Kaffeeersatz

Der Geschmack von Jod und Algen: Ein Bretagne Roadtrip‐Guide

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Sponsored Post: Ein Roadtrip durch die Bretagne in Kooperation mit Atout France.

Ein holpriger Start.

»Es kotzt mich alles an, es kotzt mich an!«
Steven macht seinem Ärger Luft.
Apokalyptischer Landregen setzt ein, als wir den Flughafen in Nantes verlassen.
Kein Gepäck, Hunger, strömender Regen – unser fünftägiger Roadtrip durch die Bretagne kann beginnen!

Nantes – Sarzeau – Vannes – Baden – Île de Groix – Perros‐Guirec – Le Conquet – Île de Molène – Pointe de Saint‐Mathieu – Brest – Douarnenez – Nantes

Um Zeit zu sparen, decken wir uns im supermarché mit günstigem Käse, Baguettes und Tomaten ein und picknicken während der Autofahrt. Auf einer Skala von 1 bis 10 ist Stevens Laune bereits am absoluten Nullpunkt angelangt, da in Kürze eine Fahrradtour auf uns wartet und das bretonische Wetter bisher keine Anstalten macht, sich zu bessern.

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Durch die Wildnis Frankreichs: Auf dem Klettersteig in der Lozère

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Auf Einladung.

Ich weiß nicht, was mich eher auffangen wird: Der tosende Fluss, dessen Wassermassen das Ufer verschlucken und Baumstämme in Stromschnellen zerreißen? Ist es der kontrastlose Nebelteppich, der die Umgebung verschwinden lässt und mit grauen Wolkenwänden verschmilzt? Oder sind es die schroffen Zehen des Gorges du Tarn, die stummen todbringenden Felsenschluchten, die sich unter mir ausbreiten, darauf wartend, dass ich einen Fehler mache? Wie ich es auch drehe und wende – ein Fehler wäre hier das Ende.

Vergangene Nacht ging die Welt unter. Das Unglück stieg aus dem Flussbett, schritt in schmatzendem Marsch über die durchtränkten Wiesen und Felder hinweg bis an den Fuß der niedrig gelegensten Hütte des Tals. Auf seinem Weg verschlang es Pfade und Straßen, machte vor nichts Halt.

Nun ist die Stimmung gut. Freund Timo ist nach tagelanger Odyssee durch Frankreich endlich zu uns gestoßen, nun kann es richtig losgehen. Vier Männer, ein Abenteuer. Und unser Guide Fabien, der Timo, Steven, Marco und mich bestenfalls lebend durch das Gebirge der französischen Region Lozère bringen soll. Er zeigt mir die Ausrüstung: Ein Overall gegen den Dreck, ein Klettergürtel, ein Kletterhelm. Ein Blick in seine wachen Augen.
Würde ich mein Leben in seine Hände legen?
Wahrscheinlich.
Würde ich mein Leben in ein Stück Metall in Form eines Karabiners legen? Es muss wohl sein.

Wir verlassen unseren Wagen und folgen der Serpentinenstraße, bis Fabien einen Trampelpfad im Gebüsch des Wegesrandes ausmacht. Ein Schild mit der Aufschrift “Via Ferrata” deutet an, dass wir hier richtig sind. Fünf Männer bahnen sich durch das Gestrüpp zur Via Ferrata de Rousses, bis das rauschende Dröhnen des Flusses uns die Stimme nimmt. Hier fließt der kleine Bruder des Tarn, der Massevaques. Vor uns tut sich eine Felswand auf, an der ein dünnes Drahtseil befestigt ist. Daneben befinden sich in Eisenstreben, die in das Gestein getrieben wurden, um den Kletterern eine stufenweise Besteigung zu ermöglichen.

“Lasst es uns angehen”, sagt Fabien.
“Zwei Optionen. Option 1: Wir beginnen mit der Anfängerroute, um warm zu werden. Option zwei ist die spaßigere Variante.”
“Wir wollen Action”, sagt Timo und beginnt, vor mir die fortgeschrittene Kletterroute zu erklimmen. Ich folge ihm.

Das Metall ist kalt und nass vom Regen der letzten Tage. Ein ums andere Mal wird mein Griff unsicher, meine Hand rutscht ab, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Mein suchender Blick geht nach oben um herauszufinden, wohin ich mich als nächstes bewegen muss.
Ein Überhang wartet auf mich. Kaum fünf Minuten am Fels und schon zwingt mich die Wand, ohne meine Füße zu klettern.
Das Abenteuer, nach dem ich in Frankreich gesucht hatte.
Ich greife das nächste Eisen und ziehe mich auf einen kleinen Vorsprung. Timo steht bereits dort und schaut voll Vorfreude auf das Drahtseil, welches quer über den Fluss gespannt ist. Eine “Tyrolienne”, eine Seilrutsche begrüßt uns. Ans Seil haken und ab über das Tal.
Fabien zeigt uns, wie wir uns festmachen sollen und lässt sich als erster auf die andere Seite hinüber .
Jetzt ist Steven an der Reihe. Gemeinsam überprüfen wir, ob er sich korrekt gesichert hat. Ein Karabiner hier, ein Karabiner da. Richtig so?
Dann ein tiefes Durchatmen.
“Ein paar letzte Worte?”
“I love you all”, sagt er und hängt sich an den schwingenden Stahl.
Weg ist er. Für fünfzehn Sekunden gleitet er über der Landschaft hinweg.

Auch ich klinke mich ein und rase in meinem Klettergurt sitzend durch die Schlucht. Ein irres Gefühl, fast schwerelos durch die Luft zu fliegen. Ich werde schneller und schneller, bis Fabien mich schließlich abfängt und davor bewahrt, am Stein zu zerschellen.
Zwanzig, dreißig Meter unter mir tobt der kalte Schwall des Massevaques durch die französische Szenerie, als wäre nichts geschehen.

Wir steigen zum Fluss hinab und die Welt um uns wird wieder zu einem Rauschen. Die Luft ist frisch und doch schwer von aufspringenden Tropfen aus dem Fluss. Einige Eisenstiege sind noch vom Wasser überspült, andere hat das Nass bereits aus seinem festen Griff der letzten Nacht befreit.

Es geht wieder nach oben, schwierigere Stiege warten auf uns. Da wir keine geübten Kletterer sind, machen wir die mangelnden Technikkenntnisse mit Kraft wett. Langsam zeigt sich der Schlafmangel der vergangenen Nacht – wir hatten Timo abgeholt und den Abend bei Freunden und gutem Essen verbracht. Danach folgte eine waghalsige Autofahrt durch die wilde Nacht der Lozère.
Wir sind jedoch vorbereitet. Zurücklehnen, das Gewicht in den Gurt legen und mit den Füßen an der Wand abstützen, dann bleiben die Hände auch für wichtige Dinge frei. Schokoladenkekse zum Beispiel.

Der nächste Abschnitt wird eine Herausforderung: Ich muss mich um eine Ecke winden, ohne mögliche Griffpunkte zu sehen und zu wissen, wohin ich mich bewegen kann. In der Tiefe unter mir pulsiert der Fluss schon beinahe freundlich. Als wollte er mir sagen: Lass dich fallen, Freund. Ich fange dich sanft.
Ich traue ihm nicht und bahne mir den Weg um den schwierigen Steinvorsprung.

Dann eine letzte Etappe über zwei Seilbrücken. Als ich sie überquere, windet sich der Stahl wie ein tollwütiges Tier unter mir.
Schließlich das kleine kinderzimmergroße Plateau, unser heutiges Tagesziel. Ich nehme meinen Helm ab und ziehe den verschwitzten Pullover aus. Was für eine Tour, viel anstrengender und spannender als ich dachte!
Plötzlich ein Schrei.

Hinter mir mache ich Steven auf einer Seilbrücke aus, seine knallrote Jacke ist klar zu erkennen. Der Draht unter seinen Füßen schwingt bedrohlich, windet sich um fast einen halben Meter in alle Richtungen.
Steven hält sich mit beiden Händen am Seil fest. Sein Griff ist so stark, dass sich seine Finger langsam weiß färben. Aus seinem Gesicht weicht jegliche Farbe. Etwas anderes rückt an dessen Stelle: Pure Angst.
Ein kleiner Spaß unseres Guides Fabien. Er steht hinter Steven auf der Seilbrücke und bringt sie zum Wackeln. Was dieser nicht weiß: Steven ist Höhe nicht sonderlich zugeneigt.

Nach diesem unangenehmen Moment der Panik und vielen Schimpfwörtern, treffen wir alle auf dem Vorsprung zusammen, der das Ende unserer Tour auf der Via Ferrata de Rousses darstellt. Zu unseren Füßen liegt die wunderschöne Landschaft der Lozère, ein Gemisch aus rauen Felsen, wilden Flüssen und dunklen Wäldern, die so manche Geschichte bergen.

“Wie fühlst du dich jetzt?”, frage ich Steven. “Nachdem du dich deiner Angst gestellt und sie während der Klettertour überwunden hast. Du musst dich wie ein Held fühlen!”
“Ich fühle mich scheiße”, sagt er mit einem müden Lächeln.
Ich muss lachen. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter und denke an das, was er geleistet hat. An die Überwindung, die es ihn gekostet hat.
Ich denke auch an den Spaß, den ich hatte, mit den Füßen über dem Abgrund. Den Händen am nassen Eisen des Klettersteigs, unsicher, ob der nächste Griff mich halten wird.
Es war eine Tour, die durch die ungezämte Umgebung der Lozère zu einem richtigen Abenteuer wurde.

Zusammen mit Steven vom Funkloch, Timo von Bruder Leichtfuß und Marco von Life is a trip war ich in Frankreichs wildem Winkel, dem Département Lozère unterwegs. Auch die anderen Jungs haben über ihre Erfahrungen geschrieben – klick einfach auf ihre Namen, um zu ihren spannenden Geschichten zu gelangen. Mit dem Hashtag #francenature findest du auf Twitter und Instagram weitere Eindrücke unserer Reise.
Vielen Dank an Monika von Atout France und Inger von Lozère Tourismus für die Organisation und die Unterstützung unseres Abenteuers!

Im Rausch des Übermuts: Canyoning im Chassezac

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Steven beim Canyoning im Chassezac, Frankreich

Steven im Canyon des Chassezac in der Lozère, Frankreich

Ich traue meinen Augen nicht. Was tue ich hier? Was ist bloß mit meiner Vernunft geschehen? Ich sitze auf einem Felsen im Canyon des Chassezac in der Lozère in Frankreich. Auf meinen Rücken prescht das kalte Nass mit einem Druck von mehr als 640 Liter pro Sekunde. Ich bin kurz davor zu springen.

Alle erdenklichen Ängste schießen mir durch den Kopf.

Ich habe Angst, stecken zu bleiben, vom Druck der Wassermassen erdrückt zu werden. Ich habe Angst, mich in der Tiefe der Felsspalten zu verkanten und zu ertrinken. Ich habe Angst, loszulassen und einfach in den Siphon hineinzugleiten. Ich mag die Dunkelheit nicht. Ich mag es nicht, unter Wasser zu sein und nicht atmen zu können. Aber vor allem mag ich die Ungewissheit nicht. Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht und sich gerne in positiven Erfahrungen wiegt.

Doch dieser Tag im Canyon hat etwas mit mir angestellt, wovon ich vorher nicht träumen mochte. Der schmale William und ich sind über acht Stunden im Rausch des Übermuts durch den Chassezac gezottelt. Mal über Felsen, mal unter den Felsen hindurch. Ein anderes Mal im Wasser oder mal unter Wasser. Jedoch immer stromabwärts und immer auf der Jagd nach einem noch größeren Adrenalinkick.

Dieses Hindernis sollte mir alles abverlangen. Natürlich gäbe es auch einen anderen Weg, ganz ohne Siphon. Doch William meint, dass es nach diesem Tag kein zurück mehr gäbe. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, hole Luft für mehrere Minuten, zähle langsam von drei zurück und lasse mich letztendlich vom Druck der Wassermassen getragen in das dunkle Loch gleiten. Etwa drei Meter falle ich in die Tiefe, ehe ich in einem Wasserloch gebremst werde, nach wenigen Sekunden tauche ich in einer kleinen Grotte nach Luft japsend auf. Ein schmaler Lichtschimmer weist mir den Weg. Meine Hände zittern. Doch dieses Mal liegt es nicht an der kalten Wassertemperatur. Es ist die Aufregung gepaart mit Erleichterung.

Noch zwei Stunden nach der Challenge zittern meine Hände. Und das, obwohl ich die Sicherheit hatte, dass William mich natürlich nicht in ein unerforschtes Loch hätte springen lassen. Denn Sicherheit steht genauso wie bei mir, auch bei ihm und seinem Arbeitgeber Grandeur Nature an erster Stelle.

Steven war in Kooperation mit Lozère Tourismus in Frankreich unterwegs, um Abenteuer zu erleben. Vor Ort war er nicht nur im Canyon unterwegs, er hat auch tolle Menschen getroffen, sich mit ihnen über die Balance zwischen Leben, Arbeit und Natur unterhalten und die Region mit dem E‐Bike entdeckt.

Was das Glück für uns bereithält: Ein Erfahrungsaustausch zweier Generationen

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62 Jahre jung und vom Leben gezeichnet. Freude, Liebe und Erfahrungen haben sein Gesicht mit friedlichen Falten geprägt. Aber auch Leid, Trauer und Sorgen. Dennoch werten seine blauen Augen und das dichte weiße Haar sein Erscheinungsbild zu einer herzergreifenden Person auf. Das ist Torsten. Zwei Wochen lang habe ich ihn jeden Abend getroffen, als ich mit Freunden auf Korsika den GR‐20 gemeistert habe. Das Schicksal wollte es so, dass sich unsere Wege kreuzten. Er ist einer dieser Menschen, die man nicht vergessen wird. Einer dieser Menschen, die eine Reisebekanntschaft waren, aber immer im Gedächtnis bleiben. Von ihm habe ich eine Antwort auf meine ewige Frage erhalten, was Glück im Leben einer orientierungslosen Seele bedeutet.

„Nach meinem Studium wusste ich nicht, wohin es gehen sollte“, begann er seine Geschichte.
„Es war eine Zeit des Umschwungs. Keiner war sich seiner Sache sicher oder hatte eine Garantie, dass die Zukunft das bereit hielt, was sie einem gegenwärtig versprach.“
Das kam mir bekannt vor.
„Es gab eigentlich nur einen Weg für meine zahlreichen unbeantworteten Fragen. Ich musste raus aus Deutschland. Raus aus Europa und die Dinge tun, die ich normalerweise nicht tun würde, um mein täglich Brot zu verdienen. Ich musste meinen Rucksack packen und in die Welt hinaus.“
Rede weiter!
„Also ging ich nach Amerika. Damals wurde mir gesagt, dass ich ohne Green Card keine Arbeit finden würde. Ich gab mich als Tourist aus, der lediglich ein paar Städte besuchen möchte und habe die nächste Mitfahrgelegenheit Richtung Midwest genommen. Dort fand ich die Menschen, die ich erwartet habe. Farmer, die mir ohne Green Card für meine Arbeit Essen, Unterkunft und ein paar Dollar gegeben haben.“

Torsten arbeitete über einen Monat lang auf einer Farm, auf der Harold das Sagen hatte. Torstens Aufgabe sollte die Kastration der Schafe sein. Traumjob. Das Männchen wurde herangetragen, der Hodensack wurde fest gegriffen, nach unten gezogen und mit einem Messer aufgeschnitten. Die Hoden wurden in einem Eimer geworfen. Der abgeschnittene Hautlappen wurde dem Wachhund zum Fraß hingeworfen. Am Ende eines Tages landete der Eimer mit den Hoden direkt auf Harolds Schreibtisch. Blutverschmiert stand Torsten seinem Vorgesetzten gegenüber, bis dieser alle Hoden durchgezählt hatte. Dementsprechend wurde sein Tageslohn berechnet.
So ging es Tag ein, Tag aus.
Ich weiß nicht, ob es an einer entwickelten Leidenschaft für Kastration lag oder an Harolds Tochter, auf die er ein Auge geworfen hatte, dass Torsten so lange auf dieser Farm arbeitete. Irgendwann kam jedoch die Zeit, in der er den Entschluss gefasst hatte, weiter zu reisen. Amerika wartete. Harold ließ ihn nur ungern gehen.
„You‘re a good boy, Torsten.“
Er tat es mit dem weinenden Auge eines streng konservativen Amerikaners.
„God bless you!“, waren seine letzten Worte.

Keine zehn Minuten später hielt auch schon die erste Mitfahrgelegenheit.
„Damals konntest du in Amerika drei Arten von Fahrern erwischen: 1. Den streng religiös Besessenen. Er hat dich die ganze Fahrt über versucht zu bekehren. Dies ging dir relativ schnell auf die Nerven. 2. Den Farmer. Er hat dich nur auf die Ladefläche seines Pick‐Ups verwiesen, auf der entweder Ziegen oder Hilfsarbeiter saßen. 3. Den Kiffer. Der Sorglose. Am Rückspiegel seiner verrosteten Karre hast du schon die Pinzette mit den Resten eines Joints anheften sehen. Du wusstest sofort, dass dies eine total entspannte Fahrt wird, weil er dir nach spätestens 20 Minuten seinen Monsterjoint anbot. Pures Marihuana. Daran musste man sich als Europäer erstmal gewöhnen.
Ging aber ganz schnell“, berichtete er.

So fuhr Torsten vom mittleren Westen bis in den tiefen Süden hinein. Traf die verschiedensten Menschen und lernte mit den Eigenheiten und Launen eines jeden umzugehen und sie zu respektieren. Seine letzte Station war Mexiko.
„Zu meiner Zeit ging es dort heiß her. Tourismus war gerade in den Kinderschuhen. Alles, was ich in den Staaten gelernt habe, wurde in Mexiko nicht geduldet. Du musstest dich neu anpassen. Aber diese Frauen! Die Frauen machten es einem echt schwer.“
Wann fängt Begierde an sich in Liebe zu verwandeln? Jeden Abend saßen wir auf dieser Mittelmeerinsel und lauschten seinen Geschichten. Wurde er sehr persönlich, kam es mir vor wie eine Beichte. Vielleicht brauchte er genau das. Ein paar junge Menschen, die sich schweigend seine Lebensgeschichte anhörten, um seinen Frieden zu finden. In Afrika erlag er einer Krankheit, unter der er noch Jahre später litt und dadurch Angst um sein Leben hatte.

Ich erinnere mich an ein Filmzitat: „Wenn ein Mann zugibt, dass er Angst hat, sollen ihm all seine Sünden vergeben werden.“
Oder so ähnlich. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Angst um mein Leben? Das unscheinbare Loch im Kopf, gleich hinter seinem Ohr, beweist seine vergangenen Leiden. Dennoch zeichnet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, während er erzählte.
„Heute kann ich darüber lachen. Damals habe ich mir den Kopf mit meinen Gedanken zerbrochen“, gestand er.
„Wusstest du denn immer, was als nächstes kam?“, wollte ich wissen.
„Eigentlich nicht. Irgendwie kam alles auf mich zugeflogen. Ich habe nie darum gebeten. Vielleicht ist es deine Erfahrung, die deinen Mitmenschen in den Glauben versetzt, dass du immer der Richtige für den jeweiligen Job bist. Dadurch konnte ich wieder Geld sparen für die nächste Reise.“

Am letzten gemeinsamen Abend auf Korsika entschieden wir, am Strand von Ajaccio zu kochen. Nudeln mit Pesto bei Sonnenuntergang mit Blick auf das Mittelmeer. Als die Sonne den Horizont küsste und der Mond langsam erwachte, wurden die Gesprächsthemen melancholischer .
„Ich bin froh, euch kennengelernt zu haben. Ihr seid eine starke Truppe. Ihr versteht die Dinge“, gestand er.
„Wie kommst du darauf? Wir sind jung und unerfahren. Das Leben liegt noch vor uns“, entgegneten wir gemeinsam.
„Wisst ihr, wenn ich mit Menschen meines Alters spreche, die ihr ganzes Leben einfach nur gearbeitet und Geld verdient haben, fühle ich mich unwohl. Wenn ich mit diesen Menschen ein Theaterstück ansehe, reden alle nur davon wie toll oder miserabel die Darsteller waren. Wie beeindruckend die Leistung des Regisseurs war. Keiner redet über die Tiefe des Stückes. Keiner redet über die Intention des Ausführenden. Als wären alle oberflächlich. Mit euch kann ich über Liebe, Trauer und Erfahrung reden, ohne mich zu verstellen.“

Der lange Tag hinterließ seine Spuren und die Ersten von uns traten den Rückweg zu den Zelten an. Torsten und ich saßen noch am Strand, zusammen mit drei Litern feinstem Rotweinfusel. Er versuchte mit einer leeren Flasche eine dicke Ratte zu treffen, die am Strand nach Essensresten direkt in unserer Nähe suchte. Vergeblich.
„Torsten, was bedeutet für dich Glück?“, wollte ich endlich nach diesen zwei Wochen erfahren.

„Glück?“, er überlegte einige Minuten.
„Weißt du, ich habe viele Ehen gehabt. Bin hier mit meinen drei Söhnen unterwegs, die eigentlich nichts von mir wissen wollen und nur aus Anstand dabei sind. Ich habe die halbe Welt gesehen, dabei oft dem Tod in die Augen gesehen und kürzlich eine neue Liebe entdeckt. Glück kommt und geht. Oft, wenn du es nicht erwartest. Du bist sieben Monate unglücklich, würdest am liebsten Abschied nehmen und dann hast du plötzlich zwei oder drei Monate Glück. Alles läuft sorglos und genau nach deinen Wünschen und dann kommt wieder eine längere Periode des Unglücks. Dennoch hast du im kurzen Zeitraum des Glücks so viel Gutes aufgenommen, dass es dich auf die nächste Glücksperiode freuen lässt und das Unglück nicht wahrhaben lassen möchte. Es kommt und geht wie das Leben um dich herum. Wie fühlst du dich denn jetzt?“
„Ich bin zutiefst unglücklich, dass die zwei schönsten Wochen des Jahres jetzt vorbei sind“, antwortete ich.
„Sei nicht traurig. Wenn du wieder zu Hause bist, erinnerst du dich mit einem Lächeln an das Glück, das dir auf dieser Insel mit deinen Freunden widerfahren ist.

Wir gingen schlendernden Schrittes den Hang Richtung Zeltplatz hinauf. Er wirkte auf einmal zerbrechlich. Schweigend trennten sich unsere Wege. Wir haben alles gesagt, was zu sagen war. Als ich an meinem Zelt ankam, schmiss ich die nunmehr leeren Weinflaschen in den Mülleimer und weckte dadurch schätzungsweise die halbe Nachbarschaft. Ich kuschelte mich in den Schlafsack und musste nachdenken. Plötzlich fühlte ich mich jung und voller Vitalität. Bisher dachte ich, dass ich mit meinen 23 Jahren schon vieles erlebt hatte, aber nun schloss ich die Augen und wusste, dass das Leben immer vor mir liegt.
Egal wie unglücklich oder alt ich bin.

Europas Surfkultur im Filmportrait „The Old, The Young & The Sea“ ‐ Ein Interview mit den Machern

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Mensch und Surfboard ‐ Ein Portrait Europas Atlantikküste

Fotos: Nomad Earth

Wer träumt nicht davon mit einem Bulli durch die Länder Europas zu cruisen. Das Surfbrett auf dem Dach und die Landschaften mit den kulturellen Eindrücken auf sich einwirken lassen. So ähnlich hat es das Team von Nomad Earth dieses Jahr gemacht. Jedoch verfolgten sie dabei ein Ziel. Mit dem Filmprojekt The Old, The Young & The Sea dokumentieren sie die Surfkultur entlang der Atlantikküste von Frankreich über Spanien und Portugal. Als ich mir auf der Homepage die genialen Fotos und die bewegenden Geschichten durchgelesen habe, war ich stark beeindruckt von dem Vorhaben und der Professionalität, die dahinter steckt.
In einem Interview mit Andreas Jaritz von Nomad Earth, stellen wir euch das Projekt genauer vor. Lest etwas über Sunny‐Boys, kulturelle Begegnungen und Reisefreiheit.

Stefan: Ein echtes Mammutprojekt. Bedenkt man, wie viel Aufwand in der Vorbereitung steckt, um auf „Recherchereise“ zu gehen, hattet ihr sicherlich Höhen und Tiefen. Was ist der Kerngedanke von „The Old, The Young & the Sea“ und welche Nachwirkungen erhofft ihr euch?

Andreas: Der Kerngedanke von The Old, The Young & the Sea ist ein Portrait Europas Küste, deren Bewohner und Besucher zu machen. Die thematische Klammer bildet dabei der Surfsport. Alle Protagonisten unseres Films haben mit dem Ozean und zumeist auch mit dem Surfen zu tun. Eine Nachwirkung die wünschenswert wäre, ist die Loslösung vom Cliché‐Bild des Surfers in den Köpfen der Zuseher: jahrelang hat uns die Surfindustrie ihre Helden gezeigt, Leistungen, die die meisten von uns nie erzielen können, und natürlich viele viele schöne Körper. Ein bisschen eindimensional war es dann oft schon fast. Wir möchten versuchen, das Leben auch all jener zu zeigen, die jeden Tag surfen, aber eben nicht super‐ ästhetisch ihre Linie fahren. Wir wollen das Besondere im Normalen entdecken, aber natürlich zeigen wir auch Top‐Leistungen und Top‐Athleten. Es geht darum, Surfen in Europa in seiner Ganzheit zu zeigen. Es ändert sich aber stets die Perspektive.

Stefan: Das Projekt erhält Unterstützung von wirklich namhaften Unternehmen. Hättet ihr es auch ohne Sponsoren versucht?

Andreas: Ja. Aber dann wäre es fast schon unmöglich gewesen, das Projekt in Angriff zu nehmen. Zum einen, weil dann gar keine Kohle außer der eigenen da wäre und zum anderen, weil wir über unsere Partner zu enorm wertvollen Kontakten in den Regionen gekommen sind.

Stefan: Wie viel Zeit habt ihr auf euren Brettern verbracht und wie viel Zeit mit dem Projekt?

Andreas: Man versucht natürlich auf der Reise so viel wie möglich ins Wasser zu kommen. Muss man auch, sonst verliert man den Zugang zur filmischen Materie 😉 Es gab auf den Drehreisen immer wieder Phasen, wo wir tagelang nicht ins Wasser gekommen sind, dann aber auch wieder fast jeden Tag. Leider haben wir selbst nur selten bei perfekten Bedingungen surfen können… da wurde zumeist gefilmt.

Stefan: Auf der Homepage des Projekts stellt ihr verschiedene Persönlichkeiten und Projekte vor, die ihr auf eurer Reise entdeckt habt. Zufällige Begegnungen oder akribische Planung vor Reiseantritt?

Andreas: Beides. Der Plan war von Anfang an, eine Kombination aus vorweg geplanten Interviews und zufälligen Bekanntschaften zu machen. Das deckt sich auch mit unserem sozialwissenschaftlichen Background: Wir sind selbst ins Feld gegangen, Leben mit den Protagonisten mit (reisen mit ihnen, campen selbst, surfen mit unseren Interviewpartnern etc.) und lernen von ihren Erfahrungen und Tipps. Wenn du ein fertiges Skript hast, nachdem du dich richtest, kannst du fast nicht mehr zufällig auf die Top‐Story stoßen, weil du nur mehr an deinen Vorstellungen kleben bleibst.

Stefan: Was hast du für dich Persönlich von den Menschen gelernt, die du unterwegs getroffen hast?

Andreas: Extrem viel von jedem einzelnen. Vor allem aber, dass es so viele Zugänge zum Surfen und so viele Lebensmodelle gibt, dass man nicht von richtig oder falsch sprechen und in schwarz/weiß denken kann. Egal für welches Lebensmodell man sich entscheidet, man kann sich immer weiterentwickeln, es gibt immer Perspektiven und Möglichkeiten.

Stefan: Wie konntet ihr auf der Reise online bleiben und das Material für eure Homepage erarbeiten?

Andreas: Wir haben uns in Frankreich, Spanien und Portugal jeweils Wertkarten SIM‐Karten für mobiles Internet besorgt. Dazu haben wir uns einen USB‐Stick mit ein bisschen mehr Power zugelegt und mit einer externen Antenne im Bulli verkabelt. Hängt man das Ganze dann noch an einen kleinen WIFI‐Router im VW‐Bus, kann man größtenteils auch in etwas abgelegenen Gebieten gut online arbeiten (großer Dank an den Mathias für den technischen Support!)

Digitale Nomaden ‐ Arbeiten unterwegs

Stefan: Diesen Herbst rollte euer Bulli wieder auf der Straße. Habt ihr die gleiche Route genommen oder gab es Planungsänderung (verglichen mit der ersten Tour im Frühjahr)?

Andreas: Wir sind grundsätzlich die gleiche Tour gefahren, haben einige Orte ausgelassen und manch neuen Spot dazugenommen. Der Plan ist recht gut aufgegangen, die Route zweimal zu machen. Im Frühjahr hatten wir kaum gute Wellen, da war der Herbst Gold wert. Und richtig cool war auch, dass wir bei der zweiten Tour Freunde und Bekannte der ersten Reise besucht haben und nicht mehr überall als Fremde ankamen.

Stefan: Zum Schluss. Welche Bedeutung hat für dich das Wort Reisefreiheit?

Andreas: Zweifache Bedeutung: Einerseits, dass ich frei bin / frei habe, um auf Reisen gehen zu können und andererseits, dass ich auf Reisen die Freiheit habe, dorthin zu gehen, wohin es mich zieht. Reisefreiheit ist meiner Meinung nach fast nicht mehr gegeben, weil man durch den Medienkonsum so stark beeinflusst wird („Must‐Dos“, „Du kannst nicht nach X fahren, ohne Y gesehen zu haben“), dass man auf Reisen fast nicht mehr frei entscheidet was man macht.

Hier der erste Trailer zum Filmprojekt: