerechnet haben. Ähnlich wie beim Extremsport. Keine Angst vorm Unfall. Die durchgeknallte Lady weicht bevorstehenden Kollisionen mit durchgedrücktem Gaspedal und heulendem Motor blitzschnell aus. Hoffen wir nur, dass die Arme, die das Lenkrad auf 10 und 2 Uhr festhalten, niemals so übermütig reagieren wie der rechte Fuß.
Der alte, rostige Motor heult bei ihr auf wie ein Rentner, der in seinen letzten Lebensjahren noch einmal alles aus sich herausholen muss, um es seiner Frau zu besorgen. Cool bleiben, alter Schwede. Dank Jenny haben wir das Ziel bereits in wenigen Minuten erreicht. Mein Auto in ihren Händen.

Meine beiden Roadtrip‐Buddys

Aber es ist nicht die Schnelligkeit, die für einen Roadtrip erforderlich ist. Es sind die Menschen, mit denen die Eindrücke und Erlebnisse geteilt werden. Die sich ohne Worte verstehen können. Die für alle Mitfahrer und den Fahrer Bier und Kippen von der Tanke holen. Die Reden halten und wissen, wann sie zu schweigen haben. Mit denen ein Abstecher ins Ungewisse jederzeit möglich ist. Die einen sicher ans Ziel bringen. Menschen, die das Gefühl vom Unterwegssein einatmen wollen, wie den warmen Rauch einer Zigarette in kühlen Winternächten.

Hier noch einige Roadtrip‐Bilder, die ich aus meinem Archiv herausgefischt habe. Immer tolle Menschen dabei:

…und irgendwann erreichst du auch das Ziel.

Gastbeitrag: Marokko ‐ das Land der vielseitigen Wüste

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Wir starten unsere Reise in Agadir. Hierher fliegt EasyJet mehrmals pro Woche und hier wird sich in 18 Tagen der Kreis schließen und unsere Reise enden. Zu viert wollen wir das Land durchqueren, mal mehr ‐ mal weniger komfortabel schlafen und vor allem viel neues entdecken. Marokko ist groß und bietet trotz der großen Wüste viel Abwechslung. Mit einem Mietwagen, den wir auf ominösen Wegen über das Internet reserviert haben, fahren wir los gen Taroudant. Hier wollen wir uns akklimatisieren.

Es ist noch relativ angenehm, um die 30 Grad, als wird das kleine Städtchen entdecken.
Während wir uns mit dem Essen vertraut machen planen wir die weitere Tour. Es geht nach Ouarzazate. Bekanntes Land, zumindest für mich. Hier habe ich im Oktober/November 2011 einen Monat gelebt und einen Film gedreht. Das Land hat mich schon da sehr fasziniert, nur leider blieb keine Zeit um mehr davon zu sehen. Ouarzazate ist durch die dort angesiedelte Filmindustrie sehr offen und in manchem angepasst. Wen wunderts, hier wurde unter anderem Gladiator, Babel und Die Päpstin gedreht.

Wir fahren weiter, die Wüste Zaghora wartet auf uns und je weiter wir kommen, desto mehr Wasser tanken unsere Körper. 46 Grad zeigt das Thermometer als wir mitten in der Wüste sind. Die Luft ist rot. Als wir ankommen ist es noch windstill, doch am frühen Abend wird es windig und das unwirkliche geschieht: Es regnet. Ein Gemisch aus Wasser und Sand fällt vom Himmel und versaut unsere weißen T‐Shirts. Das ist selten und auch die Einheimischen samt ihrer Kamele sind überrascht.

Wer nach Marokko fährt wird gern darauf hingewiesen kein Wasser aus der Leitung in den Mund zu nehmen, keine frischen Säfte zu trinken, keinen Salat zu essen und am besten alles und jeden vor Körperkontakt zu desinfizieren. Andererseits kann man das auch etwas lockerer nehmen und einen schönen Urlaub haben. Dann muss man allerdings einen Ausfalltag einplanen und sollte gute Medikamente im Gepäck haben. So kam es, dass ich in der ersten Wüstennacht ab ca. 3 Uhr wach lag und den Rest des Tages auf der Toilette, im Bett oder dem Weg dazwischen verbrachte. Anschließend war alles wieder gut, mein Körper abgehärtet ‐ nur die Kameltour in die Wüste samt Sandsturm habe ich verpasst. Nach zwei Nächten Wüste fordern unsere Körper Abwechslung und so beschließen wir weiter in den Toubkal Nationalpark zu fahren. Hier im Tal zwischen großen Bergen und mit vielen Bäumen herrschen ganz andere Temperaturen. Wir akklimatisieren uns ein zweites mal, wandern und genießen Abends das Essen aus der Tajine.

Unser nächster Anlaufpunkt ist Marrakech. Die Stadt mit einem Marktplatz auf dem Tag und Nacht das Leben tobt. Wir versuchen gar nicht erst mit dem Auto zu unserer, einem Reiseführer entnommenen, Unterkunft durchzukommen. Stattdessen kommt der Dacia auf einen bewachten Parkplatz und die Rucksäcke werden von einem freundlichen alten Mann mit Karren durch die engen Gassen gefahren. Das Gewusel auf den Straßen wirkt unkoordiniert, aber es funktioniert. Vorbei an offenen Fleischtheken, Gewürzläden, Schrotthändlern und auf Touristen ausgelegte Souvenirshops gelangen wir zu unserer Pension. Als wir uns am Abend bei milderen Temperaturen, aber dennoch lockeren 30 Grad, auf den Weg Richtung Markt machen ist noch immer Hochbetrieb. Die Händler bieten ihre frisch gepressten Säfte an, Pferdekutschen bahnen sich den Weg durch die Massen, es raucht und riecht nach gebratenem Fleisch. Kleine Kinder verkaufen Taschentücher und da wo Abends noch getanzt wurde sehen wir am nächsten Morgen Schlangenbeschwörer, Gewürzhändler und riesige Haufen aus Kleidung in denen unermüdlich gewühlt wird.
Das Auto fehlt uns nicht. Die nähere Umgebung durchstreifen wir zu Fuß, für weiter entfernte Ziele wie den Jardin Majorelle gibt es Petit Taxis die für wenig Geld durch die Stadt flitzen. Marrakech beeindruckt, strengt aber auch an.

Nach der großen Stadt stand das Meer auf dem Plan und so fahren wir weiter nach Essaouira. An der Atlantikküste gelegen ist dieses Städtchen besonders bei Surfern beliebt. Nach den hohen Temperaturen in Marrakech ist uns nun wieder kalt wenn wir durch die windigen Gassen spazieren. Gelohnt hat es sich trotzdem, allein wegen des frischen Fischs der einem frisch vor der Nase gebraten wird.

Die letzten Urlaubstage verbringen wir im La Dune, einer Pension mitten im Nationalpark und nur ca. eine Dreiviertelstunde von Agadir entfernt. In fünf Minuten ist man am Atlantik, hören tut man ihn die ganze Zeit. Es ist fantastisch sich in die Fluten zu stürzen und beängstigend wenn die übermannshohen Wellen zusammenbrechen und einen verschlucken. Zusammen mit einem Ortskundigen Ranger schauen wir uns dann noch den Nationalpark an, sehen Wasserschildkröten, Flamingos, den seltenen Waldrapp und allerlei interessante Pflanzen.

Das war sie, unsere Rundreise durch „Das Land, das sie nie wieder loslässt“ wie Marokko für sich wirbt. Auf mich trifft das zu, 18 Tage waren toll und vorerst genug ‐ aber ich komme auf jeden Fall mal wieder her. In Marokko kann man einfach und günstig reisen. Ein Pauschalurlaub ist es nicht, und man muss sich auf eine andere Kultur einlassen und bereit sein neue Wege kennen zu lernen. Wer nicht all sein Geld in teure Hotels investieren will, dem wird ab und an mal einen Kakerlake über den Weg laufen ‐ aber damit kann man leben.